Börsenturbulenzen : Freigabe des Franken: „Tsunami“ in der Schweiz

Bislang galt in der Schweiz ein Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro.
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Bislang galt in der Schweiz ein Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro.

Die Schweizerische Nationalbank hebt überraschend den Mindestkurs zum Euro auf. Aktienkurse stürzen in die Tiefe, die Wirtschaft ist entsetzt.

shz.de von
15. Januar 2015, 15:45 Uhr

Zürich | Die Freigabe des Franken durch die Schweizer Notenbank hat die Börse in Zürich am Donnerstag in den freien Fall gestürzt. Der Leitindex der Schweizer Börse SMI brach in der Spitze um fast 14 Prozent ein und rutschte zeitweise unter 8000 Punkte. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hatte überraschend den Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro aufgehoben. Der Mindestkurs war ursprünglich eingeführt worden, um die Schweizer Exportwirtschaft vor einem allzu starken Franken zu schützen.

Der Schritt der Schweizer Notenbank kommt einem Experiment mit ungewissem Ausgang gleich, dessen Folgen die Notenbanker in Zürich in dieser massiven Form wohl selbst nicht vorausgesehen haben. Der Franken kletterte nicht nur gegenüber dem Euro um 17 Prozent, auch gegenüber dem Dollar um 15 Prozent. Auf diesem Niveau dürfte das für erhebliche Schwierigkeiten der exportorientierten Schweizer Wirtschaft sorgen, ihre Produkte zu angemessenen Preisen auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Die Kursverluste für die Schweizer Konzerne sind die größten an einem Tag seit 1989. Mark Haefele, Chief Investment Officer der Schweizer Bank USB schätzt den Einfluss auf die Exportindustrie auf fünf Milliarden Franken jährlich.

Christian Schulz, Volkswirt der Hamburger Berenberg Bank, meint: „Die Entscheidung könnte die Schweizer Volkswirtschaft über einige Jahre beeinflussen. Die Exporteure werden unter geringerer Wettbewerbsfähigkeit ihrer Preise leiden und könnten Produktion ins Ausland verlagern. Tourismus und Einzelhandel werden voraussichtlich leiden. Allerdings ist die Schweizer Wirtschaft an gelegentliche Zeiten der Überbewertung (des Franken, Anm. d. Red.) gewöhnt und sollte in der Lage sein, damit umzugehen.“ (Übersetzung aus dem Englischen, zitiert nach marketwatch.com)

Dirk Aufderheide, Chief Currency Strategist Active der Deutschen Asset & Wealth Management, einer Tochter der Deutschen Bank, wundert sich: „Das ist ein überraschender Schritt der SNB. Die Zentralbank hat erkennen müssen, wie schwer es ist, eine solche Marke zu halten, und nun das Ende mit Schrecken statt den Schrecken ohne Ende gewählt.“

Nick Hayek, Mitglied des Verwaltungsrats und Sohn des Gründers der Swatch Group, kommentierte: „Die Entscheidung der SNB ist ein Tsunami; für die Exportindustrie und den Tourismus und am Ende für das gesamte Land.“

Twitter-User reagieren mit Ironie:

Der Franken gewann in der Folge zum Euro deutlich an Wert. „Die Auflösung der Wechselkursbindung wirkt wie die Sprengung eines Staudamms“, sagte ein Börsianer. Die künstlich angestaute Franken-Schwäche entlade sich nun schlagartig in einer Aufwertung der Schweizer Währung.

An der Börse in Zürich kam es zu schweren Kursturbulenzen: Im 20 Unternehmen umfassenden Leitindex SMI rutschten mit Ausnahme des Telekomkonzerns Swisscom alle Werte massiv ab. Die Anteile am Luxusgüterhersteller Richemont brachen um 15,61 Prozent auf 74,85 Franken ein. Der Uhrenhersteller Swatch verlor mehr als 13 Prozent. Stark auf den Export ausgerichtete Unternehmen bekommen bei einem stärkeren Franken Probleme.

Auch den deutschen Aktienmarkt wurde für kurze Zeit in Turbulenzen gestürzt. Am Donnerstagnachmittag stand der Dax 2,2Prozent höher bei 10.031 Punkten, nachdem er am Vormittag noch um mehr als 1,8 Prozent ins Minus gerutscht war. Insgesamt schwankte der deutsche Leitindex im Tagesverlauf um über 400 Punkte.

Der MDax als Index der mittelgroßen Unternehmen stieg um 0,98 Prozent auf 17.434,40 Punkte. Der Technologiewerte-Index TecDax kletterte um 0,39 Prozent auf 1427,11 Punkte. Der EuroStoxx 50 als Leitindex der Eurozone rückte um 1,67 Prozent vor.

Der Euro kam wegen der Entscheidung der Schweizer Nationalbank massiv unter Druck. Kurzzeitig fiel die Gemeinschaftswährung bis auf 1,1575 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit November 2003. Zuletzt lag der Kurs aber wieder bei um die 1,17 US-Dollar.

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