Interview mit Führungsduo : So soll Gerry Weber wieder zum Erfolg geführt werden

Nachdem die Gläubiger dem Haller Modekonzern Gerry Weber durch eine Teilstundung von Forderungen Luft bis Ende 2023 gegeben haben, wollen Alexander Gedat und Florian Frank das Unternehmen bis dahin wieder zu altem Erfolg führen.
Nachdem die Gläubiger dem Haller Modekonzern Gerry Weber durch eine Teilstundung von Forderungen Luft bis Ende 2023 gegeben haben, wollen Alexander Gedat und Florian Frank das Unternehmen bis dahin wieder zu altem Erfolg führen.

Mit Beginn der Corona-Krise ist das Haller Traditionsunternehmen Gerry Weber knapp an einer zweiten Insolvenz vorbeigekommen. Ein Gespräch mit den CEO Alexander Gedat (55) und Finanzvorstand Florian Frank (47) über die Zukunft des Unternehmens, das Aus für die passive Lohnfertigung und Verbindungen in die Region.

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25. Juni 2020, 10:27 Uhr

Osnabrück/Halle | Herr Gedat, seit Dezember 2019 waren Sie Aufsichtsratsvorsitzender, haben den Abschluss des Insolvenzverfahrens miterlebt – und zwei Monate später interimsmäßig den Vorstandsvorsitz übernommen. Dann kam Corona und die Gefahr eines zweiten Insolvenzverfahrens. Ist Gerry Weber jetzt über den Berg?

Gedat: Derzeit ja. Allerdings muss man auch sagen: Kommt eine zweite Welle und Wirtschaft und Gesellschaft gehen in einen zweiten Shutdown, dann könnte noch einmal eine Delle kommen. Erst einmal sind wir jedoch nach der Einigung mit unseren Gläubigern und den zusätzlichen Betriebsmitteln unserer Eigentümer für die nächsten dreieinhalb Jahre durchfinanziert.

Die Hoffnung bestand auch nach Abschluss des Insolvenzverfahrens.

Frank: Wir waren seit Beginn des Jahres auch auf einem guten Weg und die Finanzierung stand. Dann kam Corona und hat alles auf den Kopf gestellt.

Es kommt ein neues Zukunftskonzept, das auch den Abbau von Arbeitsplätzen beinhaltet.

Frank: Der emotional schwierigste Schritt ist der erneute Jobabbau schwerpunktmäßig in Halle. 200 Stellen sind vor allem hier betroffen, Interessensausgleich und Sozialplan sind unterschrieben, ebenso der Sanierungstarifvertrag. Letzterer sieht leider noch einmal Einschnitte bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld vor. Fakt ist aber: Wir haben ein tragfähiges und unterschriebenes Refinanzierungskonzept. Die erste große Hürde ist genommen, wir sind durchfinanziert bis 2023.

Gedat: Der Jobabbau betrifft auch 30 Prozent der Führungskräfte. Auch eigene Rechtsanwälte wird sich das Unternehmen zum Beispiel nicht mehr leisten. Kosten wollen wir aber nicht nur beim Personal einsparen, sondern wir wollen auch die Gebäudekosten reduzieren. Ein Teil unseres Stammsitzes ist bereits untervermietet. Das wollen wir noch ausweiten, uns reicht auch die Hälfte des Platzes.

Zur Finanzierung mussten auch die neuen Eigentümer einen finanziellen Beitrag leisten. Anders als vielleicht eine Familie im Rücken, schauen Investoren auf die Zahlen. Wie einfach war es, sie zu überzeugen?

Frank: Sie haben unsere schonungslose Analyse sehr positiv aufgenommen. Wir haben eine gute und intensive Beziehung zu unseren Shareholdern, das hat geholfen. Ohne diese Nähe zu den Investoren wäre es unmöglich gewesen.

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Melissa Bungartz Fotogafie Erleben

Das ist die finanzielle Seite. Was sieht das Konzept inhaltlich weiter vor?

Gedat: Wir möchten weniger machen, dafür aber attraktiver werden. Zudem sollen Mode und Passform, die alten Gerry Weber Werte, wieder mehr im Vordergrund stehen. Ziel ist es, die führende Damen-Marke im Classic Mainstream zu sein. Attraktiver, weil weniger komplex werden wir auch, indem wir unsere Liefertermine von 14 auf 10 pro Jahr reduzieren. Außerdem gibt es Veränderungen in der Beschaffung. Derzeit läuft das sowohl im Vollgeschäft, wo wir das Design an unseren Lieferanten geben und diese danach fertigen, aber auch in der passiven Lohnfertigung. Das heißt, wie kaufen Stoffe, Knöpfe etc zu und schicken das in Lohnbetriebe, die die Teile nähen, meist in Osteuropa. Letzteres werden wir abschaffen und ganz in die Vollbeschaffung gehen.

Werde Sie dadurch nicht unflexibler und verlieren Kontrolle über die Teile der Kollektion?

Gedat: Jein. Wenn der Designer aus kreativen Gründen einen bestimmten Stoff möchte, kann er auch einem Vollgeschäftslieferanten diesen Stoff vorgeben. Die Kreativität werden wir nicht verlieren.

Die Marke muss wieder Begehrlichkeiten wecken, haben Sie erst jüngst gesagt. Das Ziel hatten bereits Ihre Vorgänger. Woran ist dieses Vorhaben bislang gescheitert und was machen Sie anders?

Gedat: Meine Vorgänger haben eine gute Vorarbeit geleistet. Wir sehen schon jetzt: Die Ware, die derzeit in den Läden liegt, verkauft sich besser als früher. Der Durchschnittsbon steigt ebenso wie die Teile pro Bon. Man kann also nicht sagen, dass alles schlecht war. Wir legen jetzt einen noch stärkeren Fokus auf die Produktentwicklung – auch, indem wir weniger Teile entwickeln. Dadurch steigt unsere Produktionszahl pro Stück. Auch die Rabatte haben wir zurückgefahren. Wenn man da zu früh einsteigt, entwertet man seine eigene Ware.

Wenn Sie die Liefertermine reduzieren, werden Sie dadurch nicht unflexibler, auf Kundenwünsche im Handel zu reagieren?

Gedat: Ich glaube nein. Weniger Termine geben die Möglichkeit, die Ware attraktiver zu präsentieren.

Sind Filialschließungen geplant?

Gedat: Wir verhandeln zwar Mietverträge neu, eine Schließung von Filialen ist aber nicht geplant. Wir sind der Meinung: Durch die geringere Frequenz an den Standorten ist die Immobilie auch weniger wert. Insofern wollen wir auch weniger bezahlen. Hier streben wir individuelle Lösungen für jede Filiale an. Wir machen das vielleicht etwas charmanter als andere, aber wie alle anderen in der Branche auch brauchen wir diese Unterstützung.

Sind Vermieter einsichtig?

Gedat: Je länger die Krise dauert, desto einsichtiger werden sie. Denn sie sehen auch: Geht ein Handelspartner raus, wird es derzeit schwierig, einen Nachmieter zu finden. Der Druck steigt, kein Retailer expandiert in der aktuellen Situation. Es geht uns jedoch auch nur um eine temporäre Reduzierung der Mietkosten. In zwei, drei Jahren kann das wieder ganz anders aussehen.

Ein Blick auf die Branche zeigt, dass Kunden noch keine große Lust zum Shoppen haben. Was erwarten Sie hier bis Ende des Jahres?

Gedat: Wir erwarten, dass die Frequenz Stück für Stück steigt. Im Moment sind wir zufrieden. Wir machen mehr Umsatz als zu Beginn der Krise erwartet. Aber natürlich ist die Frequenz noch deutlich unter dem Vorjahresniveau.

Bei den Infektionszahlen schauen Sie ja nicht nur auf Deutschland, sondern auch über die Grenze. Wie hat sich Gerry Weber im Ausland entwickelt?

Gedat: Wir sind sehr dankbar, dass unser Kernmarkt Deutschland ist. Die Corona-Krise trifft unsere Nachbarländer noch einmal deutlich stärker. Glücklicherweise haben wir gerade in Spanien nicht viele Filialen.

Rechnen Sie damit, dass Corona das Einkaufsverhalten nachhaltig verändern wird?

Gedat: Ich denke schon. Der E-Commerce hat noch einmal einen deutlichen Schub bekommen. Ich glaube auch, dass die Nachhaltigkeit in der Textilie selbst einen Schub bekommt. Darauf wird der Verbraucher verstärkt achten.

Wie nachhaltig ist Gerry Weber? Werden Sie noch Mitglied des „Grünen Knopfs“?

Gedat: Nein, wir sind nicht Teil des Grünen Knopfs. Unsere Zertifizierungen gehen jedoch über diese Vorgaben hinaus. Zudem ist der Grüne Knopf ein deutsches Siegel. Das macht für uns als internationales Unternehmen wenig Sinn.

Frank: Das hat ja zwei Aspekte: Zum einen will der Kunde Transparenz. Die schaffen wir. Zum anderen sind wir börsennotiert. Neue Investoren schauen heute auf Nachhaltigkeit – da bringt uns aber ein deutscher Grüner Knopf nicht weiter.

Sie hatten den E-Commerce angesprochen, lange Zeit ein Manko bei Gerry Weber. Wo steht das Unternehmen hier aktuell und was ist das Ziel?

Gedat: Vor einem halben Jahr sind wir etwa mit einem E-Commerce-Anteil am Umsatz von 7 Prozent gestartet. Heute liegen wir deutlich im zweistelligen Bereich und wollen das weiter steigern. Wir verkaufen nicht nur über unseren eigenen Shop, sondern auch über die einschlägigen Marktplätze. Der Handel im Netz kann deutlich über 20 Prozent erreichen und da wollen wir hin.

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Gerry Weber

Herr Gedat, Sie haben die Rolle des CEO interimsmäßig übernommen. Werden Sie das Unternehmen dauerhaft führen?

Gedat: Sobald wir jemanden für den Vorstandsvorsitz gefunden haben und die Person eingearbeitet ist, möchte ich wieder in den Aufsichtsrat wechseln – ich hoffe, dass die Aktionäre das dann auch wollen und ich wieder zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt werde.

Sie haben lange Zeit eine andere deutsche Modemarke, Marc O'Polo, geführt. Reizt es Sie nicht, Gerry Weber langfristig im Vorstand weiterzuentwickeln?

Gedat: Nein. Ich war lange genug im Vorstand, die letzten fünf Jahre auch als CEO. Das macht mir schon Spaß, aber ich arbeite jetzt anders und möchte kürzertreten.

Haben Sie sich in der Region gut eingelebt?

Gedat: Für mich war der Wechsel zu Gerry Weber auch eine Rückkehr in meine Heimat. In der Branche kennt man sich, auch die Familie Weber kenne ich schon lange. Ich bin in Tecklenburg groß geworden. Am meisten freuen sich meine Eltern, die ich jetzt noch regelmäßiger besuchen kann, nachdem ich seit 25 Jahren in Bayern lebe.

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