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Wirtschaft

21. Oktober 2017 | 08:56 Uhr

Der inszenierte Albig

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie authentisch können Politiker sein? Schleswig-Holsteins Ministerpräsident plaudert in Berlin über seinen Alltag

shz.de von
erstellt am 19.Sep.2014 | 13:00 Uhr

Ein Ministerpräsident hat’s auch nicht leicht. Wenn er nicht gerade ganz allein Kabinettsressorts neu zuschneiden muss, erwartet das Volk andere Wunderdinge von ihm. Auf Kutschböcke von Vierspännern klettern zum Beispiel. Oder mit dem Jeep eine Testfahrt machen. „Nö, eigentlich will ich nicht“, würde Schleswig-Holsteins Regierungschef Torsten Albig dann am liebsten ablehnen. „Aber das sagen Sie nie. Statt dessen hören Sie sich sagen: Aber total gerne!“, erzählt Albig vor gut 200 Zuhörern in Berlin. Dabei fährt er Autos „überhaupt nicht gern“ und findet Pferde „jedenfalls sehr groß“.

Doch solche Auftritte auf Volksfesten gehören eben dazu, wenn man ein Amt innehat, das mit dem schönen Titel „Landesvater“ umschrieben wird. „Das sind keine gewollten Inszenierungen, aber Sie können sich dem nicht ganz entziehen“, sagt Albig – und greift damit das Thema des Abends auf: „Politik und Inszenierung.“ So lautet nicht nur das Motto der Plauderrunde mit Albig und seiner saarländischen Kollegin Annegret Kramp-Karrenbauer in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin, sondern auch der Titel einer Ausstellung, die dort seit Freitag und leider nur noch bis Montag zu sehen ist. Sie zeigt sorgfältig inszenierte Politiker-Bilder des Fotografen Götz Schleser, der sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, die Ministerpräsidenten aller Länder zu porträtieren. Auch Albig hat er daher schon an der Kieler Förde vor der Kamera gehabt.

So wie manche von Schlesers gestellten Fotos überraschend natürlich aussehen, sind Inszenierung und Echtheit auch in Wirklichkeit nicht leicht zu trennen. „Eine Rolle auszuüben ist ein Teil meines Authentisch-Seins“, beschreibt Albig den bloß scheinbaren Gegensatz, den nicht nur ein Landesvater auf Volksfesten aushalten müsse, sondern im Grunde ein jeder. „Auch wer im Baumarkt arbeitet, muss sich dort anders verhalten als am Strand“, gibt Sozialdemokrat Albig zu bedenken. Das bedeute aber nicht, dass man sich verbiege.

Natürlich hat Albig auch schon ganz bewusst inszeniert – bereits als er Pressesprecher des Finanzministers Hans Eichel war und dem das Image des „Spar-Hans“ verpassen wollte. Dass auf Eichels Schreibtisch stets einige Sparschweine standen, „das hab’ ich mir ausgedacht“, verrät Albig. Auch als Regierungschef verzichtet er nicht auf Inszenierungen – zuletzt etwa, als er anders als seine Kollegin Kramp-Karrenbauer an der „Ice Bucket Challenge“ teilnahm und sich für ein Internet-Video zugunsten von Spenden für den Kampf gegen die Nervenkrankheit ALS einen Kübel Eiswürfel über den Kopf kippte. Blöderweise warf er die Plastiktüte, in der die Eiswürfel waren, einfach ganz authentisch am Sylter Strand weg – was ihm tadelnde Kommentare im Netz einbrachte. Die Tüte wurde allerdings wieder eingesammelt, ließ Albig versichern.

Doch auch völlig ordnungsgemäße Authentizität kann irritieren. Als Albig kürzlich im Baumarkt einkaufte, hat der Kunde vor ihm erstaunt gefragt: „Sie kaufen Schrauben?!“ Offenbar würden viele Menschen glauben, sagt Albig, dass ein Ministerpräsident nicht einkaufen gehe, weil er wirklich Schrauben brauche, sondern nur, damit die Leute denken: Der ist wie wir. „Na, mal unters Volk mischen?“, kriegt Albig dann zu hören. Für ihn ist das „der Satz, den ich am meisten hasse“.

Mehr Freude hat dem Kieler Handball-Fan Albig da die Oma gemacht, die auf einem Spaziergang neulich nicht etwa den Ministerpräsidenten wiedererkannte, sondern zu ihrem Enkel sagte: „Das ist der Mann, der beim THW immer so schreit.“ Ganz authentisch.

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