Abgas-Skandal : Abgastests mit Menschen und Affen: So reagieren Politik und VW

Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die Schadstofftests. /Archiv
Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte die Schadstofftests. /Archiv

Merkel fordert Aufklärung, VW-Vertreter sprechen von personellen Konsequenzen.

shz.de von
29. Januar 2018, 13:04 Uhr

Wolfsburg/Hannover/Berlin | Im Abgasskandal soll es Diesel-Schadstofftests nicht nur mit Affen, sondern auch mit Menschen gegeben haben. Die Studien an Menschen hatten laut dem zuständigen Institutsleiter allerdings keinerlei Verbindung mit dem Abgasskandal. Zuvor hatten Tierversuche beim Test von Dieselabgasen breite Empörung ausgelöst. Nun reagieren Politiker und VW-Vertreter auf die Vorwürfe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert Aufklärung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat umstrittene Diesel-Schadstofftests scharf verurteilt und Aufklärung eingefordert. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. „Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich.“ Den Aufsichtsräten der Auftraggeber der Tests komme nun eine besondere Verantwortung zu, kritische Fragen auch zur Zielsetzung der Tests zu beantworten. Die Autokonzerne hätten Schadstoffemissionen zu begrenzen und Grenzwerte einzuhalten und nicht die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen.

Bundesverkehrsminister Christian Schmidt spricht von PR-Kampagne

Der geschäftsführende Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) kritisierte die Tests ebenfalls scharf, die ausschließlich PR-Zwecken dienten, wie ein Sprecher sagte. Die Untersuchungskommission des Ministeriums zum Abgasskandal solle in einer Sondersitzung prüfen, ob es weitere Fälle gibt. Die Autokonzerne seien aufgefordert worden, umgehend und detailliert Stellung zu nehmen.

Ministerpräsident Weil verlangt Aufklärung

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil forderte umfassende Aufklärung. Geklärt werden müsse auch, ob es weitere Testreihen dieser Art und zu diesem Zweck an und mit Menschen gegeben habe, sagte der SPD-Politiker, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt, am Montag in Hannover. Bereits am Wochenende habe er die Versuche als „absurd und widerlich“ bezeichnet – dies gelte erst recht, wenn es zu Versuchen an Menschen gekommen sein sollte. Die Vertreter des Landes Niedersachsens im Aufsichtsrat wollten „noch heute“ eine dringliche Aufforderung zur Aufklärung an den Volkswagen-Vorstand richten.

Auspuff eines VW Tiguan: Volkswagen soll Affen im Testlabor mit Abgasen traktiert haben.
Julian Stratenschulte
Auspuff eines VW Tiguan: Volkswagen soll Affen im Testlabor mit Abgasen traktiert haben.
 

Weil betonte, das Verhalten des Konzerns müsse in jeder Hinsicht auch ethischen Ansprüchen genügen. Es wäre im Interesse aller gewesen, wenn der Vorgang früher bekannt gewesen wäre. Maßgeblich sei der Zweck solcher Testreihen – gehe es darum, die Belastung am Arbeitsplatz zu testen, lasse sich das vertreten. Dienten die Testreihen aber Marketing und Verkaufsförderung, „fällt mir keine auch nur von ferne akzeptable Begründung für ein solches Vorgehen ein“.

Das Land Niedersachsen ist VW-Großaktionär. Es hatte schon am Samstag mitgeteilt, seine Vertreter im Kontrollgremium verlangten eine vollständige Aufklärung der Geschehnisse von 2014, von denen sie aus den Medien erfahren hätten.

Volkswagen-Aufsichtsratschef Pötsch: Verantwortliche für Versuche zur Rechenschaft ziehen

Volkswagen-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch bezeichnete die Tests mit Affen als „in keinster Weise nachvollziehbar“. „Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken“, sagte Pötsch am Montag in Wolfsburg. Die Vorgänge müssten „vorbehaltlos und vollständig aufgeklärt werden“. Er kündigte an, dass sich der Aufsichtsrat bald mit dem Thema beschäftigen werde. „Ich werde alles dafür tun, dass der Vorgang umfassend untersucht wird. Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen.“

VW-Aufsichtsrat Althusmann: Tierversuche nicht vertuschen

Der niedersächsische Wirtschaftsminister und VW-Aufsichtsrat Bernd Althusmann hat vor Vertuschung gewarnt. „Die Verantwortlichen für diese Versuche verschiedener Autobauer werden sich jetzt ihrer Verantwortung stellen müssen“, forderte der CDU-Politiker. „Hier darf es kein Vertuschen oder Verharmlosen geben. Ich rate dringend dazu, hier alles auf den Tisch zu legen.“ Es seien ethische Grenzen überschritten worden, was weder entschuldbar noch nachvollziehbar sei. Solche Versuche seien „dumm und töricht“, den Diesel-Skandal womöglich verharmlosen zu wollen, sei dreist.

VW-Konzernbetriebsratschef Osterloh fordert personelle Konsequenzen

VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh hat kurzfristig personelle Konsequenzen gefordert – sollten Verantwortliche noch bei VW beschäftigt sein. „Der Aufsichtsrat ist sich einig: Hier muss schnellstmöglich lückenlos aufgeklärt werden“, betonte Osterloh am Montag in Wolfsburg. „Als VW-Konzernbetriebsrat sind wir erschüttert. Hier sind offensichtlich ethisch-moralische Grenzen überschritten worden.“ Für die Volkswagen-Beschäftigten distanziere er sich klar.

Volkswagen hatte sich zuvor für die Versuche in den USA entschuldigt. Diese Tests waren Teil einer Studie, die beweisen sollte, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat. Die EUGT („Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“) – eine von VW, Daimler und BMW finanzierte Lobby-Initiative – hatte die Studie in Auftrag gegeben. Federführend war laut Studienleiter dabei VW.

Ärzte-Organisation: Schadstofftests mit Affen kein Einzelfall

Für die Tierschutzorganisation „Ärzte gegen Tierversuche“ sind die Schadstoffversuche mit Affen in den USA kein Einzelfall. „Toxikologische Versuche an Affen sind leider gängig, auch in Deutschland“, sagte Vizevorsitzende Corina Gericke der Deutschen Presse-Agentur in Köln. Allein für 2016 weise eine Statistik des Landwirtschaftsministeriums aus, dass in Deutschland 1789 Affen für Versuche mit giftigen Substanzen genutzt wurden. „Typisch sind dabei wiederholte Gaben über 28 Tage hinweg“, sagte die Tiermedizinerin. Im vergangenen Jahr seien 1328 Affen oral oder über Inhalation 28 Tage lang schädliche Substanzen verabreicht worden.

„Danach werden sie meistens getötet, um die Organe zu untersuchen“, schilderte Gericke. Ihre Organisation fordert eine Gesetzesänderung, um solche „unethischen Versuche an allen Tieren“ zu verbieten. „Solche Versuche sind auch aus wissenschaftlicher Sicht völlig irrsinnig und unsinnig“, sagte Gericke. Es könnten keine Rückschlüsse für den Menschen gezogen werden. „Tiere sind Individuen, die auch ganz individuell und unterschiedlich auf die Substanzen reagieren Noch dazu sind sie bei den Tests in einer gestressten Ausnahmesituation.“

VDA-Präsident Wissmann: „Ohne ethisches Fundament gewinnt man keine Zukunft“

Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat die Schadstofftests mit Affen in den USA verurteilt. Der Verband distanzierte sich wie die betroffenen Unternehmen VW, Daimler und BMW von den Vorgängen. „Hier zeigt sich einmal mehr: Technik und Wissenschaft müssen sich grundsätzlich im Rahmen des gesellschaftlich und ethisch Verantwortbaren bewegen“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann. Diese Balance zu halten sei eine ständige Aufgabe für jede Industrie. „Ohne ethisches Fundament gewinnt man keine Zukunft“, betonte Wissmann.

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