Stromsperren : Armut in Deutschland: 330.000 Haushalten wurde der Strom abgestellt

Mehr als 331.000 Menschen in ganz Deutschland wurden zuletzt innerhalb eines Jahres der Strom gesperrt - eine stille, aber drastische Folge von Armut.
Foto:
1 von 1

Mehr als 331.000 Menschen in ganz Deutschland wurden zuletzt innerhalb eines Jahres der Strom gesperrt - eine stille, aber drastische Folge von Armut.

Am Donnerstag wird der Armutsbericht 2017 vorgestellt. Stromsperren sind nur eine der stummen Folgen für die Betroffenen.

shz.de von
02. März 2017, 10:42 Uhr

Berlin | Mehr als 330.000 Haushalten in Deutschland wurde zuletzt binnen eines Jahres der Strom abgestellt. Von 2011 bis 2015 schwankte die Zahl der jährlichen Stromsperren zwischen rund 312.000 und 352.000, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht, die der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vorliegt.

Stromsperren gelten als Folge von Armut. Betroffen sind oft Hartz-IV-Bezieher. Doch wie kommt es dazu? Bezahlt ein Kunde seine Stromrechnung nicht, wird zunächst eine Mahnung ausgestellt. Darauf sollte der Kunde reagieren, oft lassen sich die Versorger beispielsweise auf Ratenzahlungen ein. Wem die Stromschulden über den Kopf wachsen, bieten Jobcenter oder Sozialamt zudem Hilfe an. Reagiert der säumige Kunde nicht, wird mindestens vier Wochen vor Vollzug eine Stromsperre angekündigt, drei Tage vor der Versorgungsunterbrechung muss der Kunde noch einmal informiert werden. Stromsperren dürfen erst ab Schulden von mindestens 100 Euro durchgesetzt werden. Dass Sperrungen in der Regel frühzeitig abgewendet werden können, zeigt die Statistik: Mehr als 6,2 Millionen Mal wurden 2015 Stromsperrungen angedroht.

Bei den Stromsperren beruft sich die Regierung auf Daten der Bundesnetzagentur. Zudem gab es 2015 in rund 44.000 Fällen Sperrungen von Gas. Die Höhe der Forderung der Grundversorger an die Betroffenen zum Zeitpunkt der Androhung lagen bei 119 Euro im Durchschnitt.

An diesem Donnerstag legen der Paritätische Wohlfahrtsverband und weitere Organisationen einen neuen Armutsbericht vor, der Tendenzen der Armutsentwicklung in Deutschland aufzeigen soll. Nach der Antwort der Regierung auf die Anfrage der Linken beträgt der Anteil der durch Armut gefährdeten Menschen in Deutschland je nach Datenquelle zwischen 15,7 und 16,7 Prozent. (Auf der Webseite des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes können Sie die Armutsquoten in Ihrer Region nachsehen.)

Die Sprecherin der Linkenfraktion für Energie und Klima, Eva Bulling-Schröter, die die Anfrage gestellt hatte, sagte: „Energiearmut in Deutschland ist für Millionen von Menschen eine stille Katastrophe, besonders in den kalten und dunklen Wintermonaten.“ Während Deutschland als EU-Stromexportmeister so viel Energie ins Ausland verkaufe wie nie zuvor, sei es auch Europameister bei Energiesperren. Trotz solcher skandalöser Ungerechtigkeiten wolle die Bundesregierung Energiearmut nicht sehen. 

„Viele Menschen schämen sich ihrer Zahlungsunfähigkeit, sind stigmatisiert, ziehen sich bei Stromsperren von Freunden und sozialem Umfeld zurück, was besonders Kindern schadet“, sagte Bulling-Schröter. Die Energieversorgung als grundlegendes Element der Daseinsvorsorge sei durch die Rechtslage für hunderttausende Menschen in Deutschland nicht gesichert. Für schutzbedürftige Personen wie Kinder, Alte und Kranke solle ein Verbot von Energiesperren per Gesetz verankert werden, forderte die Politikerin.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen