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Ausbildung in SH : Generation Extrawurst: Immer häufiger werben Firmen mit Extras um Bewerber

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jeder dritte Betrieb findet keinen Auszubildenden mehr. Den Bewerbern sind Mobilität und besondere Förderung wichtig.

Kiel/Berlin | Busfahrkarten, Zuschüsse zum Auto, das Geld für das richtige Business-Outfit oder eine Mitgliedschaft im Fitness-Studio: Im Kampf um den Nachwuchs setzen die Betriebe in Deutschland immer häufiger auf eine Extrawurst, um jungen Menschen den Lehrberuf schmackhaft zu machen.

Das alles passiert nicht ohne Grund. Die Not ist groß. Fast jeder dritte Betrieb in Deutschland kann nach einer aktuellen Befragung aus Mangel an geeigneten Bewerbern Lehrstellen nicht besetzen. Etwa 10.500 Unternehmen hatte der DIHK für seinen Report „Ausbildung 2017“ befragt. Die Quote lag zuletzt bei 31 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es lediglich 12 Prozent gewesen.

„Fast jeder zehnte Ausbildungsbetrieb hat noch nicht einmal eine Bewerbung erhalten“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer in Berlin. Erst zwei Tage zuvor hatte auch der Unternehmensverband Nord für Schleswig-Holstein und Hamburg auf ein ganz ähnliches Bild hingewiesen. Jeder zweite Betrieb (49 Prozent) sah demnach im Norden Probleme beim Besetzen der Ausbildungsplätze.

Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zufolge setzt inzwischen jeder zehnte Betrieb in Deutschland auf materielle oder finanzielle Anreize, um Azubis zu gewinnen – Tendenz steigend. Auch in Schleswig-Holstein ist diese Entwicklung zu beobachten.

Nach den DIHK-Zahlen haben die Betriebe dabei vor allem die Mobilität der Bewerber im Blick. 55 Prozent der Firmen, die ihre Lehrlinge besonders fördern wollen, setzen hier an. 40 Prozent zahlen eine Ausbildungsvergütung oberhalb des Tarifs und 29 Prozent geben ihren Lehrlingen öfter frei, als es der Gesetzgeber vorschreibt.

Dass Gimmicks und eine Sonderbehandlung der Lehrlinge der richtige Weg sind, um junge Menschen in Ausbildung zu bringen, wird bei den Gewerkschaften allerdings bezweifelt. „Das zeigt, dass der Wettbewerb um Fachkräfte deutlich zunimmt“, sagt der Vorsitzende des DGB Nord, Uwe Polkaehn. „Wichtiger als Laptops oder Fitness-Gutscheine sind aber beste Ausbildungsbedingungen, denn die verschaffen den jungen Menschen das Fundament für ein ganzes Berufsleben“, mahnte er.

Wie viel Luft es da nach oben gebe, sehe man schon daran, dass die meisten ausbildungsfähigen Betriebe in Schleswig-Holstein überhaupt keine Ausbildung anbieten würden. „Hier gibt es auch für die Kammern noch eine Menge zu tun“, kritisierte Polkaehn in Richtung der Industrie- und Handels- sowie der Handwerkskammern.

Die Zahlen aus dem DIHK-Report kann Hans Joachim Beckers von der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein (IHK) auch für das nördlichste Bundesland bestätigten. „Wir liegen da auf der gleichen Linie“, sagte Beckers. Im vergangenen Jahr konnten 30 Prozent der Ausbildungsplätze der IHK-Betriebe nicht besetzt werden, dabei profitierte die Wirtschaft im Land da bereits vom Sondereffekt eines doppelten Abiturjahrgangs.

2015 waren noch gut 35 Prozent der Stellen unbesetzt geblieben. Mit Blick auf die bisherigen Aussagen von Unternehmen in diesem Jahr habe sich die Situation eher verschlechtert, so Beckers.

Den DIHK-Angaben zufolge hat das Gastgewerbe, wo 58 Prozent der Betriebe Lehrstellen nicht besetzen konnten, die größten Probleme. Stark zugenommen hat der Azubi-Mangel auch im Baugewerbe mit 42 Prozent (2015: 30 Prozent). Deutschland müsse mehr für seine duale Ausbildung tun, forderte Schweitzer.

Die Bundestagsfraktion der Linken sah es am Dienstag derweil umgekehrt. „Wir brauchen ein Umdenken bei den Unternehmen sowie einen Ausbau der Unterstützungssysteme für Jugendliche und auch für die Ausbildungsbetriebe“, sagte Rosemarie Hein, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. „Wenn es so viele unbesetzte Ausbildungsplätze gibt, sind vor allem die Unternehmen gefragt“, sagte sie.

Schweitzer wiederum appellierte beim DIHK besonders an Lehrer, nicht nur die Berufschancen eines Studiums aufzuzeigen, sondern auch die Möglichkeiten der beruflichen Bildung.

Zumindest in einem Bereich sah man sich dabei zuletzt auf einem guten Weg: im Handwerk. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, sagte der Sprecher der Handwerkskammer Schleswig-Holstein, Andreas Haumann. Es spreche sich schon langsam rum, dass das Abitur und der anschließende Gang an die Uni nicht „das Allheilmittel“ seien.

Die Handwerkskammern werben unter anderem verstärkt in sozialen Netzwerken um Azubis. Unmittelbar vor dem Start des Ausbildungsjahres 2017 konnten sie ein Plus bei der Zahl neu eingetragener Lehrverhältnisse vermelden. Und nicht nur das: In den vergangenen Jahren wurden weniger Lehrverträge nach der Probezeit gelöst.

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