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Wirtschaft

17. Dezember 2017 | 17:34 Uhr

Der letzte Patriarch

vom

Berthold Beitz wurde 99 Jahre alt / Prägende Persönlichkeit für Industrie und Gesellschaft während des Wirtschaftswunders

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Essen | Berthold Beitz, einer der letzten großen Industriemanager des deutschen Wirtschaftswunders, ist tot. Der Ehrenvorsitzende des ThyssenKrupp-Aufsichtsrats und jahrzehntelange Chef der einflussreichen Krupp-Stiftung starb bereits am Dienstag, wie der Dax-Konzern und die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gestern in Essen mitteilten. "Für alle, die ihn kannten, ist dies ein unersetzlicher Verlust", sagte der Vize-Vorsitzende des Stiftungskuratoriums, Reimar Lüst. Der legendäre Wirtschaftsführer wurde 99 Jahre alt.

Berthold Beitz wurde 1953 Generalbevollmächtigter des letzten persönlichen Inhabers der Firma Krupp, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Danach stand er rund 60 Jahre lang in verschiedenen Funktionen an der Spitze des Konzerns, der zu Deutschlands größten Unternehmen zählt. Nach dem Tod von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach stellte er die Weichen für die Gründung der Krupp-Stiftung, die heute Großaktionär des Essener Industriekonzerns ist. Nach Alfried Krupps Tod 1967 wurde er deren Vorsitzender. Maßgeblichen Einfluss hatte er auch auf die Fusion mit Thyssen 1999 zum heutigen ThyssenKrupp-Konzern, der aktuell mehr als 150 000 Menschen beschäftigt.

Der betagte Manager hatte sich noch bis kurz vor seinem Tod fast an jedem Arbeitstag in sein Büro gegenüber der Villa Hügel in Essen fahren lassen. Auch als Kuratoriumsvorsitzender der Krupp-Stiftung übte er erheblichen Einfluss aus. Die Stiftung ist mit 25,3 Prozent wichtigster ThyssenKrupp-Aktionär. "Ich mache das weiter, solange ich es kann und noch klar im Kopf bin", hatte er in einem seiner seltenen Interviews Mitte März betont. Entscheidungen von Tragweite waren bis zuletzt ohne das Plazet des mächtigen Beitz nicht denkbar.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Beitz und der langjährige Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp, Gerhard Cromme - ihn drängte Beitz im März zum Rücktritt - die Geschicke der Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen maßgeblich geprägt: Von der feindlichen Übernahme des Konkurrenten Hoesch 1992 über die spektakuläre Schließung des Hütten- und Stahlwerkes Rheinhausen bis zur Fusion mit Thyssen im März 1999.

Der in Vorpommern geborene und in Bentzin nahe Greifswald aufgewachsene Berthold Beitz gilt als großer Förderer des Ruhrgebiets. Die Krupp-Stiftung unterstützte unter seiner Leitung Wissenschaft, Bildung und Sport mit insgesamt rund 625 Millionen Euro. Politik und Wirtschaft würdigten den Verstorbenen. IG Metall-Chef Berthold Huber verwies auf Beitz "markante Charakterzüge: Verantwortungsbereitschaft, Mut, Entschlossenheit". Huber weiter: "An erster Stelle steht für mich jedoch sein Verdienst, in den finstersten Zeiten Deutschlands für Humanität einzustehen." Beitz hatte im Zweiten Weltkrieg Hunderte Juden vor der Deportation gerettet.

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