Lösungsansätze zur Nachhaltigkeit : Fleischatlas 2018 fordert: Fleischkonsum und Mast deutlich zurückfahren

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Ein Fleischer auf dem Markt.

59 Kilogramm Fleisch pro Kopf: Das sei zu viel für Mensch und Umwelt. Im Fleischatlas geht es um Lösungen zum Wandel.

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10. Januar 2018, 17:25 Uhr

Berlin | „Kein anderer Sektor trägt so massiv zum Verlust der Artenvielfalt, der Rodung von Wäldern und der Zerstörung unseres Klimas, der Gefährdung unserer Gesundheitssysteme und zum Leid der Tiere bei wie die industrielle Fleischproduktion“, heißt es in der Zusammenfassung des „Fleischatlas 2018“ (pdf), der am Mittwoch wie seit 2013 jährlich von den Herausgebern BUND, Heinrich-Böll-Stiftung und Le Monde Diplomatique veröffentlicht wurde. Darin wird eine Halbierung des Fleischkonsums angeregt – außerdem wird ein deutliches Zurückfahren bei den Masttierbeständen gefordert.

Ansonsten seien weder die globale Nachhaltigkeitsagenda 2030, noch die Klimaziele oder die Absichten beim Tier- und Naturschutz zu erreichen, hieß es am Mittwoch bei der Vorstellung. „Weniger und dafür besser ist die Losung“, sagte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger. „Wir zahlen den scheinbaren Preis an der Ladentheke und dann zahlen wir als Steuerzahler das Doppelte für die ökologischen und sozialen Folgeschäden.“ Besonders bemängelt wird auch die Kultur, nur bestimmte Regionen des tierischen Körpers zu konsumieren. Die Bundesregierung müsse noch in diesem Jahr die Weichen für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung stellen.

Diesmal wurden nicht nur durch Konsum und Produktion entstehende Probleme dargelegt, sondern auf praktische Strategien und Möglichkeiten des Wandels hingewiesen. Die Lösungsvorschläge: mehr Aufklärung für Verbraucher, eine bessere Kennzeichnung am Ladenregal, eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, wie sie durch große Güllemengen entstehen sowie Tier-Obergrenzen und stärkere Kontrollen in den Ställen. Millionen Schweine-Mastplätze würden nach den Vorschlägen wegfallen, besonders betroffen wären das westliche Niedersachsen und Westfalen.

Nach Branchenzahlen haben die Deutschen 2016 pro Kopf im Schnitt 59 Kilogramm Fleisch gegessen, etwa eineinhalb Kilogramm weniger als im Vorjahr, jedoch kaum weniger als zehn Jahre zuvor. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt höchstens die halbe Menge. Ein Vorschlag lautet, dass Kantinen ihren Teil gegen den übermäßigen Fleischkonsum und die Folgeschäden beitragen, in dem bei Schnitzel, Frikadelle und Bratwurst erstmal nur ein kostenloser Nachschlag statt der vollen Menge angeboten würde.

Der Bauernverband bekräftigte, dass die Landwirtschaft die Erzeugung klimaschonender machen wolle. Dazu sollten unter anderem Düngemittel mit neuer Technik sparsamer eingesetzt und deutlich mehr Gülle in Biogasanlagen verwertet werden, wie eine am Mittwoch vorgelegte neue Klima-Strategie des Verbands vorsieht. „Wir stehen zu unserem ehrgeizigen Ziel, die Emissionen an Treibhausgasen aus der Landwirtschaft um 30 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu senken“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied.

Was heißt artgerechte Tierhaltung?

Artgerecht bedeutet, die Tiere können sich so verhalten, wie sie es gerne tun und zum Beispiel herumlaufen. Für diese Haltung gibt es Regeln. Allerdings reichen diese nicht aus, damit sicher ist, dass es den Tieren wirklich gut geht, sagt Andreas Winkler. Er arbeitet für die Verbraucher-Organisation Foodwatch. Zwei Dinge hält er für wichtig: wie die Tiere leben und ihre Gesundheit.

Was bedeutet das konkret?

Artgerecht bedeutet bei Hühnern etwa, dass sie scharren und picken können, wie in der Natur. Sie sind nicht gerne allein. Sie wollen aber auch nicht ständig eng zusammen hocken. In vielen Betrieben, die Eier oder Fleisch produzieren, passiert das jedoch. Das spart Geld.

Hilft es den Tieren, wenn man zum Beispiel Bio-Fleisch kauft?

„Tiere aus Bio-Haltung haben es zwar besser, weil sie mehr Platz haben und nach draußen dürfen“, sagt Andreas Winkler. „Aber sie werden auch oft krank. Auch Bio-Fleisch kommt oft nicht von einem gesunden Tier.“ Denn Fleisch darf auch verkauft werden, wenn das Tier etwa eine Entzündung an den Klauen hatte. Dafür wünscht sich Andreas Winkler strengere Regeln. Dann müsste der Bauer mehr darauf achten, dass alle Tiere auch gesund sind. Das alles kostet mehr Geld.

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