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Gewagte Visionen, gestorbene Träume

vom

Energieknotenpunkt, "Urknall": Politiker überschlugen sich in Erwartungen an den Industriestandort Lubmin - dann kam die Energiewende

shz.de von
erstellt am 28.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Lubmin | Als stummes Symbol eines vergangenen Industriezeitalters überragen vier Schlote den Kieferwald am südlichen Greifswalder Bodden. Seit 23 Jahren - mit der Abschaltung des DDR-größten Atomkraftwerkes - strömt aus den steinernen Riesen keine Abluft mehr. Am 17. Dezember 1990 ging das in Lubmin heraufbeschworene Atomzeitalter nach nur 17 Jahren abrupt zu Ende: Nach Sicherheitsbedenken wurde der letzte Reaktorblock abgeschaltet. Der Lubminer Traum vom Atomzeitalter, der die DDR unabhängiger von der Kohle machen sollte, platzte mit deren Untergang.

Tausende Ingenieure und Fachkräfte hatte es in den 60er- und 70er-Jahren aus Sachsen, Thüringen oder den Berliner Raum an die Küste gezogen. In der strukturschwachen Region sorgten sie für einen staatlich verordneten industriellen Aufschwung. Bis zu 10 000 Bauarbeiter schufteten auf der Großbaustelle, rund 5000 im Kraftwerk.

Mit der Abschaltung des Meilers kamen die Massenentlassungen. Zwischen 1991 und 1993 kündigten die Rechtsnachfolger, die bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) rund 3000 Mitarbeitern. "Es war ein schmerzlicher Prozess, weil vor allem die jungen qualifizierten Mitarbeiter gehen mussten", erinnert sich der heutige EWN-Geschäftsführer Jürgen Ramthun.

Auch der Traum von der atomaren Zukunft starb. Doch Lubmin besaß ein Pfund, das die Vision vom Großkraftwerksstandort nährte: Die Stromnetzanbindung von zwei 380-Kilovolt-Leitungen und die vorhandene Infrastruktur. Die Politik wies Lubmin in Raumentwicklungsplänen als Großindustriegebiet aus, ein Hafen entstand. Industrieller Anker sollten bis zu drei fossile Großkraftwerke werden, die für eine Sogwirkung auf energieintensive Betriebe sowie für Arbeitsplätze sorgen sollten. Politiker entwickelten in den 90ern die Vision von Lubmin als künftigen Energieknotenpunkt und industrielles Drehkreuz. Heute, 2013, erzeugt kein einziges Kraftwerk Strom am Greifswalder Bodden. Die Firmen Concord Power oder E.ON trieben zwar Planungen voran, stiegen aber aus den Projekten aus. Ernst wurde es, als der dänische Energiekonzern Dong Energy den Bau eines Steinkohlekraftwerks ankündigte. Der damalige Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) bezeichnete die geplante Ansiedlung 2007 als "Urknall" für den Osten.

Sein Nachfolger Erwin Sellering machte keinen Hehl daraus, dass er das Projekt für überdimensioniert hält - sehr zum Ärger des Koalitionspartners CDU. Dong Energy, der das 2,3 Milliarden-Euro-Vorhaben ohne Landeshilfe bauen wollte, zog sich in einem von Umweltprotesten begleiteten Genehmigungsverfahren entnervt vom Standort zurück. Die Wirtschaft beklagte einen nicht wieder gutzumachenden Imageschaden für das Land.

Unternehmen wie Liebherr oder die Krebs-Gruppe nutzen die einstigen Maschinenhallen des Atomkraftwerks heute als Basis für die Produktion von Großkränen und den Korrosionsschutz von Offshore-Anlagen. Rund 1200 Arbeitsplätze entstanden. Das vom russischen Gasriesen Gazprom dominierte Konsortium Nord Stream baute für 7,4 Milliarden Euro eine 1200 Kilometer lange Erdgasleitung von Russland bis nach Lubmin. Doch die nachhaltige Wertschöpfung dieses Megaprojektes am Standort ist gering: Zwölf Dauerarbeitsplätze entstanden.

Nach dem Atom-Gau im März 2011 in Fukushima ist fraglich, ob am Greifswalder Bodden je ein Großkraftwerk entstehen wird. Die Regierung Merkel beschloss im Juni 2011 das Aus für acht AKWs und den Atomausstieg bis 2022. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien verlieren zentrale Mega-Kraftwerksanlagen an Bedeutung.

Zudem wuchsen seit der Wende mit der Ausweisung von Naturschutzgebieten rund um Lubmin nicht nur die Genehmigungsanforderungen. Auch die wachsende Tourismusbranche sorgte für Gegenwind. Umweltverbände bezeichnen den Standort inzwischen als den "am schlechtesten geeigneten in Mecklenburg-Vorpommern und Deutschland." Die von der Politik als "Schlüsselprojekt" gefeierte Nord Stream-Leitung bietet nach Angaben der Verbände keinen Standortvorteil für ein Kraftwerk, weil die Festlandleitungen OPAL und NEL das Gas dorthin befördern, wo die Großverbraucher sitzen - in die industrialisierten Ballungszentren. Wegen des rasanten Ausbaus der regenerativen Energien scheuen die Betreiber von Gaskraftwerken ohnehin Investitionen in den Bau neuer Anlagen.

EnBW hat sich zwar ein Grundstück in Lubmin gesichert, eine Investitionsentscheidung schiebt der Energiekonzern seit Jahren auf. Auch die EWN haben bislang für ihr Projekt keinen Interessenten. Mit einer Genehmigung in der Tasche hoffen sie, die Attraktivität Lubmins für Energiekonzerne zu erhöhen. Mit der jetzt gestarteten Anhörung könne eine öffentliche Beschädigung eines Investors im Genehmigungsverfahren, wie sie einst Dong Energy erlitt, vermieden werden - so das Kalkül. Das Verfahren gilt daher als eine der letzten Chancen für ein Großkraftwerk in Lubmin. Dass der Traum vom Großkraftwerk zeitgemäß ist, bezweifeln nicht nur Umweltverbände.

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