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Pro und Kontra : Hat der Diesel noch eine Zukunft?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie geht es mit dem Diesel weiter? Da haben unsere Redakteure unterschiedliche Auffassungen. Die Argumente im Pro und Kontra.

Pro (Jürgen Muhl)

Ja, der Diesel hat eine Zukunft. Er hat sie verdient. Noch besser gesagt: Die Dieseltechnik hätte eine Zukunft, wenn die jetzt aus allen Ecken kommenden Scharfmacher zur Vernunft zurückkehren. Derzeit tun sie alles dafür, den Diesel-Skandal als Staatsaffäre zu dramatisieren. Auch mit dem Ziel, Wahlkampf zu betreiben. Sie gefährden die gesamte deutsche Wirtschaft, die über Jahrzehnte von der Autobranche gezogen worden ist. Gehört doch das Auto zum Haushalt wie der Fernseher und das Smartphone. Zugegeben: Die beschuldigten Automobilkonzerne haben gelogen und betrogen. Allen voran der Volkswagen-Konzern. Die Unternehmen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, sie haben auf kriminelle Art und Weise den Diesel vergewaltigt. Sie haben eine altbewährte Technik angreifbar gemacht. Volkswagen und Co. haben sich am Diesel versündigt. Und sich selbst allergrößten Schaden zugefügt.

Dabei gibt es ausreichend Perspektiven für den sauberen Diesel. Die technische Machbarkeit ist vorhanden, der Reichweitenvorteil ebenso – wie auch der sparsame Verbrauch. Wer es mit der Reduzierung von CO2 wirklich ernst meint, der braucht den Dieselmotor. Das Stickoxid-Problem ist sowohl mit Software-Updates, noch besser mit Hardware-Nachrüstsystemen in den Griff zu bekommen. Dies hätten die Autokonzerne schon längst umsetzen müssen – dann wäre der Diesel erst gar nicht so übel durch den Dreck gezogen worden wie es in den letzten Monaten der Fall war. Es gibt keine Sicherheit, dass die E-Mobilität die allein seligmachende Alternative zum Verbrennermotor ist. So geht aus einer neuesten schwedischen Studie hervor, dass man ein Fahrzeug mit herkömmlichem Verbrenner acht Jahre fahren könne, bevor es die Umwelt so stark belastet wie die Produktion eines Lithium-Akkus für ein E-Auto der Größe eines Tesla Model S. Insofern sind Kaufprämien für E-Autos Unfug.

Der Diesel hat eine neue Chance verdient. Eben mit modernster Technik. Dazu sollte in alternative Antriebe wie Wasserstoff und Batteriezellen verstärkt investiert werden. Der saubere Diesel bleibt als Übergangstechnologie. Bis es bessere Lösungen gibt. Welche es auch immer sein werden.

 

Kontra (Martin Schulte)

Das baldige Aus für Diesel und Benzin – warum eigentlich nicht? Die Gelegenheit ist günstig wie nie, denn die deutsche Autoindustrie steckt in der wohl größten Krise ihrer Geschichte. Also wäre es nur konsequent, jetzt auch politisch das Aus für die Verbrennungsmotoren zu beschließen – und damit Daimler, VW und BMW zum Umlenken zu zwingen.

Die Energiewende auf deutschen Straßen, von Diesel und Benzin hin zu Elektromobilität oder zumindest Hybrid, ist ein Zukunftsprojekt, das gesellschaftlich gewollt ist, bislang aber von den Konzernen erfolgreich verhindert wurde. Diese zeigen zwar auf jeder Messe neue E-Auto-Modelle, verweigern sich aber konsequent der Behebung von Problemen, die mit den sauberen Antriebstechniken einhergehen: die mangelnde Reichweite der Elektromotoren oder das fehlende Netz an Ladesäulen.

Wenn der Modernisierungsschub in der deutschen Autoindustrie aber tatsächlich an fehlenden Ladesäulen scheitern sollte, dann würde gelten, was in den letzten Wochen immer wieder aus der Politik zu hören war: Das Gütesiegel „Made in Germany“ nähme Schaden. Kaum zu glauben, dass es so kommt. Die deutsche Autoindustrie ist immer noch mächtig und einflussreich und weltweit angesehen, sie sollte jetzt schnell nach vorne blicken und einen Säuberungsprozess beginnen – im wahrsten Wortsinne. Für das Klima und für die Gesundheit der Bürger in den Städten. Und für die eigene Zukunftsfähigkeit.

Eine andere Energiewende kann dabei, zumindest in ihren positiven Aspekten, als Vorbild dienen. Niemand – die Kanzlerin inbegriffen – hätte vor Fukushima geglaubt, dass das Ende der deutschen Atomkraft innerhalb von Wochen beschlossen werden könnte. Eine Schlüsselindustrie wurde zum Umdenken gezwungen. Manchmal wachsen gute Entwicklungen aus schlimmen Ereignissen. Auch, weil die Politik unter Druck steht.

Das ist in der Krise der deutschen Autoindustrie offensichtlich noch nicht in ausreichendem Maße der Fall, auch wenn die Abgasmanipulationen und Kartellabsprachen schon einen Keil zwischen Politik und Autokonzerne getrieben haben. Die Bürger haben es in der Hand, diese Entwicklung zu fördern. Freie Fahrt in Richtung Bundestagswahlkampf: Dieselgate und Kartellkrise sind doch richtig schöne Themen.
 

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erstellt am 01.Aug.2017 | 09:59 Uhr

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