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Geldschwemme: Kieler Experten kritisieren US-Notenbank

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 20.Sep.2013 | 00:34 Uhr

Die Börse jubelt, der Dax kletterte gestern auf ein Rekordhoch von 8770 Punkten: Mit der Entscheidung, die Geldflut doch nicht zu bremsen, hat US-Notenbankchef Ben Bernanke weltweit ein Kursfeuerwerk entfacht. Weil die Federal Reserve (Fed) auch in den nächsten Monaten ungebremst Billiggeld drucken und die monatlichen Anleihekäufe auf dem Niveau von derzeit 85 Milliarden US-Dollar belassen will, ist ein Zinsanstieg nicht in Sicht.

Es gibt viel Geld, aber kaum alternative Anlagen. Bundesanleihen dürften weiterhin nur Mini-Zinsen abwerfen – gut für den Finanzminister, aber schlecht für Sparer. Auch die Zinsen auf Spareinlagen bleiben mickrig. Zwar orientiert sich der Sparzins in Deutschland am Leitzins im Euroraum –der Kurs der Fed dürfte die EU-Politik des billigen Geldes jedoch unterstützen.

Nur mit Aktien, Immobilien und Unternehmensanleihen können Anleger halbwegs vernünftige Renditen erzielen. Deshalb der Kursanstieg. Frank Engels von Union Investment: „Kurzfristig wird die Entscheidung der Fed die Risikofreude an den globalen Finanzmärkten deutlich erhöhen.“ Während die Börsen von einer Bestmarke zur nächsten eilen, wächst jedoch die Sorge bei den Kritikern. Analysten vom Bankhaus Metzler zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Fed. „Denn was muss man schlussfolgern, wenn der Chef der US-Notenbank nicht in der Lage ist, die Konjunktur einigermaßen sicher drei Monate im Voraus abzuschätzen.“ Die Fed hatte ihren fehlenden Kurswechsel damit begründet, dass Wirtschaft und Arbeitsmarkt doch noch zu schwach seien, um die geldpolitischen Stützen abzubauen. „Es könnte sein, dass die erste Leitzins-Erhöhung erst dann erfolgt, wenn die Arbeitslosenquote deutlich unter sechseinhalb Prozent gesunken ist“, erklärt Bernanke. Derzeit liegt sie bei 7,3 Prozent.

Geldmarkt-Experte Nils Jannsen vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hält diese starre Koppelung der Niedrigzinspolitik der Fed an die Entwicklung der Arbeitslosigkeit für höchst riskant. „Die neue Strategie der Fed könnte sich zukünftig als sehr riskant herausstellen, vor allem weil sie damit ihren Handlungsspielraum, ihre Geldpolitik zukünftig nennenswert zu straffen, stark eingeengt hat“, so Jannsen. Zwar sei die Fed nicht nur der Preisniveaustabilität, sondern auch eines hohen Beschäftigungsgrads verpflichtet. „Ein gravierendes Problem besteht aber darin, dass die Arbeitslosenquote von vielen Faktoren abhängt, die von der Notenbank nur mittelbar beeinflusst werden können oder sich ihrem Einfluss völlig entziehen“, so Jannsen. Im Gegensatz zur strukturellen habe sie nur Einfluss auf die konjunkturelle Arbeitslosigkeit, die auf eine Unterauslastung der Kapazitäten hindeutet. Er warnt: die anhaltende Niedrigzinspolitik der Notenbank könne „die Finanzmarktstabilität gefährden, notwendige Strukturanpassungen verzögern und zu Fehlinvestitionen beitragen“.

Noch im Mai hatte Notenbankchef Bernanke den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik angekündigt . Die Märkte reagierten damals extrem auf den befürchteten Billiggeld-Entzug.

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