An Bord der Titanic

Lehman-Pleite und Börsen-Crash: Vor zehn Jahren stürzte die internationale Finanzkrise die Welt ins Chaos – seitdem wird reguliert und gekämpft. Die Folgen sind bis heute zu spüren.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
13. Januar 2018, 13:29 Uhr

Die IKB soll in Schwierigkeiten sein.“ Der genaue Wortlaut ist nicht bekannt. Doch so oder zumindest sehr ähnlich tippte es 2007 der damalige Wirtschafts- und Finanzberater Jens Weidmann in sein Handy und drückte auf Senden. Die Empfängerin: Angela Merkel. Die Kanzlerin soll sich gerade in Salzburg befunden und bei Erhalt der Nachricht einen Berater gefragt haben: Was ist eigentlich die IKB?

Merkel und mit ihr eine ganze Republik sollten sehr schnell lernen, was die IKB – die deutsche Industriebank – ist; sie sollten lernen, wie eine Immobilienblase aus den USA ihren Weg über den Atlantik findet, wie vernetzt das internationale Finanzystem ist, wie es sich anfühlt, wenn die „schlimmste Finanzkrise seit 1931“ droht, wie es der Chef der deutschen Bankenaufsicht Bafin Jochen Sanio damals sagte. Sie sollten lernen, welche Rolle Ratingagenturen im weltweiten Finanzsystem spielen – und sie sollten auf schmerzhafte Weise erfahren, dass die SMS vom späteren Chef-Bundesbanker an Deutschlands Regierungschefin erst der Anfang war. Das Vorspiel. Die Ouvertüre. Denn in Wahrheit glich das weltweite Finanzsystem zu diesem Zeitpunkt bereits der Titanic, die mit einem Eisberg kollidiert war und scheinbar unbeirrt weiter über den Atlantik fuhr – derweil an Deck noch musiziert wurde.

22,3 Prozent hatte der Dax seit Jahresbeginn zugelegt, zwischenzeitlich ein neues Allzeithoch erreicht. In einem Ausblick zum Jahreswechsel notierte das Online-Portal Boerse.de im Dezember 2007: „Die Lage scheint besser als die Stimmung zu sein, die Skepsis wirkt mitunter übertrieben.“ Die Bundesbank erwarte, so hieß es damals „von der US-Hypotheken- und Bankenkrise lediglich geringe Auswirkungen auf die Weltwirtschaft“. Da war es gerade einmal sechs Monate her, dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und die Bankenverbände ein Rettungspaket von 3,5 Milliarden Euro geschnürt hatten, um die IKB vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Am 2. Januar 2008 robbte sich der Dax noch einmal knapp an sein bisheriges Allzeithoch heran. Drei Wochen später, am 21. Januar 2008, also vor zehn Jahren, brachen weltweit die Aktien-Kurse ein. Allein für den wichtigsten deutschen Leitindex ging es 7,2 Prozent und 523,98 Punkte in die Tiefe – es war, gemessen an Letzterem, der größte Tagesverlust in der Geschichte des Dax. „Hier findet ein massiver Ausverkauf statt. Es herrscht die nackte Panik“, zitierte die Tageszeitung „Die Welt“ damals einen Händler auf dem Parkett in Frankfurt.

An Deck der Titanic wurde nun nicht mehr musiziert, stattdessen hatte der Kampf um die zu knapp bemessenen Rettungsboote an Bord begonnen. Bis zum Ende des Jahres sollte der Dax um 40 Prozent an Wert einbüßen. Die Finanzkrise hatte die Welt erfasst – und hat sie bis heute nicht wieder vollkommen losgelassen.

Lasche Regularien, Zockerei, Größenwahn und eine Welt auf Pump haben zur Krise geführt. Ihre Ursprünge reichen weit zurück und lassen sich unter anderem bis in die Berglandschaft von Afghanistan verfolgen. 2001 flogen zwei Flugzeuge in die Türme des „World Trade Centers“ in New York. Islamisten hatten die Maschinen gekapert. Ihr Auftraggeber: Osama Bin Laden. Der Terrorfürst und Sohn einer schwerreichen saudischen Familie befand sich auf einem Kreuzzug gegen die westliche Welt, mit dem „World Trade Center“ wollte er ein Symbol des Kapitalismus treffen – am Ende führte der Anschlag das gesamte Weltwirtschaftssystem an seine Grenzen.

Als Reaktion auf die verheerenden Anschläge senkte der Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, den Leitzins. Für eine zutiefst verunsicherte Nation sollte mit billigem Geld ein wenig Stabilität erkauft werden. Die Firmen sollten das Geld investieren, Jobs schaffen und die Wirtschaft nach den Anschlägen wieder in Schwung bringen, so das Kalkül; die Inflation sollte angefeuert, eine Rezession verhindert werden.


„Die Finanzkrise war nicht nur ein Ergebnis einiger undisziplinierter Banken oder fehlender Regeln.“

 Andreas Dombret, Bundesbank

Doch es kam anders. Die Inflation blieb aus, weil der Preisdruck auf die amerikanischen Firmen durch eine neue Konkurrenz aus China zu groß war. Und das billige Geld der US-Notenbank nahm einen anderen Weg: Es floss in die sogenannten Subprime-Hypotheken.

Der Begriff „Subprime“ ist mit der Finanzkrise verknüpft wie kein zweiter. Er beschreibt Kredite für Kunden, die nicht „erstklassig“ – also „prime“ – sind. Ein Euphemismus, wie Bundesbank-Chef Weidmann später feststellte. Denn in Wahrheit waren viele der Kunden nicht nur „sub-prime“ – also unter erstklassig – vielmehr konnten sie sich die Kredite gar nicht leisten. „Das Zinsumfeld führte zu einer ‚Suche nach Rendite‘“, so Weidmann. Und durch das niedrige Zinsniveau war „die Kreditbelastung auch für Haushalte mit geringem laufendem Einkommen tragbar“. Also kauften die Amerikaner Häuser, nahmen Hypotheken auf – und die steigenden Immobilienpreise ließen ihre Verschuldung auf dem Papier sinken. Die Banken wiederum verbrieften die Kredite. Sie bündelten die Hypotheken in Paketen – und verkauften sie. Die IKB griff zu. Die WestLB ebenso. Und viele andere. Dies alles ging gut. Bis die Zinsen stiegen, immer mehr US-Kreditnehmer nicht zahlen konnten, die Immobilienpreise fielen – und das Kartenhaus in sich zusammenbrach.

Der Eisberg hatte die Titanic gerammt, langsam aber sicher lief das Riesenschiff voll – am 15. September 2008 begann es zu sinken. An dem Tag statuierte US-Finanzminister Henry Paulson ein Exempel. Die Regierung in Washington war nicht bereit, ein weiteres Krisen-Institut vor dem Zusammenbruch zu bewahren – die Investmentbank Lehman Brother’s wurde in die Pleite und Schockwellen um den Globus geschickt.

Beim Untergang der Titanic starben 1514 Menschen. Die Finanzkrise kostete allein im Jahr nach dem Aktien-Crash und der Lehman-Pleite fast 5000 Todesopfer. Diese Zahl errechneten Wissenschaftler im British Medical Journal, die die Selbstmordraten in 54 Ländern im Jahr 2009 ausgewertet hatten.

„Das Vertrauen, die wichtigste Währung der Finanzmärkte, ist verloren gegangen“, sagte Angela Merkel (CDU) im Oktober 2008. Nachdem die Krise auch die Hypo-Real-Estate (HRE) erfasst hatte, sah sie sich gezwungen, gemeinsam mit dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) vor die Kameras zu treten. „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind“, so Merkel. 568 Milliarden Euro umfasste die Garantie nach Angaben des späteren Ministerpräsidenten Torsten Albig, der damals noch Sprecher im Berliner Finanzministerium war.

In den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren wurde Rettungspaket um Rettungspaket geschnürt. Die Politik hantierte mit immer neuen schwindelerregenden Summen an Hilfskrediten, Garantien und sonstigen Zahlungen, um das Finanzsystem zu stabilisieren – Hunderte Millionen, Milliarden, Billionen. Die G20 brachten Basel III auf den Weg: Die Regeln für die Banken wurden verschärft, mehr Eigenkapital eingefordert, damit die Geldhäuser besser für die nächste Krise gewappnet sind. Vollständig umgesetzt sind die Regeln bis heutenicht. Erst im Dezember einigte man sich darauf, wie die Banken ihre Risiken in Zukunft zu berechnen haben.


„Wir sagen den

Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen

sicher sind.“

 Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Die Immobilien- und Bankenkrise verwandelte sich derweil zu einer Staatsschuldenkrise. Der Immobilienmarkt in Irland kollabierte, weil die Geldströme aus dem Ausland abrissen. Mit einer Weltwirtschaft im Tauchgang platzte auch in Spanien die Blase. Und je größer das Misstrauen der Märkte in der Krise wurde, desto stärker rückte auch die Eurozone mit all ihren Konstruktionsfehlern und verschuldeten Staaten ins Blickfeld der internationalen Märkte und ließ Spekulanten eifrig auf das Ende der Gemeinschaftswährung wetten. Neue Rettungspakete und Maßnahmen folgten.

„Die Finanzkrise war eben nicht nur ein Ergebnis einiger undisziplinierter Banken oder fehlender Regeln, sondern auch der Überzeugung, dass man durch nachsichtige Interpretation und Überwachung von Regeln die wirtschaftliche Entwicklung fördert“, sagte Andreas Dombret, seines Zeichens Mitglied im Vorstand der Deutschen Bundesbank, gut zehn Jahre später. Bei der Titanic wurden Billig-Nieten verbaut – um Geld zu sparen. Forscher sehen darin heute einen der Gründe für das Sinken des Schiffes.

Das Vertrauen, von dem Merkel im Oktober 2008 sprach, ist bis heute nicht wiederhergestellt. Eine jährlich erscheinende Studie der Kommunikationsagentur Edelman Ergo – das sogenannte Trust Barometer – kommt zu dem Ergebnis, dass gerade einmal 35 Prozent der Deutschen der Finanzbranche vertrauen. Ganz anders in den USA – dort hält gut zehn Jahre nach Ausbruch der Krise fast zwei Drittel (60 Prozent) der Befragten die Finanzbranche für vertrauenswürdig.

Zurückgekehrt ist aber die Schuldenmacherei, die am Anfang von allem stand. Auf 215,5 Billionen US-Dollar belief sich die Verschuldung der Weltwirtschaft 2016. Tendenz weiter steigend. Vor dem Ausbruch der Finanzkrise belief sich der Schuldenstand auf 147 Billionen US-Dollar. Die Schulden haben in der Zwischenzeit also um fast 50 Prozent zugelegt. Die weltweite Wirtschaftsleistung hingegen wuchs nur um ein Drittel. Die letzte Krise sahen die Banker, Politiker und Regulatoren nicht kommen. Ob es beim nächsten Mal wirklich anders wäre?



„Finanzkrisen und deren Ursachen sind integraler Bestandteil des Systems.“

 Andreas Dombret, Bundesbank

Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich – die BIZ – schrieb in einem ihrer Berichte von „weltweit lockeren monetären Bedingungen“, die die Finanzmärkte rund um den Globus in die „schwierige Lage von heute gebracht“ hätten. Die Realzinssätze seien in diesem Jahrzehnt „über weite Strecken außergewöhnlich niedrig“ gewesen, monierten die obersten Zentralbanker der Welt. Dies war im Jahr 2008. Acht Jahre später senkte die Europäische Zentralbank ihren Leitzins auf Null – bei einer Inflation, die kaum höher lag. Das billige Geld lässt die Immobilienpreise und Aktienkurse weltweit steigen. Die Aussichten sind gut. In den USA hat die Regierung sich daran gemacht, den Dodd-Frank-Act zurückzuschrauben, mit dem die Wall Street einst gebändigt werden sollte.

„Finanzkrisen und deren Ursachen sind integraler Bestandteil des Systems. Das Finanzsystem hat also – wie jedes System – die Störfaktoren bereits eingebaut“, sagte Bundesbanker Andreas Dombret im November bei einem Kolloquium des Instituts für Bank- und Finanzgeschichte. „Ein völlig stabiles, ein komplett krisenfreies Finanzsystem wird es in der Realität nie geben“, bekannte der Regulierer.

Als die Titanic am 31. Mai 1911 vom Stapel lief, galt sie als unsinkbar. Nicht einmal Jesus könne sie untergehen lassen, soll damals jemand gesagt haben. Ein Fehler.

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