Angriff auf den Meisterzwang

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Schleswig-Holsteins Piraten und die Europäische Union wollen Berufsabschlüsse des Handwerks aufweichen

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20. Juni 2014, 13:15 Uhr

Für das Handwerk war es eine Zäsur. Vor zehn Jahren hat die damalige rot-grüne Bundesregierung den Meisterzwang in zahlreichen Handwerken abgeschafft. Inzwischen prüft die Europäische Union, ob Deutschland nicht bald weitere Berufe folgen lassen muss. Im Kieler Landtag forderten die Piraten gestern eine Bundesratsinitiative mit demselben Ziel und dem Versprechen, dass sich so Arbeitsplätze schaffen und für den Verbraucher niedrigere Preise und besserer Service erreichen ließen. Der EU wiederum geht es vor allem darum, Wettbewerbshemmnisse auf dem europäischen Binnenmarkt abzubauen. Die Meisterpflicht steht also mächtig unter Druck. Und entsprechend groß ist die Sorge der Handwerkskammern.

„Wir sind sehr beunruhigt, dass die EU den Meisterbrief oder eine vergleichbare Qualifikation nicht mehr als Voraussetzung ansehen will, um sich im Handwerk selbstständig zu machen“, sagte Günther Stapelfeldt von der Handwerkskammer Schleswig-Holstein gestern im Kieler Landtag. Das Ansinnen europäischer Gleichmacherei, sei nicht immer sinnvoll, fügte er hinzu.

Die Piraten sehen in der Meisterpflicht indessen vor allem ein Relikt vergangener Zeiten. „Dass die organisierten Meisterbetriebe und ihnen folgend die etablierten Parteien am Meisterzwang festhalten wollen, entspringt einer mittelalterlichen Stände-Vorstellung“, so der Abgeordnete Patrick Breyer. Aus Sicht der anderen Parteien im Landtag – mit Ausnahme des SSW – ist das Konzept jedoch gerade mit Blick auf die Erwerbstätigkeit junger Menschen höchst erfolgreich. „Gerade einmal 6,2 Prozent der Arbeitslosen sind bei uns in Schleswig-Holstein jünger als 25 Jahre. Tendenz sinkend“, sagte der CDU-Abgeordnete Hartmut Hamerich. Grund sei vor allem das System der dualen Ausbildung, die zuletzt in Europa zunehmend Aufmerksamkeit erfahren hat. Doch wo die Meisterbetriebe fehlen, fehlen auch die Ausbildungsplätze – ganz gleich, ob für junge Deutsche oder wie zuletzt für junge Spanier.

Die Statistiken der Handwerkskammern im Land belegen das. Während bei Gebäudereinigern die Zahl der Betriebe in Schleswig-Holstein beispielsweise von 2004 bis 2013 um mehr als 700 Prozent zugelegt hat, sank die Ausbildungsbereitschaft um 25 Prozent. Heute stehen 1116 Gebäudereiniger-Betriebe, die nicht ausbilden, gerade einmal 37 Betrieben gegenüber, die dies tun. Zudem handelt es sich bei einem Großteil der Betriebe um Ein-Personen-Gesellschaften.

„Die Vielzahl der Ein-Mann-Betriebe bereitet uns große Sorgen“, warnte Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes bereits vor Längerem. Ihm zufolge bildete die wegfallende Meisterpflicht vor allem ein Einfallstor für Illegalität am Bau. „Sie erhalten die Zulassung im Fliesenlegerhandwerk, treten aber als Kolonnen auf Baustellen auf und verrichten eine Vielzahl von Tätigkeiten anderer Gewerke, was zu Schäden weit über das eigentliche Fliesenlegerhandwerk hinaus führt.“ Und so warnte gestern im Landtag dann auch Andreas Tietze, Wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen, davor, „die Qualitätsanforderungen, die wir mit unserem Meisterabschluss verbinden, abzusenken“. Ähnlich äußerten sich auch SPD und FDP. Ein guter Geselle sei eben nicht bloß ein Schrauber, sondern wisse auch, was er tue, so Tietze. „Und davon hängt viel ab.“ Was das heißen kann, zeigt eine Befragung von 2011, in der Schäden von Fliesenlegern untersucht wurde, die von der Meisterpflicht befreit sind. Auf 9000 Euro bezifferten Sachverständige den durchschnittlichen Schaden. In Einzelfällen lagen die Schäden sogar bei bis zu 93 000 Euro. Ob allerdings auch die Zahl der Schadensfälle gestiegen ist, sagt die Umfrage nicht.

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