Wirtschaftsminister für SH : Bernd Buchholz im Interview: A20? „Das ist so nicht zu erreichen“

Will kein „Cowboy“ sein, sondern etwas bewirken: Bernd Buchholz in seinem Büro in Kiel.
Will kein „Cowboy“ sein, sondern etwas bewirken: Bernd Buchholz in seinem Büro in Kiel.

Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) über den Weiterbau der Küstenautobahn, die Bahnprobleme an der Westküste und nörglige Unternehmer.

shz.de von
30. Juni 2017, 19:33 Uhr

Herr Buchholz, das Wirtschaftstraumziel der Jamaika-Koalition liegt nicht in der Karibik, sondern in San Francisco, wo Sie mit schleswig-holsteinischen Unternehmen und Verbänden eine Vertretung eröffnen wollen. Entsteht ein Miesmuschel Valley neben dem Silicon Valley?

Miesmuschel Valley klingt ein bisschen doof. Aber wäre es nicht toll, Schleswig-Holstein in der Digitalisierung zu einer Vorzeigeregion zu machen? Da schafft uns der Kontakt nach San Francisco Chancen – und dann ist dieser Brückenkopf etwas, das andere nicht haben.

Anders als Hamburg?

Ich bin kein Freund von Konkurrenzen und Kleinkariertheiten. Wir sollten mehr darüber nachdenken, wie wir gemeinsam mit Hamburg die PS auf die Straße bringen können.

Dafür stand auch Ihr Vorgänger Reinhard Meyer. Was hat er Ihnen als Ratschlag mitgegeben?

Er hat mir gesagt, dass es sehr schön für mich ist, dass ich mehr Geld als er für die Infrastruktur zur Verfügung habe. Er hat aber auch gesagt: „Jetzt müssen Sie aufpassen, dass Sie das Geld auch verbuddelt kriegen.“ Und da hat er Recht.

Was ist denn Ihr erstes Projekt?

Die A21, für wir vom Bund ein klares Signal und Geld bekommen haben, weiterzubauen...

...das ist Ihr Weg zur Arbeit, oder?

Ja, ich komme da jeden Tag auf dem Weg von meinem Wohnort Ahrensburg nach Kiel vorbei. Aber wir werden auch bei der Rader Hochbrücke nochmal mit Vehemenz prüfen, ob ein sechsspuriger Ersatz möglich ist. Und überall da, wo es Baurecht gibt, werden wir anfangen zu bauen – etwa die A20. Stück für Stück und dann im Lückenschluss.

Wird die A20 in dieser Legislaturperiode fertig, wie es Ministerpräsident Daniel Günther versprochen hat?

Es ist vielleicht ganz gut, die Latte hochzuhängen, weil es uns anspornt – auch wenn man das Ziel am Ende vielleicht nicht ganz erreicht.

Also erstmal ein Ziel setzen, das Sie dann nicht schaffen?

Ich habe das Ziel nicht gesetzt. Ich sage mal: Das ist sehr sportlich und so nicht zu erreichen. Aber in die Nähe zu kommen, wäre auch ein großer Schritt. Dazu kann ich eine Anekdote erzählen.

Bitte...

Als ich das erste Mal in den Landtag kam, war in der Regierungserklärung von Björn Engholm das wichtigste Thema die A20 und die Querung der Elbe westlich von Hamburg. Das war 1992, jetzt haben wir 2017. Da kommt es wohl jetzt nicht auf einen Monat mehr oder weniger an.

Sie haben als Verlagsmanager von Gruner+Jahr viel Erfahrung in der Wirtschaft – was nützt Ihnen das fürs neue Amt?

Ich kenne das wirtschaftliche Leben aus der Sicht eines Unternehmers. Ich weiß, was politische Entscheidungen für Betriebe bedeuten können. Und das werde ich immer mitdenken.

Wo sind die größten Unterschiede zwischen Wirtschaft und Politik?

Ich glaube, dass die gar nicht so groß sind. Sie denken vielleicht, dass in Unternehmen jemand sitzt, der schnell, hart und falsch von oben herab entscheidet. So ist es aber nicht. In Unternehmen muss man genauso die eigenen Leute für ein gemeinsames Ziel begeistern. Und mit dem Drive, der mir innewohnt, werde ich meinen Teil dazu beitragen.

Ist das die souveräne Lässigkeit, die Ihr Parteifreund Wolfgang Kubicki der Jamaika-Koalition attestiert hat?

Ja, die wünsche ich mir. Lässigkeit gehört zu Jamaika. Es bringt ja nichts, über die Dinge hinwegzurollen wie eine Dampfwalze.

Wirtschaftspolitik ist zu 50 Prozent Psychologie, hat Ludwig Erhard mal gesagt – sind Sie ein guter Psychologe?

Das müssen andere beurteilen. Aber viel wichtiger ist, dass die Menschen wissen, woran sie mit einem sind. Und das wissen sie bei mir. Ich werde nicht alles schön reden, sondern auch Dinge beim Namen nennen, die nicht so gut laufen.

Werden Sie eigentlich schnell ungeduldig?

Gelegentlich. Aber manche Dinge gehen ja auch schnell, wie ich in den ersten 72 Stunden hier im Ministerium gemerkt habe. Etwa für die Pendler der Marschbahn, die unter den Zugausfällen leiden. Ab Montag können die zwischen Westerland und Hamburg mit dem Nah.SH-Ticket werktags den ICE benutzen, der nachmittags um 15.26 Uhr fährt. Das wird den Pendlern zumindest über die Sommer-Hauptreisezeit Erleichterung verschaffen.

Eigentlich wollten Sie in den Bundestag nach Berlin – ist Kiel nun die zweite Wahl?

Als ich mich für den Bundestag habe aufstellen lassen, konnte niemand absehen, dass es zu dieser Konstellation in Schleswig-Holstein kommen würde. Aber die gestalterische Möglichkeit als Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein ist unendlich größer, als ich die vielleicht in Reihe 6 des Bundestages gehabt hätte. Deswegen ist Kiel nicht zweite Wahl.

Haben Sie ein persönliches Ziel als Wirtschaftsminister?

Ich möchte, dass die Schleswig-Holsteiner nach fünf Jahren sagen: „Die haben Spuren hinterlassen...“

...das kann viel bedeuten.

Stimmt. Aber ich möchte, dass diese Regierung richtig was nach vorne bringt – in der Energiewirtschaft, beim Ausbau der Infrastruktur und der Digitalisierung. Wenn Unternehmer, die hin und wieder auch etwas nörgelig sind – wie ich als Ex-Unternehmer sagen darf – am Ende sagen: „Wir sind ganz zufrieden“ – das wäre ein großes Lob. Und wenn die Leute dann noch über Buchholz sagen würden: „Der ist nicht nur ein breitbeiniger Cowboy, sondern der bewirkt auch was“ – das wäre noch schöner.

Sie sind von der Politik in die Wirtschaft gewechselt, waren dann als Anwalt tätig, sind jetzt wieder Politiker – ist das ihr endgültiger Job?

Das weiß ich nicht. Nur eines kann ich sagen: Der Versuch, eine Golfkarriere zu starten, ist gnadenlos gescheitert. Wenn ich damit mein Geld verdienen müsste, wäre ich auf Hartz IV angewiesen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen