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Stromlandschaft : Außenstände bedrohen Stadtwerke

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kommunale Regionalversorger - wie die Stadtwerke Heide - leiden vermehrt unter der harten Konkurrenz, zunehmend unbezahlten Rechnungen sowie unter steigenden Abgaben und Gebühren. Ein Problem für Versorger und Verbraucher.

shz.de von
erstellt am 11.Dez.2013 | 13:29 Uhr

Immer mehr Stadtwerke geraten unter wirtschaftlichen Druck. Sie leiden unter der Vielzahl der Anbieter auf dem Strom- und Gasmarkt sowie den zunehmenden Abgaben und Gebühren, die sie nicht beeinflussen können. So steigt die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien (EEG) im kommenden Jahr von derzeit 5,3 auf 6,24 Cent je Kilowattstunde. Einige Stadtwerke in Schleswig-Holstein müssen deshalb 2014 den Strompreis erhöhen und laufen somit Gefahr, Kunden zu verlieren. Hinzu kommt, dass so mancher Kunde gar nicht mehr in der Lage ist, die Strom- oder Gasrechnung zu bezahlen. Der Verband kommunaler Unternehmer befürchtet bei diesem Marktumfeld, dass die Ausschüttungen der Stadtwerke an die Kommunen in Zukunft sinken werden. Wie schwer das Wirtschaften der kommunalen Regionalversorger heute ist, zeigt das Beispiel der Stadtwerke Heide. „Das ist eine gefährliche Entwicklung“, sagt Stefan Vergo (45), Chef der Stadtwerke in Heide (Dithmarschen). Er sieht die Preisspirale beim Strom mit Sorge. Im nächsten Jahr wird eine Reihe von Versorgern den Strompreis abermals erhöhen. Ein Grund: Die steigende Ökoumlage für erneuerbare Energien.

Auch wenn ein Teil der Versorgungsunternehmen wie die Heider Stadtwerke die Erhöhung durch einen günstigen Energie-Einkauf ausgleichen können, am Grundproblem ändert dies wenig. Schon heute können immer weniger Menschen die Rechnung für Strom und Gas bezahlen. Folge: Allein die Stadtwerke der Dithmarscher Kreisstadt schieben gewaltige Außenstände vor sich her. Vergo: „Wir haben fast eine Million Euro im Mahnverfahren, jedes Jahr müssen wir 150.000 Euro abschreiben.“ Das Geld ist nicht zu bekommen, weil die Kunden in der Privat-Insolvenz stecken oder einfach ohne neue Anschrift verschwunden sind.

„Es wird immer enger für die Leute“, sagt der Stadtwerke-Geschäftsführer. So muss eine Durchschnitts-Familie mit einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden (kWh) heute etwa 1.000 Euro im Jahr für Strom bezahlen und für Gas bei einem Verbrauch von 15.000 kWh noch einmal 1.200 Euro. Da ist es nachvollziehbar, wenn Kunden verzweifelt nach günstigeren Anbietern suchen, sich im Internet auf die Suche machen. Dadurch ist die Konkurrenz enorm geworden. Allein in Heide (21.000 Einwohner) tummeln sich mehr als 100 Anbieter auf dem Strommarkt, beim Gas sind es rund 60. Vergo macht keinen Hehl daraus, dass im Internet günstigere Anbieter als die Stadtwerke zu finden sind. „Doch wir können gut mithalten, haben durch unseren Service vor Ort einen großen Vorteil.“ Hinzu kommt, dass die Stadtwerke zu 51 Prozent der Stadt gehören, also die Bürger gewissermaßen selbst beteiligt sind und schon aus diesem Grund ihrem lokalen Versorger treu bleiben. Viele junge Leute sehen dies gar nicht, sie suchen nur schnell nach dem günstigsten Preis. Vergo: „Das Internet wird zunehmend zur Gefahr, weil sich der Kunde verändert.“ So haben die Stadtwerke Heide in den vergangenen Jahren 15 Prozent ihrer Kunden verloren. Erst seitdem das Unternehmen im gesamten Kreisgebiet Strom verkauft, können weitere Verluste aufgehalten werden.

Um im umkämpften Wettbewerb bestehen zu können, muss Energie möglichst günstig eingekauft werden. Fachwissen, Erfahrung und eine glückliche Hand sind dafür notwendig. Strom wird an der Leipziger Börse mit einem Vorlauf von zwei Jahren gekauft. Das Risiko, bei dem stark schwankenden Preis zu teuer eingekauft zu haben, ist groß. Bislang lief bei den Heider Stadtwerken alles recht gut. Doch wer glaubt, allein mit dem Einkauf lässt sich der Preis für die Kunden beeinflussen, der hat die Rechnung ohne den Staat gemacht. Auf nur 30 Prozent des Strompreises haben die Stadtwerke durch Einkauf und Vertrieb selbst Einfluss, 50 Prozent sind festgeschriebene Steuern und Abgaben und 20 Prozent kostet die Nutzung der Netze. Da ist es gut, dass die Stadtwerke in Heide selbst das Netz betreiben und von der Bundesnetzagentur eine Rendite von sechs Prozent zugesichert bekommen. „Die Bundesnetzagentur schreibt genau vor, was wir verdienen dürfen und welche Investitionen im Netz anerkannt werden. Das ist alles komplett reguliert“, erklärt Vergo, der ein eigenes Netz als Grundstock sieht – „Das hilft schon mal.“ Noch gelingt es den 100 Mitarbeitern der Heider Stadtwerke, einen durchschnittlichen Jahresgewinn von etwa zwei Millionen Euro zu erzielen. Die Stadt kann deshalb mit ihrem Anteil das verlustreiche Schwimmbad über Wasser halten. Ob diese Gewinne auch in Zukunft sicher sind, ist aber völlig ungewiss. Vergo: „Das Geschäft wird immer schwieriger und fremdbestimmter: Von 1998 bis 2012 haben sich allein beim Strom die Steuern und Abgaben um 178 Prozent erhöht, die Preise für das Netz und den Energieeinkauf nur um zehn Prozent.“ Es ist also der Gesetzgeber, der die Strom- und Gasverbraucher in die Kostenfalle drängt. „Wir müssen uns wirklich Gedanken darüber machen, wie das für die Kunden in Zukunft noch bezahlbar ist.“

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