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Niels Stolberg in Bremen vor Gericht : „Fall Beluga“: Mega-Prozess der Schifffahrtsbranche gestartet

vom

Der Aufstieg der Reederei war so rasant wie ihr Absturz. Die wahre Geschichte um Beluga muss nun ein Gericht herausfinden.

shz.de von
erstellt am 20.Jan.2016 | 12:00 Uhr

Bremen | Die Staatsanwaltschaft hat vor dem Bremer Landgericht schwere Vorwürfe gegen den Gründer der ehemaligen Bremer Beluga-Reederei, Niels Stolberg, erhoben. Er habe mit einem Mitangeklagten in einem „gemeinsamen Tatplan“ die Kosten für Schiffsneubauten um Millionen überhöht dargestellt, um so von Banken eine höhere Kreditfinanzierung zu bekommen, sagte Staatsanwalt Frank Passade am Mittwoch zum Prozessauftakt. Die Bremer Landesbank soll dadurch teilweise sogar über 100 Prozent des Gesamtvolumens für Schiffsneubauten finanziert haben.

Es ist einer der größten Wirtschaftsprozesse der deutschen Schifffahrtsbranche. Nach Angaben eines Gerichtssprechers handelt es sich um ein außergewöhnlich umfangreiches und kompliziertes Verfahren. Fast drei Jahre dauerten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Vor dem Bremer Landgericht müssen sich neben Stolberg drei weitere Ex-Manager verantworten. In den insgesamt 800 Seiten umfassenden drei Anklageschriften werden die Vorwürfe des Kreditbetrugs, Betrugs und der Untreue erhoben.

Gerichtssprecher Thorsten Prange hatte vor Prozessbeginn betont, dass es zwischen dem Gericht, der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung keine Gespräche mit dem Ziel einer Verständigung gegeben habe.

Gericht und Staatsanwaltschaft hatten sich jahrelang auf den Prozess vorbereitet. „Der Tag ist da. Jetzt geht es los“, sagte Prange. Der Auftakt wurde von großem Medieninteresse begleitet.

Die wichtigsten Fragen rund um den Fall:

Was steht hinter Beluga?

Das Bürogebäude der Beluga-Reederei ist von der Weser in Bremen aus zu sehen.

Foto:dpa/Archiv

 

Die 1994 von Niels Stolberg und einem Partner gegründete Reederei verschiffte alles, was schwer war: Generatoren, Pipelines, Kräne. Die Firma wuchs zunächst rasant. 72 Schiffe waren zuletzt auf den Weltmeeren mit Beluga-Flagge unterwegs. 2010 machte Beluga noch rund 500 Millionen Euro Umsatz. Vor allem die Schifffahrtskrise ließ die Aufträge dann einbrechen und die Reederei stranden. Nach der Insolvenz wurde sie abgewickelt.

Warum kommt es zum Prozess?

Der ehemalige Beluga-Geschäftsführer, Niels Stolberg.

Foto:dpa

Die Staatsanwaltschaft klagt den ehemaligen Gründer Niels Stolberg wegen mehrfachem Kreditbetrug, Bilanzfälschung, Untreue und Betrug an. Die Vorwürfe in den drei Anklageschriften wiegen schwer. Der Reederei-Gründer und ein anderer Manager sollen unter anderem Banken belogen haben, um höhere Kredite zur Finanzierung von Schiffsneubauten zu bekommen. Außerdem sollen Stolberg und zwei führende Mitarbeiter die wirtschaftliche Lage des Konzerns beim Einstieg des US-Investors Oaktree geschönt haben.

Einem früheren Geschäftspartner sollen der Ex-Beluga-Chef und ein anderer Angeklagter die wahren Kosten für vier neue Frachter verheimlicht haben. Der Schaden soll insgesamt in zweistelliger Millionenhöhe liegen.

Warum beginnt der Prozess erst jetzt?

Fast drei Jahre lang haben zwei Staatsanwälte und eine Ermittlungsgruppe der Polizei die Vorwürfe gegen Stolberg und andere Beluga-Verantwortliche geprüft. Dabei werteten sie Daten mit einem Umfang von zehn Terabyte aus. Dem Prozess selbst liegen 42 Ordner mit mehr als 10.000 Seiten Ermittlungsakten und Hunderte Ordner mit Beweismaterial zugrunde.

Das Landgericht stellte drei Richter eineinhalb Jahre frei, damit diese über die Eröffnung der Hauptverhandlung entscheiden konnten. „Es handelt sich um ein außergewöhnlich umfangreiches und kompliziertes Verfahren“, sagte Gerichtssprecher Thorsten Prange.

Die Wirtschaftsstrafkammer hat bisher 56 Verhandlungstage bis Ende Oktober angesetzt. Wie lange es am Ende dauert, wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit sich die Angeklagten zu den Vorwürfen äußern.

Was müssen die Richter in der Verhandlung bewerten?

Im Kern müssen sie beurteilen, ob Stolberg und seine Mitangeklagten Geldgeber bewusst täuschten, um von ihnen Kredite für Investitionen zu bekommen.

„Es muss auch geklärt werden, ob und wieweit Niels Stolberg eine persönliche Schuld trifft“, sagte Prange. Hätte er rechtzeitig erkennen können, dass Beluga Darlehen nicht mehr bedienen kann? Und was war möglicherweise das Motiv: Wollte sich Stolberg selbst bereichern, oder wollte er sein Unternehmen am Leben erhalten? Was sagen Stolbergs Anwälte dazu?

Stolberg wird vom Wirtschaftsstrafrechts-Experten Bernd Groß von der Kanzlei Feigen Graf vertreten. Die Kanzlei zeigte sich zuversichtlich, dass sich viele Vorwürfe vor Gericht als haltlos erweisen werden. „Die Einstellungen einiger Verfahren in der jüngsten Vergangenheit haben ja auch gezeigt, dass sich ganz erhebliche Vorwürfe gegen unseren Mandanten, die auch zu einer massiven öffentlichen Vorverurteilung geführt haben, letztlich als gegenstandslos erwiesen haben“, meinte Groß.

 

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