„Grüne Woche ist Arbeit am Kunden“

Bauernpräsident Schwarz ist verärgert über Agrarminister Habeck: Der will an einer Berliner Großdemo gegen Tierhaltung teilnehmen.
Bauernpräsident Schwarz ist verärgert über Agrarminister Habeck: Der will an einer Berliner Großdemo gegen Tierhaltung teilnehmen.

Morgen beginnt die Agrar-Messe: Schleswig-Holsteins Bauernpräsident Werner Schwarz über Wunden und Fortschritte der Landwirtschaft

shz.de von
14. Januar 2015, 15:33 Uhr

Herr Schwarz, nach mehreren guten Jahren trüben sich die Konjunkturaussichten der Landwirtschaft spürbar ein. Was sind für die schleswig-holsteinischen Bauern die wundesten Punkte?

Die Erlöse bei der Erzeugung von Schweinefleisch sind seit dem Sommer um 30 Prozent zurückgegangen, die Erlöse bei der Milcherzeugung um 20 bis 25 Prozent. Man muss dies aber relativieren und bedenken: Wir kommen aus euphorischen Zeiten. Die kühlen jetzt ab.


Sind die Probleme in erster Linie Folge des russischen Embargos?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese politische Entscheidung Einfluss auf den Markt hat. Es gibt aber noch andere Faktoren. Die Wirtschaft vor allem in Fernost kühlt sich ab – deshalb werden dort Milchpulver und Fleisch nicht mehr in den bisherigen Mengen importiert.

Ist für den Milchmarkt nicht zu erwarten, dass die Mengen und damit der Preisverfall noch zunehmen, wenn in der EU Ende März die Milchquote ausläuft?

Das müssen wir abwarten. Ich rechne nicht unmittelbar mit einer Schwemme. Aber tendenziell wird die Menge steigen, laut wissenschaftlichen Prognosen auf dem Weltmarkt jährlich um ein bis zwei Prozent. Ich schließe nicht aus, dass es dort in Zukunft mehr Schwankungen gibt als in der Vergangenheit.

Wie wird die Lage für die Bauern wieder besser?
Bis Mitte 2015 werden wir wohl nicht erleben, dass die Preise deutlich nach oben gehen, aber danach sehe ich einen großen Hoffnungsschimmer. Ich gehe davon aus, dass der sinkende Ölpreis sich als gigantisches Weltkonjunkturprogramm erweist. Das wird eine Konjunkturwelle auslösen, die zum Beispiel in China und in Schwellenländern eine erhöhte Nachfrage nach Nahrungsmitteln auslöst.

Doch der russische Markt wird absehbar verschlossen bleiben.

Das sollte man mittelfristig nicht überbewerten. Russland wird sich Waren auf anderen Märkten, etwa in Brasilien, Neuseeland oder Australien besorgen. Insofern müssen dann die ehemaligen Kunden von Brasilien beliefert werden. Dort kann dann wieder die EU Absatzmärkte finden.

Zwar reden wir über globale Zusammenhänge und deren Rückkopplungen auf Schleswig-Holstein. Aber kann auch die Landespolitik etwas tun, um den Bauern wirtschaftlich Auftrieb zu geben?
Im Moment erleben wir ja bei der Schweine- und Geflügelhaltung einen nicht gekannten Sturm der Entrüstung. Dagegen könnte die Landesregierung durch moralische Unterstützung eine ganze Menge tun. Ich frage mich, ob unser Landwirtschaftsminister auf einer Großdemo in Berlin mitlaufen muss, wo unter dem Motto „Wir haben es satt“ gegen Tierhaltung protestiert wird. Er sollte eigentlich fachlich so versiert sein, dass er weiß, dass wir in einem von ihm gern geführten Diskurs viel mehr bewegen können als wenn er durch die Friedrichstraße läuft.

Herr Habeck hat sich vor einem Jahr für seine Teilnahme an der Demo damit gerechtfertigt, er tue dies als Privatperson. Überzeugt Sie diese Trennung?

Nein, die überzeugt mich überhaupt nicht, weil Politiker eine große Verantwortung haben, besonders wenn Themen wie Nahrungssicherheit oder Tierhaltungssysteme emotional behandelt werden. Das ist eine Aufgabe, die wir mit der Wissenschaft besprechen und nicht auf der Straße versuchen sollten, sie zu entscheiden.

Unabhängig von der Teilnahme von Minister Habeck steht die Tierhaltung – Sie sprachen es gerade selbst an – stärker denn je im Fokus der Diskussion. Muss sich das nicht zwangsläufig auf einer Agrarmesse wie der Grünen Woche widerspiegeln?
Das spiegelt sich ja wider durch die Aufklärungsarbeit, die die Landwirte auf der Messe bei vielen tausend Verbraucherkontakten betreiben. Wir erklären zum Beispiel die Initiative Tierwohl, die in diesem Frühjahr als Gemeinschaftsaktion von Landwirtschaft und Handel startet, wir erklären Transporte und Haltungssysteme   für Schweine und Rinder. Das finde ich einen viel konstruktiveren Ansatz als eine Aussage wie „Wir haben es satt“. Wo sich die Verbraucher doch lieber freuen sollen, dass wir satt sind und kein Problem mit Nahrungsknappheit haben.

Ist es für Sie eine Luxusdebatte, wenn man so intensiv über die Bedingungen diskutiert, unter denen wir satt werden?

In Teilen ist es eine Luxusdebatte, insbesondere der Slogan „Wir haben es satt“ ist für mich ein Hinweis darauf. Wir müssen allerdings auch unterscheiden zwischen den verschiedenen Gruppen, die dort demonstrieren. Ich sehe da schon unterschiedliche Herangehensweisen. Die Themen des Protestes reichen ja vom Freihandelsabkommen TTIP über Tierhaltung und fehlende Biodervisität bis hin zum Import von Eiweißfuttermitteln oder schlichtweg für Offenheit in der Diskussion.

Sie erklären den Verbrauchern auf der Grünen Woche viel, schaffen so Transparenz. Aber genügt das – Sie erreichen in Berlin trotz mehr als 400 000 Besuchern nur einen Bruchteil der Bundesbürger?

Wir sind in der Diskussion ja deutlich weitergekommen. Ich verweise nur auf den Landeskodex, den Tierschutz- und Nutzerverbände kurz vor Weihnachten in Schleswig-Holstein mit dem Ministerium unterzeichnet haben. Danach sollen Rinder im letzten Trächtigkeitsdrittel nicht mehr geschlachtet werden. Oder nehmen Sie die Vereinbarung für den Ausstieg aus dem Schwänzekürzen bei Schweinen, den wir als Bauernverband auf der letzten Norla unterschrieben haben. Also: Veränderungswille ja, aber im Rahmen der Möglichkeiten und sachlich basiert statt auf der Grundlage von Emotionen.

Der Landesrechnungshof hat in seinen Bemerkungen 2014 moniert, das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Grüne-Woche-Auftritts sei unbekannt. Warum ist die Präsenz auf der Messe trotz dieser Unbekannten sinnvoll?
Sicher ist es schwierig, das in Heller und Pfennig nachzuweisen. Aber Schleswig-Holstein ist gut beraten, ein gewisses vorbeugendes Marketing zu betreiben. Wir würden ohne Präsenz in Berlin riskieren, dass noch mehr Ernährungsindustrie abwandert. Ohne unsere Spezialitäten wären wir irgendwann nur noch ein Rohstoffproduzent, der ein Küstenmotorboot für Weizen chartert, um ihn nach Riga oder Marokko zu schicken. Ich bevorzuge es, wenn eine gewisse regionale Identität über Nahrungsmittel hergestellt werden kann. Gerne stellen wir dem Landesrechnungshof die Zusammenfassung der Kosten zur Verfügung, die der Bauernverband bei der Organisation hat. Daraus können die Prüfer erkennen, dass hier nicht irgendwelcher Luxus betrieben wird, sondern hocheffizient für einen informativen und freundlichen Auftritt Schleswig-Holsteins auf der weltgrößten Agrarmesse kalkuliert wird.

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