Finanzen der Deutschen : Analyse: So spart Deutschlands Mittelschicht

Wie steht es um die Finanzen der Deutschen? Wer wie viel für was spart, hängt nicht vom Einkommen ab, sondern vom Lebensstil.

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03. Dezember 2014, 06:30 Uhr

Frankfurt/Main | Sparen ist tief verwurzelt in der deutschen Seele. Verbraucherzentralen hatten zumindest in der Vergangenheit damit zu tun, einkommensarme Menschen vom Sparen aus dem Dispokredit abzubringen: 18 Prozent Zins zahlen, um einen kümmerlich verzinsten Sparvertrag zu bedienen, das ist sinnlos. In der Mitte der Gesellschaft hängen die Fragen, wer wie viel für was spart, kaum vom Einkommen ab, sondern vom Lebensstil.

Das hat eine Untersuchung des Handelsblatt Research-Instituts unter Führung des früheren Wirtschaftsweisen Bert Rürup ergeben. Die genossenschaftliche Fondsgesellschaft Union-Investment hatte die Studie in Auftrag gegeben. Sie wollte wissen, wen sie wie bei Sparvorschlägen ansprechen muss. Es wird darum gehen, die Sparkultur zu drehen, weg vom Sparschwein hin zum Börsenbullen. Denn immer noch wandern vier von fünf Euro in Zinsprodukte, was im aktuellen Niedrigzinsumfeld leicht zu einer negativen Rendite führen kann. Wer dem zu entgehen versucht, indem er etwa bis 2031 laufende Bundesanleihen mit einer aktuellen Rendite von 1,2 Prozent kauft, dürfte sich bei einer Zinswende umgucken: Dann purzeln die Kurse, der Anleiheinhaber klebt an seinen 1,2 Prozent fest, auch wenn der Markt womöglich wieder bei fünf Prozent angekommen ist.

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Rürup hat herausgefunden, dass die Einkommenshöhe wichtiger, aber gerade in der Mittelschicht nicht entscheidender Faktor für das Sparverhalten ist. Auch wer gleich viel verdient, spare unterschiedlich. Das liege an den Lebensstilen. Fünf hat Rürup innerhalb der Mittelschicht herausgearbeitet. Zur „Mittelschicht“ zählen danach alle privaten Haushalte, die zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens verdienen. Dazu gehören seit den 80er Jahren recht stabil etwa 60 Prozent aller deutschen Haushalte. Deren Mitglieder sind im Schnitt 50 Jahre alt, und sie können über 2368 Euro netto an Haushaltseinkommen verfügen. Mehr als die Hälfte aller dieser Haushalte legt monatlich einen festen Betrag zurück, dies aber lieber kurzfristig für einen Urlaub oder eine Anschaffung. Nur 29 Prozent sorgen für einen finanziell gesicherten Lebensabend vor.

Traditionelle Mitte:

Zur „traditionellen Mitte“ gehören 15,3 Prozent der Deutschen, im Schnitt 68 Jahre alt und mit 1893 Euro Haushaltseinkommen ausgestattet. Sie sparen nicht mehr, wollen das Erreichte sichern – auch für die Erben.

Hedonistische Mitte:

Zweitgrößte Gruppe, 15,1 Prozent aller Deutschen, stellen die „hedonistische Mitte“. Sie sind im Schnitt 38 Jahre alt, haben 2411 Euro zur Verfügung, leben im „Hier und Jetzt“, sparen allenfalls für die Bildung, zeigen ein wenig zielorientiertes Sparverhalten, sind aber risikofreudig.

Bürgerliche Mitte:

14,9 Prozent zählen zur „bürgerlichen Mitte“, 51 Jahre alt und 2499 Euro im Haushalt zur Verfügung. Sie sparen am intensivsten. Immobilien stehen im Vordergrund.

Adaptiv-pragmatische Mitte:

Dann gibt es noch die 8,9 Prozent, die Rürup der „adaptiv-pragmatischen Mitte“ zurechnet. Sie sind 38 Jahre jung. In ihre Haushaltskasse fließen monatlich 2638 Euro. Sie werden als „leistungsbereite moderne Mitte“ angesehen, verstehen sich als anspruchsvoll, sehen sich im Aufbau, haben wenig Interesse am Vorsorgesparen, aber viel an Immobilien und schätzen flexible Sparformen.

Sozialökologische Mitte:

Fehlen noch die 7,2 Prozent der „sozialökologischen Mitte“. Sie ist 50 Jahre alt und findet monatlich 2591 Euro in der Haushaltskasse vor. Der Anteil an Akademikern und Beamten ist hoch. Man hat Immobilien und plant keine weiteren Geldanlagen. Und wenn, müssen es „nachhaltige“ sein. Es gibt was zu tun, weil in dieser Gruppe bald viele Lebensversicherungen auslaufen. Die „hedonistischen“ und „adaptiv-pragmatischen Milieus“, also die Spaß- und Leistungsgesellschaft, gelten den Marketingstrategen als die Aktiensparer von morgen.

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