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Habeck geht auf die Landwirte zu

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auf die Kritik von Bauernverbands-Präsident Werner Schwarz folgen versöhnliche Töne des Ministers / Volles Norla-Gelände in Rendsburg

Entspannte Stimmung in der Deula-Halle. Rund 1000 Landwirte sind zum Landesbauerntag gekommen. Die Luft in der Halle ist stickig, nebenan auf dem Messegelände freuen sich die Veranstalter über einen Andrang, wie es ihn seit Jahren in Rendsburg nicht mehr gegeben hat. Claus Ehlers, der frühere Bauernchef im Kreis Rendsburg-Eckernförde, kann sich kaum an ein „solch volles Norla-Gelände“ erinnern. „Jedenfalls im letzten Jahrzehnt nicht“, sagt Ehlers und freut sich mit der anwesenden Bauernschaft über einen gelungenen Messeauftakt. Auch Werner Schwarz, der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes, wirkt gelöst. Wie auch Landwirtschaftsminister Robert Habeck, der bei vielen Bauern wegen seines Hangs zur Natur in der Kritik steht. An diesem Freitagmorgen aber stehen die Zeichen auf Annäherung. Spätestens bei Habecks ersten Worten, wonach „der Landesbauerntag bei mir Vorrang hat. Ich stelle mich gern der Kritik,“ betont Habeck, der auch als stellvertretender Ministerpräsident begrüßt wird. Was seinen Grund hat. Ist doch Ministerpräsident Torsten Albig nicht erschienen. Dies scheint Habeck offenbar ein wenig peinlich zu sein, wie ihm durchaus anzusehen ist.

Dann aber legt Schwarz los. Deftig, wie auf Landesbauerntagen üblich. Der Bauernchef kommt schnell zur Sache. Und bringt in drei Sätzen auf den Punkt, worum es geht: „Wir Landwirte produzieren nicht nur Lebensmittel, wir produzieren erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe. Wir produzieren ländliche Kulturlandschaften und wir produzieren Natur. Ich sage ’produzieren’, weil es mit echter Arbeit zu tun hat.“ Schwarz fügt hinzu, „ein lebendiger ländlicher Raum entsteht nicht. Er ist das Produkt einer starken Wirtschaft, die vor Ort gewachsen ist, sich engagiert und Menschen durch Arbeitsplätze und Infrastruktur im Dorf hält.“ Als Habeck seine ersten Notizen macht, wird Schwarz noch deutlicher: „Wer produziert all dieses? Wir sind es. Und wir tun es nachhaltig und auf Basis von unternehmerisch geführten Familienbetrieben.“ Schwarz kritisiert zum wiederholten Male die nach Meinung der Landwirte überzogenen Forderungen für den Naturschutz. „Wir sollen uns nicht mehr entwickeln, sondern nur noch abwickeln.“ Applaus brandet auf. Minister Habeck weiß jetzt, wo der Mais steht und nutzt seine rhetorischen Fähigkeiten. Ohne Manuskript. Schleswig-Holstein verfüge über eine intakte landwirtschaftliche Struktur. Dann spricht er die Bauern äußerst versöhnlich an. Einseitigkeit, so Habeck, sei ein schlechter Ratgeber. „Wir sollten aufeinander zugehen, und weil wir das tun, knallt es schon mal zwischen uns. Manchmal“, sagt Habeck und provoziert in angenehmer Weise zustimmende Bemerkungen aus dem bäuerlichen Kreis der Zuhörer. Als der grüne Minister dann auch noch feststellt, dass aus dem Fleischhandel zu wenig Geld für die Bauern übrig bleibe und die „Aldis und Lidls dieser Welt“ zu Milliardären geworden seien, ist das Eis gebrochen. Habeck will dieses Thema anpacken. Es sei Aufgabe der Politik, dies zu ändern, kündigt der stellvertretende Regierungschef an. Es gibt Beifall für jenen Minister, der noch vor kurzem via Autobahnschilder mit heftiger Kritik seitens der Bauen attackiert worden war.

Als dann Beate Jessel, die Präsidentin des Berliner Bundesamtes für Naturschutz, über eine Stunde lang über die Verbindung von Landwirtschaft und Naturschutz referiert, diskutieren zahlreiche Zuhörer, denen es zu langweilig geworden ist, über die offenbar nicht erwarteten Ausführungen von Robert Habeck. Der Minister erhält dabei viel Zustimmung. Sollte es ihm tatsächlich gelingen, höhere Preise für die Landwirtschaft durchzusetzen, könnte Habeck zum neuen Freund dieses Berufsstandes werden. Was wiederum kaum zu glauben ist.

Jürgen Muhl

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erstellt am 05.Sep.2014 | 12:52 Uhr

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