Versand aus Polen : Amazon: Lieferungen trotz Streik pünktlich zu Weihnachten

Amazon-Mitarbeiter legen die Arbeit nieder. Unterdessen haben Mitarbeiter in Polen gut zu tun - auch mit dem Versand von Weihnachtsbestellungen aus Deutschland.

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15. Dezember 2014, 12:16 Uhr

Bad Hersfeld | Polnische Zeitungskommentare klingen süffisant: „Die Polen arbeiten, die Deutschen streiken.“ Die Rede ist von den Beschäftigten der drei polnischen Amazon-Zentren. Die 4500 ständigen und die 7500 für die Weihnachtssaison eingestellten Mitarbeiter haben reichlich zu tun - auch mit dem Versand der Weihnachtsbestellungen aus dem Nachbarland.

In Deutschland versuchen die Mitarbeiter, durch drei Tage Streik einen besseren Tarif auszuhandeln – den des Einzelhandels. Amazon lehnt das strikt ab und sieht sich selbst als Logistiker. Mit dem Ausstand im lukrativen Weihnachtsgeschäft wollen die Streikenden der Forderung mehr Druck verleihen. Doch die Rechnung geht offenbar nicht ganz auf. Amazon bekräftigt: Trotz der Proteste in Deutschland wird zuverlässig geliefert. Der Onlineversand will sich das lukrative Geschäft nicht verhageln lassen.

Den Streik-Auftakt machte der größte Standort im osthessischen Bad Hersfeld in der Nacht zum Montag: Mit Beginn der Nachtschicht um Mitternacht legten Mitarbeiter die Arbeit nieder. Die anderen Standorte in Leipzig (Sachsen), Graben (Bayern), Rheinberg und Werne (beide NRW) folgten mit Beginn der Frühschicht. Laut Gewerkschaft beteiligten sich 2300 Amazon-Mitarbeiter. Am Dienstag seien auch die Beschäftigten des Logistik-Zentrums in Koblenz zum Streik aufgerufen, teilte Verdi mit. Dann würden zeitgleich sechs der neun Versandzentren in Deutschland bestreikt.

Indirekt fordert Verdi dazu auf, Amazon-Pakete zurückzuschicken – mit einem vorgefertigten Retoutenschein.

Dass Amazon trotz der Beeinträchtigungen pünktlich liefert, begründet das Unternehmen mit seinem europaweiten Netzwerk mit 28 Logistikzentren in sieben Ländern. Robert Gottfried Marhan, der Standortleiter des größten Versandzentrums in Bad Hersfeld, erklärte jüngst: „Streiks sind ein Szenario, auf das wir vorbereitet sind.“

Ein Twitternutzer ruft dazu auf, Geschenke lieber beim Fachhandel zu kaufen.

Ob die Streiks allerdings den Effekt haben, dass Bestellungen bei Amazon ganz ausbleiben, bleibt fraglich. Unlängst twitterte Moderator Harald Schmidt über die Zwiespältigkeit des vorweihnachtliche Kaufverhaltens.

Ende September wurde das erste Paket aus einem der polnischen Amazon-Zentren nach Deutschland verschickt. Einige Wochen lang hatten die Mitarbeiter in den beiden Zentren im niederschlesischen Breslau (Wroclaw) und in dem dritten in Posen (Poznan) geübt, bis die Arbeitsabläufe klappten.

„Aus Polen werden Kunden in ganz Europa beliefert“, kündigte Tim Collins, Logistikchef von Amazon Europe, bei der Eröffnung an. Die zentrale Lage Polens in Europa sei entscheidend bei der Standortauswahl gewesen. Dank des europaweiten Netzwerks mit insgesamt 28 Logistikzentren, darunter auch in Polen und der Tschechischen Republik, werde trotz Arbeitsniederlegungen in Deutschland pünktlich geliefert, betont der Online-Versandhändler regelmäßig.

Auch die im Vergleich zum Westen deutlich niedrigeren polnischen Löhne dürften eine Rolle für die Standortentscheidung gespielt haben. Durchschnittlich 13 Zloty (gut drei Euro) verdienen die Lagermitarbeiter pro Stunde. In Deutschland sind es etwa zehn Euro. Für polnische Verhältnisse ist der Stundenlohn für niedrig qualifizierte oder ungelernte Arbeitskräfte allerdings überdurchschnittlich. Auch mit kostenlosem Transport zur Arbeit bietet das Unternehmen ungewöhnliche Extraleistungen.

Uneingeschränkte Zufriedenheit herrscht aber auch in den polnischen Amazon-Zentren nicht. In Medienberichten ist von Klagen unter anderem über lange Wege in den Lagerhallen die Rede. „Das ist nicht durchzuhalten“, beschwerte sich ein Amazon-Mitarbeiter in einer E-Mail an das Nachrichtenportal „Wirtualna Polksa“. Jedes der Zentren hat eine Fläche von rund 95.000 Quadratmetern - das entspricht 13 Fußballfeldern. Nach den Amazon-Plänen sollen täglich zwischen 500.000 bis 600.000 Pakete aus den polnischen Zentren verschickt werden. Wirtschaftsminister Janusz Piechocinski nannte die Investition des Online-Versandhändlers - pro Standort rund 100 Millionen Euro - einen „Meilenstein für das Wirtschaftswachstum Polens.“

Für das Weihnachtsgeschäft wurden zusätzliche Saisonkräfte eingestellt. Einige von ihnen können, je nach Auslastung, auch mit einer längeren Beschäftigung rechnen. In den polnischen Zentren gilt für die Arbeiter eine Vier-Tage-Woche, allerdings mit einer Arbeitszeit von zehn Stunden. Der Warschauer Wirtschaftswissenschaftler Grzegorz Gorzelak beurteilt den Nutzen Amazons für den polnischen Arbeitsmarkt allerdings gering: „Das sind Arbeitsplätze von geringer Qualität, die wenig Vorteile für die Region schaffen“, meint der Experte für Regionalentwicklung.

Er zieht Vergleiche zu den großen Supermarktketten: „Es werden Billigjobs geschaffen, aber aufgrund der Preise gehen kleine Läden kaputt.“ In Polen selbst ist Amazon als Internethändler nicht aktiv - zur Erleichterung sowohl der traditionellen als auch der Online-Händler. Rafal Brzoska von Versanddienstleister InPost warnte vor einigen Monaten auf einer Konferenz vor den Folgen für den Handel, sollte Amazon auch in Polen Waren versenden: „Die polnischen Onlinehändler drohen Bankrott zu gehen, mit Margen wie bei Amazon können sie nicht konkurrieren.“

Verdi versucht in Deutschland seit mehr als einem Jahr, den Versandhändler zu Tarifgesprächen zu Bedingungen des Einzelhandels zu bewegen. Deswegen kommt es seit Mai 2013 immer wieder zu Streiks. Der US-Konzern beschäftigt nach eigenen Angaben derzeit rund 20.000 Menschen in Deutschland, je 10.000 Festangestellte und Saisonkräfte.
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