Bundesagentur für Arbeit : BA-Chef Weise plädiert für freiwillige Rente mit 70

Zusätzliche Anreize sollen dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmer länger im Berufsleben verbleiben. Grund ist der Fachkräftemangel.

shz.de von
02. Januar 2015, 15:30 Uhr

Berlin | Angesichts des Fachkräftebedarfs plädiert der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, für zusätzliche Anreize, um Ältere bis 70 im Berufsleben zu halten. „Flexible Ausstiege aus dem Erwerbsleben in Rente sind grundsätzlich ein gutes Modell“, sagte er der Zeitung „Die Welt“. Die Regierung habe den früheren Ausstieg mit der Rente mit 63 ermöglicht. „Man sollte nun auch Anreize dafür setzen, dass Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können“, so Weise.

Nach Zahlen der Bundesagentur gingen Ende Juni 2014 knapp 173.000 Ältere zwischen 65 und 74 Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. In der Altersgruppe von 65 bis 69 waren es zum selben Zeitpunkt 130.000.

Kritik wird bereits auf Twitter laut.

<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Fachkräfte sollen jetzt auch &#39;freiwillig&#39; bis 70 arbeiten dürfen. &#10;&#39;Man muss weil die Rente nicht reicht&#39; nennt man jetzt also freiwillig.</p>&mdash; Mme ρℓαιѕιяchen (@einFraeulein) <a href="https://twitter.com/einFraeulein/status/550887727869485056">2. Januar 2015</a></blockquote>

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<blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Was denn, die Leute nutzen die Möglichkeit, mit 63 in Rente zu gehen, statt mit 70 tot vom Bürostuhl zu fallen? Ist ja komisch.</p>&mdash; Wernher von Oheim (@WernherVonOheim) <a href="https://twitter.com/WernherVonOheim/status/535509085991747584">20. November 2014</a></blockquote>

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Aber es gibt auch Lob für den Vorschlag.

<blockquote class="twitter-tweet" data-cards="hidden" lang="de"><p>rente mit 63/67 sind gut. wer aber freiwillig länger arbeiten will sollte das können.  <a href="http://t.co/1xMHiD0brs">http://t.co/1xMHiD0brs</a></p>&mdash; Johannes Kahrs (@kahrs) <a href="https://twitter.com/kahrs/status/550922290285010944">2. Januar 2015</a></blockquote>

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Die große Koalition hatte im Sommer die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren eingeführt. Bis Ende November wurden dem Bericht zufolge bereits 186.000 Anträge bei der Deutschen Rentenversicherung gestellt. „Die neuen Zahlen lassen darauf schließen, dass die abschlagsfreie Rente mit 63 noch häufiger in Anspruch genommen wird als erwartet“, sagte Alexander Gunkel von der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) der „Welt“. „Die falschen Anreize zur Frührente wirken offenbar.“ Gunkel vertritt die Arbeitgeber im Vorstand der Rentenversicherung.

Nach Erkenntnissen von Arbeitsmarktforschern gibt es für Ältere ganz unterschiedliche Motive, weiterhin ihren Beruf auszuüben. „Da gibt es jene, für die Arbeit eine zentrale Rolle im Leben spielt und bei denen die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben eh' schon immer fließend war“, erläuterte am Freitag der Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Ulrich Walwei. Zunehmend spielten bei der Frage eines späteren Ruhestands aber auch private Gründe eine Rolle, etwa Kinder, die noch in der Ausbildung steckten.

Am 1. Januar sank der Beitragssatz um 0,2 Punkte auf 18,7 Prozent. Grund ist die konjunkturbedingt hohe Reserve der Rentenkasse von mehr als 33 Milliarden Euro. Die gut 20 Millionen Rentner können sich 2015 zudem auf ein Rentenplus von ein bis zwei Prozent einstellen. Das bringt mehr Kaufkraft, die Inflation ist niedriger. Doch so gut bleibt die Lage nicht.

Immer mehr Rentnern stehen in den kommenden Jahrzehnten wegen des Älterwerdens der Gesellschaft immer weniger Einzahler in die Rentenkasse gegenüber. Sozialverbände warnen: Etwa gering verdienende Erzieherinnen oder Pflegekräfte könnten vermehrt in die Grundsicherung abrutschen. Die Politik hat festgelegt, dass bis 2030 der Beitragssatz nicht über 22 Prozent steigen und das Rentenniveau nicht unter 43 Prozent sinken soll. Das Rentenniveau bezeichnet das Verhältnis vom Renten- zum Arbeitseinkommen. Die Deutsche Rentenversicherung Bund meint, diese Ziele könnten erreicht werden. Doch nach 2030 steige der Beitragssatz ohne neue Weichenstellungen - und das Rentenniveau falle weiter. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, hält es deshalb für falsch, dass die Bundesregierung die Beiträge zur Rentenversicherung abgesenkt hat, statt eine Demografiereserve aufzubauen. „Die Bundesregierung muss Maßnahmen ergreifen, die die Renten langfristig armutsfest machen“, verlangt Hoffmann.

Der bisherige schwarz-rote Rentenkurs war vor allem auf mehr Leistungen angelegt: durch die abschlagsfreie Rente mit 63 für langjährige Beitragszahler und die erweiterte Mütterrente. Beides kostet die Rentenkasse Milliarden. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer fordert: „Nach dem milliardenschweren Rentenpaket darf es keine weiteren Reformrücknahmen und teuren Leistungsausweitungen geben.“ Für Hoffmann war es ein ökonomischer Unfug, „die an sich sinnvolle Mütterrente nicht aus Steuern, sondern aus Beiträgen zu finanzieren“.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) setzt zur Bekämpfung des Fachkräftemangels nicht allein auf mehr ältere Arbeitnehmer. „Wir müssen auch die Arbeitsmarktchancen für Frauen, An- und Ungelernte sowie Menschen mit Behinderung weiter verbessen“, sagte er am Freitag. Zugleich sei es erfreulich, dass immer mehr ältere Menschen in Beschäftigung stünden.

 Laut einer vom Ministerium geförderten Studie müssen in 139 Berufen, bei denen schon heute schwer Fachkräfte zu bekommen sind, in den nächsten 15 Jahren mehr als zwei Millionen Beschäftigte ersetzt werden. Einer der fünf Wirtschaftsweisen, der Freiburger Professor Lars P. Feld, hält den späteren Renteneintritt sogar für unvermeidlich. „Der nächste große Schritt ist in der Tat eine Ausweitung des Renteneintrittsalters über die 67 hinaus“, sagte er dem Sender SWR Info.

Auf Kritik stieß hingegen Weises Vorschlag bei der Linkspartei. „Nachdem man jetzt schon die Generation Praktikum sehr breitflächig in befristete Jobs gepresst hat, soll jetzt auch die Generation Ü65 in befristete Jobs gepresst werden und das halte ich für falsch“, sagte die Parteivorsitzende Katja Kipping dem Sender MDR INFO zu Weises Vorschlag. Die Frage sei auch, „wie freiwillig ist das“.

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