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Kaufprogramm für Staatsanleihen : Die EZB produziert Geld aus dem Nichts

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Europäische Zentralbank verlängert ihr milliardenschweres Anleihenkaufprogramm – und produziert immer mehr billiges Geld. Das System hat einen Haken.

shz.de von
erstellt am 09.Dez.2016 | 10:25 Uhr

Frankfurt | Vorerst wird die Europäische Zentralbank (EZB) weiter billiges Geld in die Wirtschaft pumpen. In Frankfurt kündigte die EZB an, ihr gewaltiges Kaufprogramm für Staatsanleihen und andere Wertpapiere bis mindestens Ende des Jahres 2017 verlängern zu wollen. Ab April will sie allerdings monatlich nur noch 60 Milliarden Euro statt 80 Milliarden Euro in den Markt pumpen. Insgesamt schwillt das Volumen des EZB-Kaufprogramms damit auf unvorstellbare 2,28 Billionen Euro an. Doch die Gefahr, dass EZB-Präsident Mario Draghi das Geld für seine Manöver ausgehen könnte, besteht nicht. Denn der Notenbankchef kann sich eine Besonderheit zunutze machen.

Draghi muss keine Bargeld-Bestände im Keller der EZB horten, er muss nicht sparen, um anschließend Geld auszugeben. Er kann es einfach selbst herstellen und auf – aus Verbrauchersicht – wundersame Weise vermehren. „Die Europäische Zentralbank produziert das Geld aus dem Nichts“, sagt Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Dabei ist es nicht so, dass die Druckereien in Europa Sonderschichten einlegen müssten, um die Massen neuen Geldes herzustellen, die Draghi in den Wirtschaftskreislauf drückt. „Physisch wird es kaum noch gedruckt“, sagt Kooths mit Blick auf die Entstehung von Geld. Stattdessen stellt die EZB neues Geld als Giralgeld her – also Buchgeld. „Wenn im großen Stil Wertpapiere aus dem Markt herausgekauft werden, dann schreibt die EZB dem Verkäufer den Betrag auf seinem Konto gut“, sagt Kooths. Die Verkäufer sind dabei meist große Geschäftsbanken. Kein Geldschein, keine Münze wechselt den Besitzer. Letztlich werden Forderungen und Verbindlichkeiten ausgetauscht. Ähnlich verhält es sich bei jedem Verbraucher, der einen Kredit bei seiner Hausbank holt. Der Kredit wird gewährt, der Betrag dem Konto gutgeschrieben. Auch dafür werden keine Bargeld-Bestände im Banktresor umhergeräumt, keine Spareinlagen anderer Kunden herangezogen. Das Geld entsteht aus dem Nichts.

Es ist ein System, das auf Vertrauen beruht. Und es ist ein System, das durchaus fragil ist, wie Kooths einräumt. Ob das Geld gedruckt wird oder eben nur als Buchung existiert, ändert daran wenig. „Das Bargeld stellt eine Forderung gegenüber der Zentralbank dar“, sagt Kooths. Die Frage ist nur: Was genau will ein Bargeld-Besitzer bei der EZB in Frankfurt im Zweifelsfall einfordern?

Im Fall der EZB soll das viele billige Geld im Idealfall die Konjunktur ankurbeln und die Teuerung anheizen. Um auch weiterhin ausreichend Papiere zum Kauf zu haben, will die EZB notfalls auch Anleihen mit kürzerer Laufzeit und unterhalb des Einlagensatzes von derzeit minus 0,4 Prozent kaufen. Geld ist für eine Institution, die sich ihr Geld selbst erschaffen kann, hingegen kein Problem. Denn der Theorie könnte die EZB unendlich viel Geld drucken – ob nun als Giralgeld oder physisch. „Rein technisch ist sie nicht beschränkt“, sagt Kooths. Doch es gibt einen Haken: „Wenn man die monetäre Expansion übertreibt, kann es sein, dass die Menschen das Vertrauen in das Geld verlieren“, erklärt der IfW-Professor. Wann das soweit ist, ist unklar. „Kein Mensch kennt diesen Punkt“, so Kooths. Vorerst wird die EZB jedenfalls weiter billiges Geld in die Wirtschaft pumpen.

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