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Wirtschaftslage in den USA : Amerikas Arbeitsmarkt-Rätsel: Mehr Arbeitsplätze, zu wenig Einkommen

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Ökonomen rätseln, warum trotz hoher Beschäftigung die Löhne und Gehälter kaum wachsen. 

Washington | Eigentlich müssten die Einkommen der Amerikaner steigen; und zwar deutlich. Denn mit zuletzt im Juni nur noch 4,3 Prozent haben USA die niedrigste Arbeitslosenquote seit einem Jahrzehnt. Auch die Zahl der Menschen, die gerne mehr arbeiten wollen, aber nicht genügend Beschäftigung finden, hat dramatisch abgenommen. Der breitere Index der Unterbeschäftigung fiel auf 8,6 Prozent. 

Donald Trump erbte von seinem Vorgänger eine der längsten Aufschwungphasen auf dem Arbeitsmarkt. Ökonomen rätseln, warum trotz hoher Beschäftigung die Löhne und Gehälter kaum wachsen. 

Während sich Volkswirte darüber streiten, ob die US-Wirtschaft damit bereits den Zustand der Vollbeschäftigung erreicht hat oder kurz davor steht, besteht Einigkeit bei der anhaltenden Verwunderung über stagnierende Löhne und Gehälter. Binnen Jahresfrist haben die um nicht mehr als 2,5 Prozent zugelegt. Bei einer Teuerungsrate von 2,4 Prozent entspricht das einem Netto-Zuwachs in den Lohntüten von gerade einmal 0,1 Prozent.   

Experten machen darauf aufmerksam, dass diese Zahlen exakt denen von 2009 entsprechen als die Arbeitslosigkeit bei zehn Prozent mehr als doppelt so hoch lag. Die Volkswirtin Tara Sinclair von der George Washington University bringt die Lehrbuch-Erwartung auf den Punkt. „Arbeitgeber sollten nun eigentlich untereinander um Beschäftigte konkurrieren und die Einkommen damit steigen lassen.“

Eine Erklärung hebt auf die wachsende Ungleichheit bei der Verteilung der Zuwächse zwischen Spitzenverdienern und dem Rest der Beschäftigten ab. Der ehemalige Wirtschaftsberater Obamas, Jared Bernstein, meint, "es ist kein Zufall, dass die Reallöhne stagnieren und die wirtschaftliche Ungleichheit steigt".

Elise Gould vom Economic Policy Institut unterstützt das mit dem Argument einer Abkoppelung der Löhne von der Produktivität. In den ersten drei Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg habe der Gleichschritt zu einem spürbaren Wohlstandszuwachs geführt. Danach sei es zu einer massiven Umverteilung der Profite gekommen. „Amerikaner, die heute im Schnitt 40.000 Dollar verdienen, müssten eigentlich 61.000 Dollar haben.“   

Eine andere Erklärung ist die dramatische Abnahme der Mitgliederzahlen bei den Gewerkschaften. Der Organisationsgrad fiel von 35 Prozent in den 50er Jahren auf zuletzt rund zehn Prozent. Damit einher geht die Schwächung der Verhandlungsposition von Arbeitnehmern.  

Schließlich könnte es mehr „versteckte Arbeitslosigkeit“ geben als die Arbeitsmarktzahlen ausdrücken. Denn in den USA berechnet sich die Quote bezogen auf die Menschen, die aktiv versuchen Arbeit zu finden. Wer die Jobsuche aufgegeben hat, taucht in der Statistik nicht mehr auf.

Ungeachtet dessen verdichten sich die Anzeichen, dass sich eine der längsten Wachstumsphasen auf dem Arbeitsmarkt verlangsamt. Im Mai kamen nur noch 138.000 neue Jobs hinzu.   

Den Chefvolkswirt der Navy Federal Credit Union, Alan MacEach, wundert das nicht. Der Arbeitsmarkt blicke seit 2012 „auf eine unglaublich stabile Periode von stetigem, soliden Jobwachstum zurück.“ Dies sei in vielerlei Hinsicht „historisch“ gewesen. „Langsam aber sicher sind damit alle Erwerbslosen wieder in eine Beschäftigung gekommen.“

Auf die amerikanische Notenbank wächst nun der Druck, geldpolitisch zu reagieren. Dabei steht FED-Chefin Janet Yellen vor demselben Problem wie ihre Kollegen. Sie muss versuchen das große Arbeitsmarkt-Rätsel der USA zu lösen. Davon hängt ab, welche zinspolitischen Schlüsse Wellen daraus zieht.  

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erstellt am 14.Jun.2017 | 13:58 Uhr

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