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Anklage gegen Deutsche-Bank-Chef

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Fall Kirch lässt Jürgen Fitschen und vier andere Bank-Manager nicht los /Staatsanwaltschaft München spricht von schwerem Prozessbetrug

Die Deutsche Bank kommt nicht zur Ruhe. Wenn es schlecht läuft, wird ihr Co-Vorstand Jürgen Fitschen sein Amt ruhen lassen müssen. Dann bliebe als Bankleiter nur Anshu Jain übrig, der vor der Finanzkrise lange Jahre für das Investmentbanking des Instituts verantwortlich war. Fitschen könnte über den Streit mit dem schon längst verstorbenen Medienmogul Leo Kirch stolpern.

Denn diese Auseinandersetzung ist noch längst nicht zu Ende. Gestern gab die Staatsanwaltschaft München bekannt, sie wolle gegen Fitschen und vier weitere Beschuldigte Klage erheben wegen „eines versuchten Betruges in einem besonders schweren Fall“. Das Gesetz sehe dafür Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. Neben Fitschen sind sein direkter Amtsvorgänger Josef Ackermann, der frühere Bankchef Rolf Breuer und die beiden ehemaligen Vorstände Clemens Börsig und Tessen von Heydebreck von der drohenden Anklage betroffen. Ob sie angenommen wird, ist noch offen.

Fitschen traf die Nachricht in Berlin, als er gerade den versammelten Industriekapitänen auf dem Tag der Deutschen Industrie eingestanden hatte, den Banken habe man in und nach der Finanzkrise das Vertrauen entzogen. Schnell sei das nicht zu reparieren. Da wurde er selbst zu einer Hürde für neues Vertrauen. Fitschen hatte zu den Vorwürfen bisher eine klare Haltung: „Ich habe weder gelogen noch betrogen“, hatte er auf der Bilanzpressekonferenz versichert.

Es geht um den schon elf Jahre dauernden Streit mit dem längst verstorbenen Medienzar Leo Kirch: Sat 1, der damalige Bezahlsender Premiere, eine namhafte Beteiligung am Springer-Konzern, das war Kirchs Reich. Der Streit ging darum, ob der frühere Vorstand Rolf Breuer den Kirch-Konzern in die Insolvenz getrieben hatte, als er öffentlich seine Kreditwürdigkeit bezweifelt hatte. Niemand in der Finanzwelt gebe Kirch mehr Kredit, hatte Breuer gesagt. Wegen dieser Äußerung sei er pleitegegangen, hatte Kirch behauptet. Und zwei Milliarden Euro Schadensersatz verlangt. Sein Verdacht: Die Deutsche Bank wollte Kirch zerschlagen und am Verkauf der Einzelteile verdienen. Im Februar hatten sich Kirchs Erben und die Deutsche Bank zwar verglichen. 925 Millionen Euro Schadensersatz war das der Bank wert.

Doch damit war nur die zivilrechtliche Rechnung beglichen, nicht die strafrechtliche. Die Staatsanwaltschaft mutmaßt, die Beschuldigten hätten ihre Zeugenaussagen verabredet und so getürkt, dass Kirchs Forderungen nach Schadensersatz keine Chance hätten. Fitschen halten die Staatsanwälte ein etwas milder klingendes Vergehen vor: Er sei der Darstellung seiner Kollegen zwar nicht vollumfänglich gefolgt, habe aber auch nichts unternommen, deren Falschaussagen zu verhindern. Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, sieht sich die Latte der Strafen und Verstöße von Zins- bis Goldpreismanipulationen bei der Bank an, schaut auf die rund 6000 laufenden Verfahren, in die sie verwickelt ist, und stöhnt, die Bank sei „eine gigantische Rechtsabteilung mit angeschlossenem Bankgeschäft“. Sollte Fitschen verurteilt werden, käme er an einem Rücktritt nicht vorbei, meint Nieding. Erst einmal muss das Gericht entscheiden, ob es die Anklage annimmt. Dazu muss es zunächst die 627 Seiten lange Anklageschrift lesen. Eine Stellungnahme der Bank gab es gestern nicht.


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erstellt am 23.Sep.2014 | 13:05 Uhr

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