Der gläserne Mensch und die wachsende Macht der Auskunfteien

Wenn Auskunfteien

shz.de von
18. Januar 2015, 13:36 Uhr

Sie heißen Bürgel, Creditreform oder Arvato Infoscore. Längst synonym für solche Kredit- und Wirtschaftsauskunfteien ist aber die einstige Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, heute kurz Schufa genannt. Die Dienstleister sind dabei umstritten. Experten wie der Chef des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD) in Kiel, Thilo Weichert, fordern von ihnen mehr Transparenz und Plausbilität bei ihren Methoden. Denn die Macht der Dienste wächst – und auch der Pool, aus dem sie Daten für ihre sogenannten Scorings schöpfen können. Vor allem das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter werden von Experten als gewaltige Datenschätze gesehen. Dass die Auskunfteien in Zukunft verstärkt versuchen werden, auf sie zuzugreifen, steht außer Frage. Erste Firmen arbeiten hier bereits an der – aus Sicht von Politik und Datenschützern fragwürdigen – Zukunft.

Die Hamburger Firma Kreditech beispielsweise berechnet nach eigenen Angaben die Kreditwürdigkeit seiner Kunden vollautomatisch – basierend auf 15000 Einzeldaten, die unter anderem aus sozialen Netzwerk, dem E-Commerz-Verhalten oder auch der mobilen Internetnutzung resultieren können. Wo hält sich das Smartphone auf, welche Bücher wurden zuletzt bei Amazon bestellt, welche Angaben wurden auf dem Facebook-Profil veröffentlicht? All das kann verwendet werden – und über den zukünftigen Kredit und dessen Konditionen entscheiden.

Aktiv ist die Firma vor allem in Polen, Spanien, Tschechien und Russland und wächst rasant. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Start-Up in Warschau aufgekauft. Südamerika steht ganz oben auf dem Expansionsplan. Noch versteht sich Kreditech selbst mehr als Kreditgeber, prüft die Bonität der Kunden also für den eigenen Bedarf. Doch sein Scoring-Modell auch anderen Unternehmen als Dienstleister zur Verfügung zu stellen, war zumindest in der Vergangenheit erklärtes Ziel.

Noch geben einem Gutachten des ULD zufolge die großen Anbieter von Datensätzen an, nicht in sozialen Netzwerken zu fischen. Dass auch sie sich jedoch brennend für die Informationen aus dem Netz interessieren, ist mehr als ein offenes Geheimnis. Erst 2012 hatte die Schufa ein mit dem Hasso-Plattner-Institut vereinbartes Forschungsprojekt zur Verwendung von Internet-Daten nach öffentlichem Protest wieder eingestellt.

Während es Ziel der Auskunfteien ist, möglichst viel über die Verbraucher zu erfahren, geben sich die Unternehmen selbst zugeknüpft. So kann die Bundesregierung beispielsweise keine Angaben dazu machen, zu wie vielen Personen Daten bei den größten fünf Auskunfteien vorliegen. Unklar ist zumindest in Berlin auch, wer eigentlich wie an den Dienstleistern beteiligt ist. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion teilte die Bundesregierung kürzlich mit, dass ihr „keine Daten zu Umsatz, Gewinn, Anteilseignern oder Vorstand“ vorliegen würden.

Bei der Landesregierung wird in Sachen Scoring auf die Verbraucherschutzministerkonferenz der Länder verwiesen. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) hatte dort zuletzt zusammen mit seinen Länderkollegen einen dringenden Handlungsbedarf formuliert. Aus Sicht der Opposition im Norden ist das jedoch zu wenig. „Die Landesregierung ist jedenfalls seit Beginn dieser Legislaturperiode nicht dadurch aufgefallen, dass sie sich in dieser Frage im Bund besonders stark gemacht und entsprechende Initiativen über den Bundesrat umgesetzt hat“, gibt der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Heiner Garg, zu bedenken. Dabei gebe es ihm zufolge nicht gerade wenig Handlungsbedarf. Aus seiner Sicht zählen „zum Beispiel auch soziale Netzwerke zur Privatsphäre und dürfen nach unserer Auffassung nicht von der Schufa und anderen missbraucht werden“.

Dass die Bundesregierung schon bald neue Regeln auf den Weg bringt, ist fraglich. 2016 will die EU eine neue Datenschutzverordnung auf den Weg bringen – bestehende deutsche Gesetze würde diese außer Kraft setzen.

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