„Das dicke Ende kommt im Alter“

Heinz Wings: Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer.
Heinz Wings: Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer.

Der Hamburger Sparda-Bank-Vorstandschef Heinz Wings analysiert die Auswirkungen der Zinsentwicklung und rät zur Vorsorge

shz.de von
29. Januar 2015, 12:01 Uhr

Einer der profiliertesten Bankexperten Norddeutschlands geht heute in den Ruhestand. Dr. Heinz Wings, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Hamburg, hat sein Unternehmen zu einem Branchenführer entwickelt. So führte Wings das online-Banking ein, als Wettbewerber noch nicht einmal daran dachten. Der HSV-Fan äußert sich im Interview mit unserer Zeitung zu der turbulenten Situation auf den Finanzmärkten, insbesondere zur Entwicklung nach der EZB-Entscheidung und zu den Geschehnissen in Griechenland.

Kurz vor Ende Ihrer Dienstzeit gibt es Turbulenzen auf dem Finanzmarkt. Besonders die Sparer sind verunsichert. Was kommt durch die EZB-Entscheidung, Staats- und andere Anleihen zu kaufen, auf die Bürger zu?
Wings: Die Ankündigung von Mario Draghi, Staats- und Unternehmensanleihen von März an 19 Monate bis zu 1,14 Billionen Euro anzukaufen, wird dazu führen, dass die Zinsen lange weiter niedrig bleiben. Neues Geld wird „gedruckt“, ohne dass das Angebot an Konsum-Gütern steigt. Damit steigt die angestrebte Inflation aber nicht für Konsumgüter, sondern insbesondere für Sachanlagen. Immobilienpreise und Aktien werden voraussichtlich explodieren. Das ist aber nicht gewollt. Gewollt ist Inflation für Konsumgüter. Nur die Nachfrage nach Konsumgütern kann die Wirtschaft über Massenkäufe ankurbeln.

Was hat das für Auswirkungen auf unsere Geldanlagen ?
Spareinlagen bleiben sehr niedrig verzinst. Das Geld sucht nach rentablen Alternativen. Daher werden Aktien und Immobilien höchstwahrscheinlich auf der Gewinnerseite sein.


Wie lange bleiben die Zinsen unten?

Angestrebt ist eine sehr lange Niedrigzinsphase und ein Aufkeimen der Inflation. Gelingt es, dieses Szenario langfristig weiter zu verwirklichen, läge die Inflationsrate weiter über den Marktzinsen. Die Sparer würden somit real weiter enteignet. Künftig kann man sich für den Euro also weniger kaufen als heute. Im Gegenzug werden die Schulden des Staates real abnehmen. Experten haben errechnet, dass es erst 2022 zu einer solchen Entlastung der Schulden des Staates kommen kann, dass die Zinsen wieder Schritt für Schritt nach oben gehen können, ohne dass die Zinslast für den Staat zu erdrückend wäre. Jedoch können externe Schocks wie ein weiterer Schuldenschnitt in Griechenland – dazu führen, dass die Ruhe an der Niedrigzins-Front gestört wird.

Kaufen denn jetzt alle Immobilien oder gehen an die Börse?

Nur etwa zwei Fünftel der Bevölkerung bekommen heute ohne weiteres Kredit. Sie besitzen die erforderlichen Sicherheiten. Sie verschulden sich derzeit zu sehr günstigen Zinskosten. Sie sind die Gewinner. Dies führt natürlich irgendwann zu Vermögenskonzentrationen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter auseinander klaffen, sie wird immer größer.

Ist das ein Phänomen der Neuzeit?
Nein, schon im biblischen Altertum kannte man diese Situation der Vermögenskonzentration im Zeitablauf und versuchte, ihr entgegen zu wirken durch die Einführung der Erlass- oder Jubeljahre: Einen alle 50 Jahre gebotenen Schuldenerlass und Eigentumsausgleich für alle Israeliten. Man wollte damit wieder die Masse der Bevölkerung mit Kaufkraft ausstatten, um die Wirtschaft anzukurbeln und allzu große Vermögens-Anhäufungen verhindern. Was auch dazu führen sollte, die Anzahl von Kriegen und Aufständen zu reduzieren, weil eine größere Zufriedenheit wieder hergestellt werden konnte.

Sollten wir für die Griechen in Europa wieder die „Jubeljahre“ einführen?

Wir können natürlich heute nicht wieder die Jubeljahre einführen. Aber ein Schulden-Schnitt mit Besserungsschein wäre meines Erachtens insbesondere für Griechenland sinnvoll. Die Kosten, die ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone für Deutschland verursachte, wären viel höher als die Abschreibung der Schulden. Der griechische Staat könnte dann die große Masse der Menschen mit Kaufkraft ausstatten und damit die Nachfrage in die Hände Vieler legen. Wachstum und Beschäftigung würden wieder steigen. Griechenland könnte sich erholen und später auch wieder die Schulden zurück zahlen. Übrigens geht das deutsche „Wirtschaftswunder“ nach dem Krieg auch hauptsächlich auf einen Schuldenerlass von 1953 zurück. Das sollte man nicht vergessen.

Warum sollten denn die Zinsen wieder ansteigen?

Ein höherer Zins wäre ein besserer Gradmesser für Investitionen. Bei fast Null-Zinsen scheinen viele Investitionen vorteilhaft und werden durchgeführt. Wenn die Zinsen aber wieder steigen, fallen viele Geschäftsmodelle sofort wieder in sich zusammen. Außerdem könnten die Banken ihre Liquidität wieder sinnvoll zinstragend anlegen. Und für Sparer würde die Altersvorsorge wieder einen höheren Anreiz bieten. Viele Menschen leben heute bei den niedrigen Zinsen ausschließlich das Hier und Jetzt. Das dicke Ende kommt aber dann im Alter, wenn man ohne solide finanzielle Basis in Altersarmut mit staatlicher Rente leben muss.

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