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Dealer und Schmuggler steigern deutsche Wirtschaftsleistung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 14.Aug.2014 | 13:20 Uhr

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal erstmals seit Anfang 2013 geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Zeitraum April bis Ende Juni 2014 im Vergleich zum Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt gestern in Wiesbaden mitteilte. Zuletzt hatte es nach neu berechneten Zahlen im ersten Quartal 2013 (minus 0,4 Prozent) einen Rückgang der Wirtschaftsleistung gegeben. Nach dem rasanten Start ins laufende Jahr bekam die deutsche Konjunktur damit den von vielen Volkswirten erwarteten Dämpfer. 

Erstmals wendete das Bundesamt dabei die neuen europäischen Regeln zur Berechnung des BIP an. Damit steigern zum Beispiel auch Drogenhandel, Zigarettenschmuggel und der Kauf von Panzern die Wirtschaftsleistung. Im Ergebnis wird für Deutschland eine um rund drei Prozent höhere Wirtschaftsleistung erwartet, die prozentualen Unterschiede werden aber annähernd gleich bleiben.


„Kiffen für die Konjunktur“


Drogen und Waffen zählen künftig zur Wirtschaftsleistung. Klingt unglaublich, ist aber zumindest zum Teil Realität. Die Europäische Union will Konjunkturdaten international besser vergleichbar machen und schreibt daher ihren Mitgliedstaaten ab dem 1. September neue Regeln zur Berechnung des BIP vor, das alle erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen erfassen soll. Das Statistische Bundesamt wendet die neue Methode bereits an – und hat sie für mehr als 20 Jahre rückwirkend durchgerechnet.

Prostitution und Schwarzarbeit erhöhen die deutsche Wirtschaftsleistung schon länger. Nun steigern auch Drogenhandel und Tabakschmuggel das BIP. Die Folge: Für manche Jahre seit 1991 fällt die deutsche Bilanz besser aus als zunächst berechnet. In anderen ist das Wachstum aber geringer. Die Einbeziehung illegaler Aktivitäten ist nicht unumstritten. So erklärt ein Statistiker, es gebe – von der Steuerhinterziehung abgesehen – wirtschaftlich betrachtet keinen Unterschied zwischen Tabakhandel und Tabakschmuggel: In beiden Fällen werde eine Dienstleistung erbracht, welche die Bedürfnisse der Konsumenten befriedige.

Allerdings gibt es für Statistiker einen bedeutenden Unterschied: Die Erhebung der Daten ist ungleich komplizierter. Um Drogenhandel und Tabakschmuggel in das BIP einzurechnen, müssen sich Statistiker auf Modellrechnungen verlassen. Nach Berechnungen der Behörde dürfte dieser Posten das BIP-Niveau nur um maximal 0,1 Prozent erhöhen. Bei Drogen und Tabakschmuggel wirkt sich nur die Handelsspanne im Inland auf die Wirtschaftsleistung aus, nicht aber der Wert von Kokain oder Kippen bei der Einfuhr.

Aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit fließt EU-weit künftig auch Prostitution in die BIP-Berechnungen ein. In Deutschland ändert das nichts, weil sexuelle Dienstleistungen bereits – als Schätzung – Teil der Wirtschaftsleistung sind. Demnach dürften etwa 1,2 Millionen Männer, die in Deutschland täglich sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen, Bordellen, Sex-Kinos oder Table-Dance-Bars einen Jahresumsatz von über 14 Milliarden Euro bescheren. Etwa die Hälfte wird im BIP berücksichtigt, der Rest wird als Vorleistung für Schutzgelder, Kleidung oder Kondome abgezogen.

In der Fachwelt bleiben Zweifel. So ist in der EU-Verordnung auch zu lesen, der Kauf von Kriegsschiffen, Militärjets oder Panzern gelte künftig als Investition. Grund: Waffensysteme dienten der Friedenssicherung. Dass Waffen auch zerstören können und Wohlstand verringern, bleibt außen vor.

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