Abgasversuche an Affen : Auch Daimler feuert Mitarbeiter aus Lobbyorganisation

Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Detroit Auto Show 2018.

Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Detroit Auto Show 2018.

Erst Volkswagen, jetzt Daimler – personelle Folgen wegen der Abgas-Tierversuche lassen nicht lange auf sich warten.

shz.de von
31. Januar 2018, 15:27 Uhr

Stuttgart/Fairfax | Die umstrittenen Abgasversuche an Affen haben nun auch bei Daimler personelle Konsequenzen. Der Mitarbeiter, der den Autobauer im Vorstand der Lobbyorganisation EUGT vertreten hatte, werde mit sofortiger Wirkung freigestellt, teilte Daimler am Mittwoch mit. Das habe der Vorstand entschieden. „Wir werden den Sachverhalt lückenlos aufklären und sicherstellen, dass sich derartige Vorgänge nicht wiederholen“, betonte Daimler. Am Vortag hatte Volkswagen bereits seinen Cheflobbyisten Thomas Steg beurlaubt. BMW hat sich bislang nicht zu möglichen Folgen geäußert.

Daimler hat nach eigenen Angaben eine Untersuchung eingeleitet und lässt sich dabei von einer externen Kanzlei unterstützen. Man sei erschüttert über Art und Durchführung der Studien, hieß es.

Nach der Beurlaubung des früheren Regierungssprechers Steg, zuletzt Leiter der Konzern-Außenbeziehungen und des Bereichs Nachhaltigkeit, sagte VW-Konzernchef Matthias Müller in einem Interview des Senders n-tv: „Mir ist im Moment auch ehrlich gesagt nicht klar, warum diese Einheit bei der Organisation von Herrn Steg angedockt war und eben nicht bei der Forschung. Das werden wir recherchieren.“ Der Konzernchef nannte es „ein kleines bisschen willkürlich“, einen Bezug der Experimente zum Diesel herzustellen – „wenngleich natürlich der Diesel Gegenstand des Auftrages war“.

Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG. /Archiv
Julian Stratenschulte
Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG. /Archiv
 

Die Autoindustrie hatte Wissenschaftler eingespannt, die mit der Lobbyorganisation EUGT – der Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor – Gesundheitsgefahren von Dieselabgasen verharmlost haben sollen. Dabei waren auch Affen mehreren Tests ausgesetzt. Darüber hinaus förderte die Initiative eine Studie der Universität Aachen zur Stickstoffdioxid-Belastung am Arbeitsplatz – Probanden waren 25 Menschen. BMW, Daimler, VW und Bosch hatten die EUGT gemeinsam gegründet, Bosch stieg 2013 aus.

Müller will dem Interview zufolge trotz allem weiter versuchen, den Dieselmotor zu rehabilitieren. „Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass unsere Kunden an der Stelle ein weiteres Mal verunsichert sind“, sagte er. „Nichtsdestotrotz werden wir weiter in die Diesel-Technologie auf absehbare Zeit investieren.“ Über die Schadstofftests an den Affen äußerte er sich „erschüttert“ und entschuldigte sich erneut. Er könne nur Sorge dafür tragen, Prozesse im Unternehmen so zu reformieren, dass „solche Zustände eben in Zukunft nicht mehr eintreten“, erklärte Müller.

In den USA kämpft Volkswagen mit harten Bandagen gegen die Verwendung von Dokumenten zu den Affen-Experimenten bei einem Gerichtsverfahren. Seit Monaten liefert sich die US-Tochter des deutschen Autobauers einen juristischen Schlagabtausch mit Klägeranwälten, um zu verhindern, dass die Unterlagen zu den Tierversuchen bei einem Prozess zum Einsatz kommen. „Wir werden den Rechtsstreit nicht kommentieren“, teilte VW auf Nachfrage mit.

Vorsätzliches Schema des andauernden Betrugs

Bereits am 13. Oktober 2017 stellten die VW-Anwälte einen Antrag, die Studie vom Verfahren auszuschließen. Darin hieß es: „Das einzige Ziel des Klägers ist es, eine scharfe und emotionale Reaktion der Jury hervorzurufen, in der Hoffnung, dass diese VW Amerika für etwas bestrafen, dass mit den Klägern gar nichts zu tun hatte.“ Den letzten derartigen Antrag reichte VW am 26. Januar ein.

Klägeranwalt Michael Melkerson hält dem entgegen, die Studie sei ein wichtiges Beweismittel, da sie ein vorsätzliches Schema des andauernden Betrugs belege. Zudem zeige sie Mangel an Reue und sei deshalb notwendig, um Strafen und Schadenersatz durchzusetzen. Der Prozess ist für den 26. Februar angesetzt. Ob es so weit kommt, hängt aber davon ab, ob sich die Parteien außergerichtlich einigen.

In den Niederlanden wird die Wirkung von Abgasen seit Jahren an Menschen und Tieren getestet. Testpersonen würden aber nicht konzentrierten Dieselabgasen ausgesetzt, sagte die Staatssekretärin für Umweltfragen, Stientje van Veldhoven. „Wir untersuchen den Effekt der Luft, die Menschen einatmen auf dem Fahrrad, beim Einkaufen oder Laufen.“ Die Versuche stünden unter strenger Kontrolle einer medizinisch-ethischen Kommission.

Nach Ansicht eines britischen Forschers sind deutsche Autokonzerne wegen manipulierter Diesel-Abgastests für den verfrühten Tod vieler Briten verantwortlich. „Diese Unternehmen haben Blut an ihren Händen – das sage ich ohne jeglichen Zweifel“, sagte der frühere wissenschaftliche Chefberater der britischen Regierung, David King, der Zeitung „The Daily Telegraph“. Hohe Belastungen durch Stickoxide können auf Dauer unter anderem zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Atemwegsleiden führen.

Nach Expertenmeinung könnten die Versuche auch die Debatte um möglicherweise drohende Fahrverbote in mehreren Städten beeinflussen. „Für die Fragen rund um Fahrverbote ist das Gift“, sagte Branchenexperte Stefan Bratzel vom Autoinstitut der Wirtschaftshochschule Bergisch Gladbach. Volkswagen attestierte er, es fehle ein „Großreinemachen“, um bislang unbekannte Probleme aufzudecken. Allerdings gebe es „große Ängste, dass man sich rechtlich angreifbar macht. Das ist die Tragik.“

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