„Das Herz von Opel schlägt nicht mehr“

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Opel Bochum hat seine Autoproduktion endgültig eingestellt / Die Belegschaft ist frustriert und enttäuscht

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05. Dezember 2014, 12:00 Uhr

Mit einem dunkelgrauen Opel Zafira sind gestern 52 Jahre Bochumer Industriegeschichte zu Ende gegangen. Der Familienvan war der letzte Wagen auf der Produktionslinie des Opel-Werkes im Ruhrgebiet – danach werden die Anlagen demontiert und teils nach Rüsselsheim gebracht, verkauft oder verschrottet. „Das Herz von Opel hat aufgehört zu schlagen“, sagt ein Mitarbeiter, als er aus dem  Werkstor kommt. Gut 3000 Beschäftigte verlieren ihren Job, 2700 davon wechseln in eine Transfergesellschaft. Grund für die Schließung: Überkapazitäten.

Nach der letzten Schicht ist am Werkstor Enttäuschung, Resignation und Kritik am Opel-Management zu hören: „Tja, man hat uns hier verhungern lassen“, sagt Hans Skopek aus der Endmontage, der seit 40 Jahren bei Opel arbeitet. Die letzten zehn Jahre sei es mit dem Werk immer weiter bergab gegangen. „Das Management hat das Werk vor die Hunde gehen lassen.“ Am Ende habe es sogar reingeregnet. Für den 55-Jährigen Anlagenelektroniker geht es in die zweijährige Transfergesellschaft – sieben Monate mit vollem Geld, dann mit 80, im letzten Jahr mit 70 Prozent des Gehalts. „Das ist jetzt Neuland: Vielleicht finde ich ja was in meinem gelernten Beruf.“

„26 Jahre habe ich hier gutes Geld verdient“, sagt Antonio Gonzalez, 48, der als Kolonnenführer Logistik arbeitet. Er will nach dem Aus bei Opel versuchen, sich zum Ausbilder für Lagerfachkräfte umschulen zu lassen. Das bedeutet erhebliche Lohneinbußen für Gonzalez, der zusammen mit seiner Partnerin sechs Kinder versorgen muss. Sein bewegendster Moment in den 26 Jahren? „Als ich eingestellt wurde. Da habe ich gedacht: Jetzt kann nichts mehr passieren – Rente, Du kannst kommen.“

Nicht alle am Werkstor sind so gelassen wie der gebürtige Spanier. Viele schütteln nur stumm den Kopf oder antworten kurz im Vorbeigehen Sätze wie „Was soll ich sagen – ich bin traurig“ bis „Ich sag nix, mir reicht's“. Einem Mitarbeiter schießen die Tränen in die Augen. Güler Nihat, der 1991 bei Opel gelernt hat, will sogar gegen Opel klagen, wenn er seine Kündigung bekommt. Er zählt zu den wenigen, die den Sozialtarifvertrag nicht unterschrieben haben. „Meine Zukunft?“, sagt der Familienvater mit drei Kindern zögernd, „50:50 – ach, ich weiß nicht.“

Mike Szczeblewski ist nicht nur auf Opel, sondern auch auf die IG Metall sauer, die den Tarifvertrag für den Ausstieg ausgehandelt hat. „Ich bin tief enttäuscht“, sagt er. „Die haben das Angebot aus Detroit von GM angenommen und nicht richtig für unsere Jobs gekämpft.“

Als Zeichen seiner Solidarität will die Pop-Ikone Herbert Grönemeyer (58) die Opel-Mitarbeiter zum Konzert einladen. Der Musiker, der in Bochum aufgewachsen ist und der Stadt ihre gleichnamige Hymne schenkte, sagte: „Es geht jetzt darum, ihnen Mut zu machen.“

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