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Kühne und Nagel : Der Schatten der NS-Zeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Hamburger Logistikunternehmen Kühne+Nagel soll sich an der Deportation von Juden bereichert haben.

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2015 | 06:38 Uhr

Hamburg | Das milliardenschwere Logistikunternehmen Kühne+Nagel, mit Hauptsitz in der Hamburger HafenCity, gibt es seit 125 Jahren. Die Geschäfte florieren weltweit, doch gibt es gerade auch ein heftiges Imageproblem: Die Firma soll sich während des Nationalsozialismus heftig an der Deportation von Juden bereichert haben.

Wie der Historiker Wolfgang Dreßen dieser Zeitung gegenüber bestätigte, wurden in der Spätphase des Zweiten Weltkrieges sogenannte Möbel-Aktionen durchgeführt, um das möglichst expandierende Reich mit seinem neuen Wohnraum auszustatten. Die Nazis und ihre Schergen lauerten von jeher auf das Besitzgut ihrer Opfer, nun ging es drum, Hab und Gut der deportierten Juden unters Volk zu bringen. Transportunternehmen mussten her, schließlich ging es um zigtausend Tonnen von Möbeln. Dreßen erläutert Dokumente, die bereits in den 1950ern aufgefunden wurden: „Es wurden aktiv und massiv Menschen gesucht, um Einrichtungsgegenstände für den eroberten Raum zu bekommen.“ Als die anvisierte Osterweiterung nicht klappte, wanderte das Mobiliar in den Westen des Reichs.

„Es gab einen eigenen Stab, in Südfrankreich hat da auch ein Mitarbeiter von Kühne+Nagel mitgeholfen und geguckt, wo Möbel sind“, so Dreßen. Hierbei habe es eine äußerst enge Zusammenarbeit mit Behördenmitarbeitern und der deutschen Besatzung gegeben. „Die Firma ist somit mitverantwortlich für den Tod von Leuten, sie haben damit Geld verdient“, ordnet es der Historiker ein. Sogar eine DIN-Norm habe es gegeben, nach der geraubtes Gut verteilt wurde. Komplette Kücheneinrichtungen wären nach Deutschland verfrachtet worden. Heute generiert das primär aus Steuergründen in der Schweiz ansässige Transportunternehmen 21 Milliarden Schweizer Franken jährlichen Umsatz. Die Transaktionen, bei denen auch massiv auf die Qualität der Ware geachtet worden wäre, sei dann bei der Oberfinanzdirektion in Rechnung gestellt worden. „Auch der deutsche Staat hat dran verdient“, beklagt Dreßen, der viele Jahre die Arbeitsstelle Neonazismus an der Fachhochschule Düsseldorf leitete. Dreßen sagt allerdings, dass Kühne+Nagel nicht alleine gewesen wäre. Auch andere große Logistikunternehmen wären ähnlich verstrickt gewesen.

Auch das BR-Magazin „Kontrovers“ berichtete gerade, wie mit dem Raubmord an Westeuropas Juden beste Geschäfte gemacht wurden. Kühne+Nagel habe demnach mitgeholfen, nach 1942 geplündertes jüdisches Eigentum aus Holland, Frankreich, Luxemburg und Belgien ins Reich zu befördern. Dort wurde das Hab und Gut der in KZs deportierten Juden versteigert. 30  000 Waggons voller Raubgut sollen ihre Besitzer gewechselt, Kühne+Nagel fast 70.000 Wohnungseinrichtungen nach Deutschland transportiert haben.

Heute hat das Unternehmen dem Schein nach eine sehr weiße Weste. Der Unternehmenspatriarch Klaus-Michael Kühne ist in der Öffentlichkeit bekannt geworden, weil er 34,75 Millionen Euro in den klammen Fußball-Profiklub Hamburger SV pumpte. Derzeit lässt der exzentrische 77-jährige Logistik-Milliardär für mehr als 100 Millionen Euro ein Luxushotel in Harvestehude an der Alster bauen. In der Öffentlichkeit macht sich Kühne allerdings rar. Zu den Vorwürfen hat er sich bisher nicht geäußert.


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