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Preiskrise : EU sitzt auf größtem Milchpulverberg seit zwei Jahrzehnten

vom
Aus der Onlineredaktion

358.000 Tonnen Magermilchpulver befinden sich in Europas Lagerhäusern. Die EU will so notleidende Bauern unterstützen.

shz.de von
erstellt am 27.Jul.2017 | 12:48 Uhr

Brüssel | Die Europäische Union hat zur Unterstützung notleidender Bauern den größten Milchpulverberg seit über 20 Jahren angehäuft. Derzeit befinden sich nach dpa-Informationen europaweit knapp 358.000 Tonnen Magermilchpulver in den Lagerhäusern, so viel wie seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr. Seit Dezember 2016 sind nach Angaben der EU-Kommission in Brüssel lediglich 140 Tonnen bei Auktionen verkauft worden.

Die Milchkrise hat auch in Schleswig-Holstein bereits viele Opfer gefordert: Rund 400 Milchviehhalter mussten hierzulande im vergangenen Jahr aufgeben. Eine Ursache sind die niedrigen Preise für Milch. Im Frühjahr 2016 waren die Erzeugererlöse auf ein Rekordtief von teils unter 20 Cent pro Liter gefallen. Eine Abwärtsspirale war in Gang geraten, nachdem die Milchquote im April 2015 abgeschafft worden war.

Hintergrund ist die große Menge an Milchprodukten, die die Bauern produziert haben. 2016 haben die Behörden in Deutschland für 103,2 Millionen Euro vor allem Milchprodukte aufgekauft und eingelagert. Das teilte das Bundesagrarministerium auf eine Frage des grünen Bundestagsabgeordneten Friedrich Ostendorff mit (pdf). Diese „öffentlichen Interventionen“ auf den Agrarmärkten unternimmt die Europäische Union, um die Preise stützen. Sind die Preise zu niedrig, nimmt sie Waren vom Markt und verkauft sie wieder, sobald sie wieder gestiegen sind.

„Die Mengen wurden bewusst sehr niedrig gehalten“, sagte der für die Landwirtschaft zuständige Sprecher Daniel Rosario auf Anfrage. „Mehrfach wurden sämtliche Gebote abgelehnt, weil diese als zu niedrig eingeschätzt wurden.“ Im vergangenen Jahr war der EU-Durchschnittspreis für die von den Bauern angelieferte Rohmilch auf einen Tiefstand von etwa 25 Cent pro Kilogramm gesunken. Die Preiskrise hatte mehrere Ursachen: Die Abschaffung der EU-Milchquote 2015, auch ein unerwarteter Rückgang der chinesischen Importe wirkte sich aus. Wann die Lagerhäuser in Europa wieder geleert werden, lässt sich nicht absehen.

 

Inzwischen haben die Erzeugerpreise nach Zahlen der EU im Schnitt wieder auf etwa 33 Cent pro Kilogramm angezogen. Auch für Europas Milchbauern wächst die Abhängigkeit vom Fernen Osten, obwohl China in absoluten Zahlen betrachtet für die meisten Milchprodukte nicht der größte Markt ist.

Wie setzt sich der Milchpreis im Supermarkt zusammen?

Am Anfang steht der Preis, den die Molkerei dem Landwirt zahlt. Dazu kommen die Transport-, Produktions- und die Verwaltungskosten der Molkerei, die Kosten für Verpackung, Lagerung, eine Entsorgungsabgabe und schließlich das Geld, das der Handel als Gewinn behält. Im Geschäft kommen 7 Prozent Mehrwertsteuer dazu. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Ernährungswirtschaft (ife) kostet bei einem Supermarktpreis von 55 Cent pro Liter der Transport etwa 1,4 Cent, 8,5 Cent kostet die Verpackung, für Lagerung gehen 2 Cent je Liter drauf.

Doch die Milch kommt nicht nur als Trinkmilch in den Handel. Der weitaus größte Teil wird zu Käse gemacht, laut ife lag dieser Anteil 2014 etwa bei 45 Prozent. 15 Prozent wurden demnach zu Butter verarbeitet, 15 Prozent kamen als Milch in den Handel. Der Rest wurde zu Milchpulver, Joghurt oder anderen Milchprodukten gemacht. Ein direkter Vergleich der Preise für Trinkmilch und der Erzeugerpreise ist nach Angaben des ife also nicht ohne weiteres möglich.

 

„Alle Prognosen gehen dahin, dass China mehr importieren wird“, sagte Monika Wohlfarth, Chefin der Zentrale Milchmarkt Berichterstattung in Berlin. „Mehr Käse, mehr Butter, mehr Milch.“ Magermilchpulver allerdings importieren die Chinesen nur in vergleichsweise geringen Mengen.

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