Stint wird seltener : „Alle Fische sind weg“: Ein Elbfischer sieht keine Chance mehr für seine Zunft

„Alle Fische sind weg, erst der Stör und die Lachse“, meint Wilhelm Grube. „Der Stint ist der Letzte.“

„Alle Fische sind weg, erst der Stör und die Lachse“, meint Wilhelm Grube. „Der Stint ist der Letzte.“

Einer der letzten Stintfischer will aufgeben. Wilhelm Grube kennt viele Gründe für das Verschwinden der Fische.

shz.de von
09. April 2018, 19:04 Uhr

Hoopte/Bremen | Elbfischer Wilhelm Grube leert zweimal täglich seine Reusen, viele Fische sind nicht mehr drin. Grube fängt den Stint, seit 40 Jahren schon. Demnächst könnte Schluss damit sein. „Es sind so wenig, es lohnt sich nicht mehr“, sagt Grube.

Stinte sind Wanderfische. Im Winter ziehen die rund 20 Zentimeter langen Tiere aus der Nordsee in die Flussmündungen. Wird es wärmer, so geht es zum Laichen stromaufwärts. Doch schon lange schaffen es immer weniger bis hinter Hamburg, wo Grube wartet. In den Nebenflüssen sei es schon lange vorbei. „Noch vor 20 Jahren sind sie über Ilmenau und Luhe bis in die Innenstadt von Winsen gezogen.“ Seinen ersten Stint hat Grube mit acht Jahren gefangen, seit 1978 macht er es professionell.

„Alle Fische sind weg, erst der Stör und die Lachse“

Der 62-Jährige ist auch Landwirt und Gastronom. Sein Restaurant in Hoopte direkt am Fluss ist für den grünlich-silbernen Fisch bekannt, auch über die Region hinaus. Am Eingang steht ein Modell des Kutters „Elvstint“. Mit dem Original ist Sohn Per-Willem elbabwärts zwischen Wedel und Glückstadt unterwegs, doch auch der 25-Jährige will aufhören, sagt der Vater. „Es gibt an der Elbe noch drei Stintfischer, ich bin der einzige östlich von Hamburg“, so Grube.

Einst seien es Hunderte gewesen. Bis ins 19. Jahrhundert galt der damals noch massenhaft vorkommende Fisch als Arme-Leute-Essen. „Letztes Jahr hatten wir noch 14 Tonnen, jetzt sind es keine sieben mehr“, sagt Grube ernst. Eigentlich ist er ein eher fröhlicher Typ, ein Mann der anpackt, wache Augen und klare Sprache. „Alle Fische sind weg, erst der Stör und die Lachse“, meint er. „Der Stint ist der Letzte.“

Elbvertiefung und Kohlekraftwerk

In guten Jahren waren es 30 Tonnen im Jahr, da hat Grube bis zu 100 Restaurants beliefert. „Jetzt sind es noch fünf oder sechs, sonst reicht es nicht für uns.“ Gründe für den Rückgang gebe es viele, meint Grube. „Der Mensch ist schuld“, ist er überzeugt. „Durch die Elbvertiefung unterhalb von Hamburg sind große Sauerstofflöcher entstanden“, beklagt er. „Die sind im Sommer jetzt 15 Kilometer lang, das überlebt kaum ein Fisch.“ Dazu komme das Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg, 2015 wurde es offiziell in Betrieb genommen. „Mit dem Kühlwasser geraten Unmengen von Fischen und andere Biomasse in den Kühlkreislauf – da bleibt nichts am Leben“, sagt Grube.

Die Elbfischer Per Grube (l) und sein Vater Wilhelm Grube (r) fahren auf der Elbe zur nächsten Reusen.
dpa

Die Elbfischer Per Grube (l) und sein Vater Wilhelm Grube (r) fahren auf der Elbe zur nächsten Reusen.

Dabei hat sich in Moorburg schon etwas getan. „Wir haben die Entnahmemenge deutlich reduziert“, sagte eine Sprecherin des Betreibers Vattenfall. „Es sind nur noch maximal rund 3200 Kubikmeter pro Stunde in einer Kreislaufkühlung.“ Die Durchlaufkühlung hatte im gleichen Zeitraum bis zu 232.000 Kubikmeter Elbwasser benötigt, doch im April vergangenen Jahres erkannte der Europäische Gerichtshof darin einen Verstoß gegen Umweltrecht. Die Behörden hatten nach Einschätzung der Richter in Luxemburg mögliche negative Auswirkungen auf die Fische nicht ausreichend geprüft. Grube bleibt skeptisch, ob das reicht. „Auch der Kormoran holt sich seinen Teil“, meint er, dazu komme in diesem Jahr noch der späte und kalte Winter.

Arme-Leute-Essen ist heute Delikatesse

Ralf Thiel ist Fischexperte, der Professor lehrt in Hamburg. „Wir wissen nicht genau, woran das liegt“, sagt er zum Rückgang an der Elbe. Eine ganze Reihe von Ursachen käme in Frage. „Neben der Sauerstoffproblematik könnte es auch am Verlust wichtiger Aufwuchsgebiete unterhalb von Hamburg liegen, etwa im Mühlenberger Loch.“ Für die Erweiterung des Dasa-Betriebsgeländes sei ein großer Teil verfüllt worden. „Auch der Klimawandel kann dazu beigetragen haben. Der Stint ist eine kälteliebende Fischart.“ Auch mehr Schwebstoffe durch Flussvertiefungen und Veränderungen im Nahrungsangebot seien mögliche Ursachen.

„Auch die sehr starken Robbenbestände an der Küste könnten einen Einfluss auf den Stint haben“, ergänzt Fischereiberater Volkmar Hinz von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Dazu kommt natürlich in Maßen die Nutzung durch den Menschen selbst.“ Die Stintfischer an Elbe, Weser und Ems hätten seit Jahren keine Probleme, ihren Fang zu verkaufen, so Hinz. Der Stint sei bei Feinschmeckern heiß begehrt, so Hinz. „Das frühere Arme-Leute-Essen ist eine Delikatesse geworden.“

Ulrich Willig fischt den Stint in der Weser. „Es ist in diesem Jahr so schlecht gewesen wie lange nicht mehr“, sagt auch der Nebenerwerbsfischer. Der Februar war zu kalt. „Letztes Jahr war auch schon weniger“, meint Willig, er stellt dem Stint seit 50 Jahren nach. „Ich mache weiter, auch wenn es immer weniger geworden ist.“ „Es gab schon früher erhebliche Schwankungen im Bestand“, sagt dazu Alfred Homeister vom Staatlichen Fischereiamt Bremerhaven. „Ich gehe davon aus, dass es in den kommenden Jahren zumindest an der Weser wieder besser aussieht mit dem Stint.“ Voraussetzung sei unter anderem, dass in der Mündung nicht so große Wittlingsschwärme wie in den vergangenen beiden Jahren auftauchten, die hätten sich wahrscheinlich viele Stinte geholt.

Grube ist pessimistisch, spätestens in drei Jahren ist Schluss. Er will sein Restaurant verkaufen, fremden Stint will er nicht anbieten. In einigen Tagen ist die Stintsaison zu Ende. Vielleicht war es Grubes letzte.

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