Pro und Kontra : Genderpricing: Frauen zahlen mehr – ist das gerecht?

Frauen zahlen mehr fürs Haareschneiden, bemängelt die Antidiskriminierungsstelle.
Frauen zahlen mehr fürs Haareschneiden, bemängelt die Antidiskriminierungsstelle.

Frisur, Reininung oder Pflegeprodukte: Frauen zahlen an vielen Stellen mehr als Männer.

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21. Dezember 2017, 06:44 Uhr

Gender-Pricing greift vor allem bei Dienstleistungen um sich, heißt es in einem Bericht der Antidiskriminierungsstelle. Vor allem bei Friseuren werden von Frauen höhere Preise verlangt. Doch ist das fair? Zwei Meinungen.

Rosa Farbe geht ins Geld

Till H. Lorenz sieht im Gender-Pricing eine Frage des Marktes

Ja – die rosa Farbe geht ins Geld. Besonders wenn sie auf einem Rasierer klebt oder auf einem Bobby-Car. Es ist richtig: Frauen zahlen für manche Produkte und Dienstleistungen daher mehr als Männer für vergleichbare Angebote. Ein Skandal ist das jedoch nicht, sondern simple Preisgestaltung in einer freien Marktwirtschaft. 

Wer ein Produkt in bestimmten Farben oder Formen einfordert, der muss dafür einen höheren Preis bezahlen als für das Standard-Produkt. Es steht jeder Frau frei, die vermeintlichen Herren-Rasierer zu kaufen, wenn diese doch günstiger sind. Den Aufpreis bezahlt sie nicht, weil sie als Frau einen Rasierer kauft. Sie bezahlt den Aufpreis, weil sie einen geschlechtsspezifischen Rasierer kaufen möchte, der von irgendeiner Marketing-Abteilung mit rosa Farbe und einem sanft klingenden Namen versehen worden ist.

Ganz gleich, in welcher Variante die Geschichte nun weitererzählt wird: Skandalös ist sie in keinem Fall. In der ersten Variante sind Frauen einfach bereit, mehr Geld für vergleichbare Angebote auszugeben als Männer. Der Handel macht sich das zunutze – so wie er es sich zunutze macht, wenn Menschen für Wasser in Plastikflaschen Geld ausgeben wollen, obwohl durch die Leitungen hierzulande Trinkwasser läuft. 

Wenn Frauen bereit sind, etwa für den Friseur-Besuch mehr Geld auszugeben als Männer, dann werden sie auch mehr Geld ausgeben müssen. Das ist das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Die Abstimmung erfolgt mit den Füßen. In der zweiten Variante könnten die entsprechenden Produkte tatsächlich in der Herstellung teurer sein –  beispielsweise, weil die Stückzahlen geringer sind. Und in der dritten Variante wurde beim Einkauf halt blind ins Regal gegriffen, weil das Produkt rosa – und leider teuer – war. Oder weil das Produkt im obersten Regal lag – denn das hat ebenso wenig mit Diskriminierung zu tun wie ein Preisaufschlag für rosa Farbe.

Diskriminierend wäre es erst, wenn einer Frau an der Kasse gesagt würde, sie sollte zwei Euro für einen Rasierer bezahlen, für den ein Mann zuvor nur einen Euro bezahlt hat. Genau das erleben Männer im Alltag übrigens regelmäßig – nämlich immer dann, wenn es mal wieder irgendwo heißt, der Eintritt sei für Frauen gratis. Gestört hat dies sonderbarerweise bis heute noch keine Frau.

Frauen, kauft Blau

Merle Bornemann fordert ein Umdenken

Der Unterschied zwischen Kunde und Kundin ist in Deutschland Gold wert – 30 Prozent mehr zahlen Frauen im Schnitt für Produkte und Dienstleistungen, die geschlechtsspezifisch angeboten werden.

Klar kann man jetzt sagen: Der Markt regiert sich selbst. Und dort regiert das Gesetz von Nachfrage und Angebot. Wenn Frauen so blöd sind und das bezahlen – selbst schuld! Aber das wäre zu einfach. Erstens, weil Kaufentscheidungen meist schnell und automatisiert erfolgen und den wenigsten klar ist, dass sie nur aufgrund ihres Frau-Seins mehr bezahlen. Und zweitens, weil man einen aufgedeckten Missstand nicht einfach so hinnehmen kann, nach dem Motto: „War doch schon immer so.“

Die Studie der Antidiskriminierungsstelle hat ans Licht gebracht, dass vor allem im Dienstleistungsbereich große Unterschiede herrschen. So bezahlen Frauen bei 89 Prozent aller Friseurbetriebe für eine Standard-Kurzhaarfrisur durchschnittlich 12,50 Euro mehr als männliche Kunden. Natürlich lässt sich so ein Preisunterschied in manchen Fällen sachlich begründen, wenn beispielsweise mehr Zeit für Beratung nötig war. Aber pauschal mehr Aufwand und Arbeitszeit für ein Geschlecht zu veranschlagen? Das halte ich für ziemlichen Unsinn. Geschlecht ist das falsche Kriterium für die Preisgestaltung. Richtig wäre doch, schlicht die benötigte Zeit und die Materialkosten in Rechnung zu stellen. Der Blick nach Österreich könnte hier hilfreich sein, dort hat die Friseurinnung geschlechtsneutrale Preislisten erarbeitet. Kein Ding der Unmöglichkeit also.

Auch auf Produktebene wurden Preisunterschiede festgestellt – die rosa verpackten Rasierklingen kosten meist mehr als die „männlichen“ im blauen Karton. Warum muss es denn da überhaupt geschlechtsspezifische Versionen geben? Rasierklinge ist schließlich Rasierklinge. Hier werden Verbraucher gezielt ausgetrickst. Und überhaupt: rosa und blau – diese Stigmatisierung von Babytagen an! Darin liegt die Quelle von Gender-Pricing.

Mein Vorschlag: Liebe Frauen, kauft die blau verpackten Rasierklingen. Fordert beim Friseur einen Herren-Kurzhaarschnitt – und lasst Männer eure als Hemden getarnten Blusen in der Reinigung abgeben. 

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