Lebensmittelskandal in Indien : Blei in Nudeln: Nestlé vernichtet Maggi-Gerichte für 45 Millionen

Kinder protestieren gegen Maggi-Instantnudeln in Bhopal, Indien.
Kinder protestieren gegen Maggi-Instantnudeln in Bhopal, Indien.

Eine Behörde findet Blei in Nestlé-Nudeln. Der Konzern streitet die Belastung ab, beugt sich aber dem Druck. Nun läuft in Indien eine der größten Lebensmittel-Vernichtungsaktionen der Geschichte an.

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16. Juni 2015, 14:41 Uhr

Vevey/Frankfurt | Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé wird in Indien Nudelerzeugnisse im Wert von fast 45 Millionen Euro aus den Regalen nehmen und vernichten. Zu diesem Schritt wurde das Schweizer Unternehmen von der indischen Lebensmittelkontrollbehörde FSSAI gedrängt, nachdem diese bei einer Untersuchung der Ware ein vielfaches der Grenzwerte von Blei entdeckt hatte. Die Instant-Nudeln der Marke Maggi wurden von der Behörde Anfang Juni als gesundheitsschädlich eingestuft.

Die TV-Sender des Subkontinents kennen seitdem kaum ein anders Thema. Es wurde so schlimm, dass der Nestlé-Konzernchef höchstpersönlich nach Indien eilte und versicherte: Die Nudeln sind sicher. „Wir sind seit mehr als 100 Jahren hier, wir sind ein Teil Indiens“, sagte Paul Bulcke.

Eine Flut an Liebeserklärungen zu dem Fertiggericht überrollte die sozialen Medien. Studenten verabredeten sich zum „Letzten Maggi-Abendmahl“ oder, wie der Comedian Aadar Malik, nahmen es mit Humor: „Wenn Maggi-Nudeln wirklich Blei enthielten, hätte ich so viel in mir, dass Superman nicht durch mich hindurchschauen könnte“, erklärte Malik auf Twitter.

Nestlé betont nach wie vor, dass die Resultate falsch und die Nudeln sicher seien. Eigene Tests hätten die Ergebnisse des FSAI nicht bestätigt. Der Lebensmittel-Multi ging zunächst juristisch gegen die Behörde vor. Doch ein Gericht in Mumbai widersprach der Klage jüngst.

Um das Vertrauen der Konsumenten in die gepflegten internationalen Qualitätsstandards nicht zu gefährden, würden sowohl Lagerbestände als auch sich in ganz Indien im Handel befindliche Produkte inzwischen nach und nach vernichtet, teilte der Konzern auf seiner Internetseite mit. Am 30. Juni werde es allerdings noch eine weitere Anhörung geben.

Die 45 Millionen Euro Schaden beziehen sich nach Nestlé-Angaben lediglich auf den materiellen Wert der zu vernichtenden Nudeln. Dazu kommen Transaktions- und Vernichtungskosten in unbekannter Höhe. Nestle ist mit einem Marktanteil von knapp 80 Prozent der Hauptlieferant von Instant-Nudeln in Indien.

Die oberste nationale Behörde - mit indischer Liebe für Abkürzungsmonster FSSAI getauft - vergibt die Lizenznummern und lässt die Unternehmen ihr Logo auf die Packungen drucken. Das bedeute aber nicht, dass die Nahrung auch getestet sei, erklärt Amit Khurana vom Zentrum für Wissenschaft und Umwelt (CSE) in Neu Delhi. Im Gegenteil sei es jetzt das erste Mal, dass die indischen Behörden industriell verarbeitete Lebensmittel auf Schwermetalle testeten.

Den meisten Bundesstaaten mangele es an ausreichenden Laboren und Testern, meint Khurana. Seine unabhängige Organisation habe schon gefährliche Pestizide in Flaschenwasser, zu viel Koffein in Energy-Drinks oder Antibiotika in Honig und Hühnchen gefunden. Doch selbst als Insektenvernichtungsmittel in Cola und Würmer in Schokolade auftauchten, kamen die Unternehmen ohne Strafen davon. (dpa)

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