Europäischer Regelungswahn : Gurkenvergleich: Vor 30 Jahren wurde eine einheitliche Norm eingeführt

Gurken-Norm von 1988

Diese Gurke entspricht nicht der Qualitätsklasse „Extra“. Allerdings ist der Krümmungsgrad zulässig für Handelsklasse III.

Auf zehn Zentimetern Länge durften die Gurken der Handelsklassen I und „Extra“ höchstens zehn Millimeter gebogen sein.

shz.de von
14. Juni 2018, 16:03 Uhr

Brüssel | Sie ist das Paradebeispiel für den Regelungswahn der EU: Die Gurkenverodnung. Seit neun Jahren ist sie bereits abgeschafft und dennoch findet man nur gerade Exemplare in den Läden.

Gurken sollten schnell geschnitten sowie platzsparend transportiert und verpackt werden können. Damit das Gemüse der Güteklasse „Extra“, also der höchsten Qualität, entspricht, musste sie „praktisch gerade“ sein. Für die Handelsklasse I war die Eigenschaft „ziemlich gut geformt“ ausreichend. Beide Gurkenklassen durften auf zehn Zentimeter Länge nicht mehr als zehn Millimeter gebogen sein.

Am 15. Juni 1988 verabschiedete die Europäische Gemeinschaft die Verordnung, die eine Gurke anhand ihrer Merkmale in eine der Güteklassen I-III oder „Extra“ einteilte. Sie enthielt Angaben über Gewicht, Farbe und Biegungsgrad der Frucht. Noch heute wird die Ordnung von Kritikern immer wieder als Paradebeispiel des europäischen Regelungswahns genannt.

Gurken-Norm seit 1988, eine Qualitätsgurke der Klasse Extra
imago/CTK Photo

So sieht die Gurke aus, die der höchsten Qualität entspricht. Sie ist nahezu gerade und hat eine gleichmäßige Farbbeschaffenheit.

 

Grund für die Einführung des Gurkengesetzes war unter anderem die Verpackung. Es sollte immer die gleiche Menge Gurken in einen standardisierten Karton passen. Zusätzlich entschieden sich Kunden häufiger für eine gerade Gurke, da diese einfacher zu Verarbeiten war.

Seit 1997 war es Supermärkten nicht mehr erlaubt, neben der Qualitätsgurke auch separat krumme Gurken zu verkaufen. Damit sollte erreicht werden, dass Gemüsehändler nicht erst jede einzelne Gurke begutachten mussten und sich auf die vorgegebene Qualität verlassen konnten. Die zu stark gebogenen Gurken wurden daher meist geschnitten und in Essig eingelegt oder zu Gewürzgurken verarbeitet. Oftmals landeten sie direkt auf dem Kompost.

Mittlerweile ist die europaweite Gurkenverordnung außer Kraft gesetzt. 2009 schaffte die Kommission die Normen für Zucchinis, Möhren, Lauche, Spargel, Gurken und viele weitere Gemüse- und Obstsorten ab. Grund dafür sei das Aufzeigen eines Anstoßes des Bürokratieabbaus. Für die am häufigsten verkauften Produkte bestehen die Regelungen allerdings weiterhin, zum Beispiel für Äpfel, Birnen und Erdbeeren.

Weil aber 16 der 27 EU-Mitgliedstaaten, auch der Deutsche Bauernverband, die Gurkennorm behalten wollten, nutzen immer noch viele Großhändler eine marktinterne Verordnung zu den Merkmalen der angebotenen Gurke. Aus diesem Grund ist die Supermarkt-Gurke noch immer so gerade.

Krumme Gurken findet man häufig noch auf Hofmärkten oder in Bauernläden.

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