Franken-Freigabe: Schweizer kaufen deutsche Läden leer

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Einkaufstouristen stürmen deutsche Grenzstädte / Urlaubsbuchungen aus Deutschland eingebrochen

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18. Januar 2015, 17:06 Uhr

Die spektakuläre Freigabe des Franken-Kurses zeigt erste Alltagsauswirkungen. Die Tourismusbranche in der Schweiz fürchtet um ihre Einnahmen. Dafür blüht der Einkaufstourismus, der die Schweizer zu Tausenden über die Grenze treibt. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hatte am Donnerstag ohne jede Vorwarnung die seit 2011 geltende Kopplung des Franken an den Euro aufgehoben. Die sah einen Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro vor, der die heimische Währung künstlich verbilligen sollte. Nach dem Beschluss hat sich der Franken massiv verteuert.

Die Zahl der Reservierungen aus Deutschland sei eingebrochen, sagte der Direktor des Schweizer Tourismusverbandes, Jürg Schmid. „Die Telefone haben sofort aufgehört zu läuten und vor allem sind die Online-Reservationen plötzlich ausgeblieben.“ Gäste aus Deutschland und Holland hätten am empfindlichsten auf die Preiserhöhungen reagiert, sagte er. Der Tourismusverband rechnet wegen des starken Frankens nun insgesamt mit weniger Buchungen.

Die Aufwertung des Franken löste einen Ansturm von Einkaufstouristen in den Grenzregionen aus. Tausende Schweizer kauften am Wochenende in Konstanz und Weil am Rhein ein. So stapelten sich Unmengen an Lebensmitteln im Einkaufswagen eines Ehepaars aus Basel. Etwa 300 Franken würden sie in der Schweiz dafür bezahlen, in Deutschland rund 150 Euro. „Ich wär doch ein Löli“, meint die Frau – was im Hochdeutschen Tölpel heißt – wenn sie es nicht täte.

In das Rhein-Center in Weil am Rhein kommen laut Center-Manager Günther Merz täglich etwa 34  000 Menschen. Nach eigenen Auswertungen sind davon mehr als 60 Prozent Schweizer. Der Rest sind Franzosen und Deutsche.

Auch in Konstanz brummte am Wochenende der Einkaufstourismus. Im Shoppingcenter Lago sagte Manager Peter Herrmann, viele Kunden nutzten nun die Gelegenheit, um beispielsweise Vorräte aufzustocken – so wie eine Familie, die 24 Liter Milch auf einmal gekauft habe. Marktleiter Ingo Haller freut sich: „Das ist jetzt ein zweites Weihnachtsgeschäft für uns.“ Die Schweizer hinter ihm warteten derweil darauf, dass die Formulare für die Mehrwertsteuererstattung ausgedruckt wurden. Am Zoll bekommen die Einkäufer dann die Mehrwertsteuer erstattet. Und so wird es nochmal günstiger für die Schweizer Kunden.

Doch es gibt nicht nur Gewinner: Für Bad Säckingen, eine deutsche Kleinstadt an der Grenze, wird die Finanzlage komplizierter. Denn sie ist in Schweizer Franken verschuldet – laut Bürgermeister Alexander Guhl derzeit mit 13 Millionen Franken. Um die finanziellen Verluste nun in Grenzen zu halten, will die Stadt so rasch wie möglich Franken-Schulden in Euro-Schulden umwandeln. „Für Euro-Verdiener ist die Zinsbelastung um 15 bis 20 Prozent gestiegen“, meint André Marker, Vorstandschef der Sparkasse Lörrach.

Für die 40  000 Pendler aus Deutschland, die in der Schweiz arbeiten und täglich über die Grenze fahren, ist die Freigabe Grund zur Freude:  „Wenn das Gehalt in Deutschland versteuert und ausgegeben wird, ist das wie eine abrupte Gehaltserhöhung“, sagt der Chef der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee, Claudius Marx. Damit hätte der deutsche Pendler 20 Prozent mehr Lohn in der Tasche. „Das sind auf kurze Sicht natürlich gute Nachrichten. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Arbeitsmarkt in der Schweiz stabil bleibt und keine deutschen Arbeitsplätze verloren gehen.“

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