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Neues Jahrbuch Sucht 2017 : Drogenbeauftragte fordert Verbot von Tabakaußenwerbung

vom

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) informiert über die Lust der Bürger auf Tabak, Alkohol und illegale Drogen.

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2017 | 10:36 Uhr

Berlin | Alkohol und Tabak sind aus Sicht von Experten in Deutschland immer noch zu leicht verfügbar und zu günstig. Der Konsum dieser Suchtmittel bewege sich weiter auf hohem Niveau, sagte Peter Raiser von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) am Dienstag bei der Präsentation des „Jahrbuch Sucht 2017“. Die Lust auf Alkohol ist demnach ungebrochen, nachgelassen hat aber die Nachfrage nach klassischen Zigaretten. Um erste Erfolge auszuweiten, wurde ein Verbot der Tabakaußenwerbung gefordert.

Der Staat befindet sich beim Thema Tabak in einer Doppelposition. Gesundheitspolitiker warnen vor den Gefahren. Haushaltspolitiker dagegen wollen auf die Einnahmen aus der Tabaksteuer nicht verzichten. Sie betrugen 2015 in Deutschland fast 15 Mrd. Euro.

Noch rund 920 Fertigzigaretten rauchte jeder Einwohner statistisch gesehen im vergangenen Jahr, rund 100 weniger als 2012. Das geht vor allem auf weiter rückläufige Raucher-Zahlen bei Kindern und Jugendlichen zurück. „Es gibt aber keinen spürbaren Rückgang bei Rauchern in mittleren Jahren“, sagte DHS-Expertin Martina Pötschke-Langer vom Aktionsbündnis Nichtrauchen. Sie forderte ein Verbot der Tabakaußenwerbung und betonte, dass andere EU-Länder Deutschland bei Maßnahmen gegen Tabak voraus seien.

Das noch relativ junge Phänomen E-Zigaretten ist aus Sicht der DHS bislang kaum im Alltag der Menschen angekommen - auch nicht als Ausstiegshilfe. Es gebe aber ein „besorgniserregendes Probierverhalten“ von 25 Prozent unter Kindern und Jugendlichen, sagte Pötschke-Langer. Bislang seien es aber vor allem Raucher, die zusätzlich zur Zigarette zur E-Variante greifen. Dadurch sei kaum gesundheitlicher Nutzen für die Konsumenten zu erwarten. Die E-Zigarette mit ihrem Chemikaliengemisch sei zwar unproblematischer als die Fertigzigarette, allerdings sehen die Experten immer noch gesundheitliche Risiken beim Dauerkonsum.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), will ein Verbot der Tabakaußenwerbung noch vor der Bundestagswahl im September. „Professionell gemachte Tabakwerbung wirkt. Sie prägt das Image des Rauchens und suggeriert Jugendlichen, Rauchen sei eine saubere und harmlose Sache“, sagte Mortler der Deutschen Presse-Agentur. Ein schon im vergangenen Frühjahr vorgelegter Gesetzentwurf wurde immer wieder auf die lange Bank geschoben, weil es in der Unionsfraktion sowie in Teilen der SPD Widerstand gibt.

Bei alkoholischen Getränken wie Bier, Wein und Schnaps stagniert der Konsum laut Jahrbuch seit 2013. Auf jeden Bundesbürger kam nach jüngsten verfügbaren Schätzungen im Jahr 2015 knapp ein Putzeimer reinen Alkohols: 9,6 Liter. Den Verbrauch in Deutschland schätzten die Jahrbuch-Autoren im internationalen Vergleich als „besonders hoch“ ein.

Geschätzt bis zu 1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind laut „Jahrbuch Sucht 2017“ süchtig nach Medikamenten, vor allem ältere Frauen. „Es wird immer wieder verkannt: Aber es ist die zweite große Abhängigkeit in Deutschland - hinter Tabak, aber noch vor Alkohol“ sagte der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Universität Bremen.

Hintergrund: Die stille Sucht der älteren Damen

Wer ist besonders betroffen?

„Medikamentenabhängigkeit ist weiblich“, sagte Glaeske. Er sieht vor allem Über-65-Jährige betroffen, die in Studien zum Thema bislang aber gar nicht einbezogen seien. Frauen bekommen nachweislich mehr Medikamente, die auf die Psyche wirken, wie Tranquilizer und Antidepressiva, wie aus dem Jahrbuch hervorgeht. „Hier scheinen Rollenstereotype einen Einfluss auf die Verordnungen zu haben [...]“, heißt es.

Welche Pillen können abhängig machen?

Allen voran sind es Schlafmittel und Beruhigungsmittel, insbesondere aus der Gruppe der Benzodiazepine und sogenannte Z-Drugs, deren Wirkstoffe mit dem Buchstaben Z beginnen. Solche Mittel werden zum Beispiel bei Schlafstörungen oder Panikattacken verordnet, sie beruhigen und lassen das Leben leichter erscheinen - können aber binnen weniger Wochen abhängig machen.

Anders als bei manch illegaler Droge müssten Konsumenten die Dosis nicht erhöhen, um einen Effekt zu spüren, sagte Glaeske. Vielmehr nehmen sie täglich ein oder zwei Tabletten, manchmal über Jahrzehnte in gutem Glauben. Ein Problembewusstsein fehlt. Experten sprechen von einer stillen, nach innen gerichteten Sucht.

Wo ist das Problem, wenn ein Arzt das Mittel doch verschrieben hat?

Schlaf- und Beruhigungsmittel können schädliche Folgen haben, wie Glaeske aufzählt: Schlechtere Konzentration, Aggression, bis hin zu einem Dämmerzustand, der die Sturzgefahr erhöht. Eine langfristige Einnahme könne auch die Entwicklung von Altersdemenz begünstigen.

Hinzu kommt, dass Ältere oft einen Arznei-Cocktail einnehmen: Sie erhalten Präparate von mehreren verschiedenen Ärzten, Wechselwirkungen nicht ausgeschlossen.

Und nicht immer stecken Verschreibungen hinter der Sucht: Viele frei verkäufliche, vermeintlich harmlose Mittel wie Stärkungssäfte und Nasensprays haben Suchtpotenzial, wie aus dem Jahrbuch hervorgeht.

Auch Schmerzmittel werden laut Jahrbuch zu 70 Prozent ohne Rezept abgegeben. Packungen, die millionenfach über den Ladentisch gehen, enthalten zum Beispiel Kombi-Präparate mit psychisch anregendem Koffein, was laut Angaben Missbrauch und Entzugskopfschmerzen fördern kann.

Fällt niemandem auf, wenn ein Patient über Jahre problematische Mittel bekommt?

Grundsätzlich ist das Problem für die Fachwelt nicht neu, aber es hapert an der Umsetzung. Vielleicht auch, weil die verfügbaren Zahlen nicht alles sagen. Gerd Glaeske sagte, er beobachte seit rund fünf Jahren, dass abhängig machende Medikamente zunehmend und zu großen Anteilen auf Privatrezept verordnet werden. Das Rezept wird nirgendwo archiviert, der Patient bezahlt selbst. In Analysen der gesetzlichen Krankenkassen falle ein großer Teil der problematischen Verordnungen daher nicht auf. Glaeske spricht von Verschleierung. Er sagte, er sehe Ärzte in der Pflicht, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Die Bundesärztekammer war auf Anfrage zunächst nicht zu erreichen.

Ließe sich die Sucht eindämmen?

Aus Sicht der DHS ja. Die Mittel müssten bewusster eingesetzt werden, damit es gar nicht erst zu einer Abhängigkeit kommt. Patienten müssten über etwaiges Suchtpotenzial aufgeklärt werden. Auch das Ausschleichen eines Medikaments statt abruptem Absetzen könne Entzugserscheinungen vorbeugen.

Ein vom Bundesgesundheitsministerium gefördertes Projekt zeigte schon 2014, dass ambulanter Schlafmittel-Entzug gelingen kann, wenn Apotheker und Arzt intensiver zusammenarbeiten. Eine breitere Umsetzung würde jedoch Geld kosten, weil Apotheker ihren Mehraufwand honoriert haben wollen.

Für den Wissenschaftler Glaeske gibt es noch einen anderen Ansatzpunkt: Er forderte ein Werbeverbot für rezeptfreie Arzneimittel, die ein Missbrauchspotenzial haben.

 

Die DHS hat das Ziel, über Sucht und Vorbeugung zu informieren und zu beraten. Die Mitgliedsverbände kommen aus der Suchthilfe.

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