Anleihekäufe der EZB : EZB druckt 1140 Milliarden Euro - die Pros und Kontras

Historischer Schritt in der Euro-Zone. EZB-Chef Mario Draghi verkündet erstmals ein großes Anleihekaufprogramm. Was Befürworter und Kritiker sagen.

shz.de von
22. Januar 2015, 19:15 Uhr

Frankfurt | Die Europäische Zentralbank (EZB) will monatlich 60 Milliarden Euro in Anleihen stecken. Die Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen sollen ab März 2015 bis September 2016 laufen, sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt. Rechnerisch entspricht das einer Summe von 1140 Milliarden Euro. 

Die Aufteilung der Aufkäufe richte sich nach dem Länderanteil am EZB-Kapital, teilte die EZB mit. Deshalb werden vor allem deutsche Bundesanleihen gekauft, die ohnehin kaum noch Rendite abwerfen. Vor wenigen Tagen hatte der Bund erstmals fünfjährige Anleihe mit null Zinsen angeboten. Dies finden dennoch Käufer, da etwa Pensionsfonds oder Versicherer gezwungen sind, einen gewissen Teil ihrer Anlagen in sicheren Papieren unterzubringen. Nach deutschen Staatsanleihen werden französische und italienische das größte Volumen bei den EZB-Käufen ausmachen.

20 Prozent der Anleihekäufe unterliegen laut EZB einer gemeinsamen Risikohaftung. Dies treffe etwa auf die zwölf Prozent der Käufe von Anleihen europäischer Institutionen zu, etwa der europäischen Investitionsbank. Das Risiko für die übrigen 80 Prozent übernehmen die Notenbanken der einzelnen Staaten.

Im Fachjargon heißt das Vorgehen Quantitative Lockerung oder „QE“. Mit diesem höchst umstrittenen Vorgehen druckt die Notenbank frisches Zentralbankgeld und kauft damit Wertpapiere.

Das frische Geld kommt im Idealfall über die Banken, denen Anleihen abgekauft würden, in Form von Krediten bei Unternehmen und Verbrauchern an. Das soll Konsum und Investitionen anschieben und so die maue Konjunktur in Schwung bringen. Zieht das Wirtschaftswachstum an, würde das auch die zuletzt extrem niedrige Inflation wieder anheizen. Damit würden Sorgen vor einem gefährlichen Preisverfall auf breiter Front - also einer Deflation - vorerst beendet.

Den Leitzins beließ die EZB bei historisch niedrigen 0,05 Prozent.

Der Euro fiel nach der Entscheidung auf ein Vieljahrestief von 1,1520 Dollar. Der deutsche Leitindex Dax dagegen legte auf ein Rekordhoch von 10.365 Punkten zu, ein Tagesplus von 0,6 Prozent. Bereits am Vortag hatte der Dax neue Rekorde markiert. Die EZB-Entscheidung macht Anleihen unattraktiver und erhöht so im Gegenzug die Attraktivität von Aktien.

Die Wirkung von Anleihenkäufen ist unter Volkswirten und Notenbankern umstritten, etwa weil die Zinsen bereits sehr niedrig sind.

Auf Twitter wurde die Entscheidung so kommentiert: Super-Mario schießt mit der großen Geldkanone.

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>ECB statement in one photo. <a href="https://twitter.com/hashtag/ECBQE?src=hash">#ECBQE</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/draghi?src=hash">#draghi</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/QE?src=hash">#QE</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/ECB?src=hash">#ECB</a> <a href="http://t.co/7W4oCuhzV3">pic.twitter.com/7W4oCuhzV3</a></p>&mdash; Andrew Lilley (@alil9145) <a href="https://twitter.com/alil9145/status/558259604832788480">22. Januar 2015</a></blockquote>

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Was spricht für, was gegen Anleihenkäufe?

Die Argumente der Befürworter

  • Die EZB darf keine Deflation erlauben.

Seit Monaten ist die Inflation im Euroraum sehr niedrig. Im Dezember sanken die Verbraucherpreise auf Jahressicht sogar erstmals seit 2009, vor allem weil die Ölpreise abgestürzt sind. Nach Einschätzung von Unicredit-Volkswirt Marco Valli wird die Inflationsrate im laufenden Jahr im Schnitt bei minus 0,5 Prozent liegen. Folglich muss die EZB gegensteuern, denn sie sieht sich einem Inflationsziel von knapp unter 2,0 Prozent verpflichtet.

  • Die Anleihekäufe sorgen für Kredite und Investitionen.

Die Wirtschaft im Euroraum kommt nicht in Schwung. Der IWF traut dem Währungsraum 2015 nur 1,2 Prozent Wachstum zu. Ein Grund ist die schwache Kreditvergabe: Kauft die EZB den Banken nun mit frischem Zentralbankgeld Schuldscheine ab, haben die Institute neuen Spielraum, die Mittel in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Das könnte die Konjunktur anschieben.

  • Der billige Euro ist gut für die Wirtschaft.

Das milliardenschwere Programm dürfte den Euro schwächen. „Denn ein QE-Beschluss der EZB würde noch einmal unterstreichen, dass die Geldpolitik in den USA und im Euroraum für geraume Zeit auseinanderlaufen dürfte“, erklärt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert: Während die EZB noch mehr Geld in den Markt pumpt, will die US-Fed die Zügel bald anziehen. Ein schwacher Euro hilft europäischen Exporteuren, weil ihre Autos oder Maschinen auf den Weltmärkten günstiger werden. Gleichzeitig werden Importe teurer, was den Preisauftrieb stärkt. Unicredit-Ökonom Valli unterstreicht: „Ein schwacher Euro würde jetzt und in der Zukunft die Konjunktur stützen und einen Anstieg der Preise für Importgüter bewirken.“

  • Die EZB hat keine Alternativen mehr.

Die EZB hat ihre traditionellen Mittel weitgehend ausgeschöpft: Sie hat den Leitzins auf 0,05 Prozent gesenkt, verlangt Strafzinsen von Banken, die Geld bei ihr parken und flutet Banken langfristig mit billigem Geld.

Die Argumente der Gegner

  • Die aktuelle Deflation ist überhaupt nicht gefährlich.

Der jüngste Preisrutsch ist vor allem eine Folge deutlich billigeren Öls. „Die Kerninflation ist seit einem Jahr ungewöhnlich stabil und wir erkennen auch keine übertriebene Abwärtstendenz“, schreibt Unicredit-Volkswirt Valli. Ohnehin überwiege der Nutzen günstigen Öls für die Konjunktur bei weitem das Risiko einer niedrigen Inflation: „Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass die Konjunktur vom gesunkenen Ölpreis und dem schwächeren Euro profitiert, und dieser positive Effekt dürfte sich noch verstärken.“

  • Anleihekäufe lösen nicht die fundamentalen Probleme.

Die Deutsche Kreditwirtschaft glaubt nicht, dass QE die Investitionen der Wirtschaft anschieben kann: „Das Zinsniveau im Euroraum befindet sich bereits auf einem ausgesprochen niedrigen Niveau. Die Impulse eines weiteren Zinsrückganges auf die Investitionen werden daher gering ausfallen.“ Chefvolkswirte der Landesbanken und des Sparkassenverbandes (DSGV) sind zwar der Meinung, dass die Abwertung des Euro kurzfristig zur Belebung von Inflation und Nachfrage beitragen kann. „Die fundamentalen Probleme des Euroraums werden damit aber nicht gelöst.“ Nikolaus von Bomhard, Vorstandschef des Rückversicherers der Munich Re, glaubt nicht an die stimulierende Wirkung für die Kreditvergabe der Banken: „Schlechte Kreditrisiken wollen die Banken zu Recht nicht auf die Bücher nehmen, und gute Kreditrisiken finden auch heute schon Geldgeber“, sagte er in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“.

  • Anleihekäufe verstärken Reformmüdigkeit.

Gerade in Deutschland ist QE umstritten. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fürchtet, dass die Notenbank mit Anleihenkäufen die Reformmüdigkeit in Krisenländern verstärken könnte: Wenn Staaten darauf bauten, dass die EZB die Zinsen durch den Erwerb von Staatsanleihen deckelt, könnten Regierungen zum Schuldenmachen verleitet werden. Auch EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger sieht die Gefahr, dass die Notenbank Anreize für Regierungen schaffen könnte, „wieder mehr Schulden zu machen, statt auf eine nachhaltige Haushalts- und Wirtschaftspolitik zu setzen“. Kanzlerin Angela Merkel warnt: „Der Druck auf die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit in Europa muss erhalten bleiben, sonst wird gar nichts, aber auch gar nichts uns helfen.“

Das Wirtschaftsmagazin „Capital“ zeigt in einer Infografik, wie QE funktioniert.

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