Der Gründergeist verlässt den Norden

Schleswig-Holsteiner bauen immer seltener eigene Unternehmen auf

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
27. Mai 2015, 10:19 Uhr

Über viele Jahre galt Schleswig-Holsteins Gründergeist als besonders stark. Nur in wenigen Bundesländern war die Neigung der Menschen, sich selbstständig zu machen und Unternehmen aufzubauen, so groß wie zwischen Nord- und Ostsee. Doch dem diesjährigen Gründungsmonitor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zufolge könnte dies bald Geschichte sein. Denn das Interesse der Norddeutschen am freien Unternehmertum ist auf dem Rückzug – mit Folgen für die Wirtschaft vor Ort.

Nach KfW-Berechnungen lag die Gründungsquote in Schleswig-Holstein zwischen 2012 und 2014 im Schnitt bei 0,56 Prozent, soweit sie jene Gründungen betraf, die nicht nach Feierabend stattfanden. Bundesweit belegt der Norden damit nur noch Platz zehn. Zum Vergleich: Im Zeitraum 2011 bis 2013 betrug der Anteil der Gründer an der erwerbsfähigen Bevölkerung im nördlichsten Bundesland noch 0,73 Prozent. Nur in Berlin (1,16 Prozent), Hamburg (0,84 Prozent) und Hessen (0,74 Prozent) war die Quote damals noch höher. Zwischen 2008 und 2010 waren es sogar 0,97 Prozent.


Zu wenig Gründungen im Technologie-Sektor


Zwar dokumentiert die KfW in ihrem aktuellen Report, dass sich 2014 bundesweit erneut mehr Menschen selbstständig gemacht haben – die Zahl der Gründungen stieg um 47  000 auf 915  000. Doch das Ausgangsniveau ist auch extrem niedrig. Vor zwei Jahren war die Zahl der Gründungen bundesweit auf ein Rekordtief gesunken. Zu Beginn des Jahrtausends zählte die KfW noch mehr als 1,5 Millionen Existenzgründer. „Das wird auf absehbare Zeit nicht wieder erreicht“, glaubt KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner: „Wir sind insgesamt zu wenig Gründer.“

Beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) spricht Eric Schweitzer bereits von einer Gründungsmisere. So haben die Industrie- und Handelskammern bundesweit im vergangenen Jahr so wenig Beratungsgespräche zu Gründungen durchgeführt wie noch nie. Wobei sich die Beratungsgespräche vor allem an gewerbliche Gründer richten.

„Es sind eher die kleinen Gründungen, die aber nicht unterschätzt werden dürfen“, beschreibt Björn Ipsen, Leiter des Geschäftsbereichs Starthilfe und Unternehmensförderung bei der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, das Gründungsverhalten im Land. Was dem Norden jedoch fehle, seien „wissensintensive Gründungen“ – solche, die etwa im Bereich der Software-Entwicklung oder dem Technologie-Sektor aktiv sind. Sie sorgen erfahrungsgemäß besonders schnell für ein starkes Beschäftigungswachstum.

So zeigen auch die Zahlen der KfW, dass Gründungen mit einem Plus von 61  000 auf 368  000 vor allem in den freien Berufen erfolgten. Im gewerblichen Bereich hingegen – der sich dann auch in den Beratungserfahrungen der IHK wiederfindet – gab es ein Minus von 14  000 auf rund 547  000 Gründungen.

„Das hat etwas mit der guten Lage am Arbeitsmarkt zu tun“, erklärt IHK-Experte Ipsen die Entwicklung. Wo viele Jobs entstünden, sei die Neigung, sich selbstständig zu machen, eher gering. Das Angestellten-Dasein wird in Deutschland dem des freien Unternehmers vorgezogen. „Das ist die Mentalität der Deutschen“, so Ipsen. Gründe dafür seien neben einer Bürokratie, die aus Sicht der Kammern Gründungen und Selbständigkeit erschwere, auch der Umgang mit dem Thema in den Bildungsinstitutionen. „Das Thema Unternehmertum wird an den Schulen nicht systematisch angegangen.“ Vor allem bei zwei Gruppen bemüht sich die IHK zu Kiel inzwischen mit speziellen Angebot verstärkt um Nachwuchsgründer – bei Studenten und Hochschulabsolventen sowie Menschen mit Migrationshintergrund.

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