Millionen-Investitionen trotz Corona : Aufschwung nach Pandemie-Tief: Seehäfen in Niedersachsen setzen auf ihre Nischen

Avatar_shz von 03. November 2021, 12:05 Uhr

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Im Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven, Deutschlands einzigem Tiefwasserhafen, hat sich der Containerumschlag nach der Corona-Pandemie wieder erholt.
Im Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven, Deutschlands einzigem Tiefwasserhafen, hat sich der Containerumschlag nach der Corona-Pandemie wieder erholt.

Corona hat die niedersächsischen Seehäfen hart getroffen: Lieferketten brachen weg, andere wurden kurzfristig wichtiger. Im zweiten Pandemie-Jahr geht für manche die Kurve wieder nach oben, andere müssen sich weiterhin auf neue Güterströme einstellen.

Osnabrück | Die neun niedersächsischen Seehäfen haben im ersten Halbjahr 2021 ein stabiles Umschlagsergebnis erzielt. Mit rund 24 Millionen Tonnen sind im Seeverkehr 1 Prozent mehr Güter umgeschlagen worden als im Vergleichszeitraum 2020. „Besonders erfreulich ist, dass der Abwärtstrend gestoppt werden konnte und es in Teilen schon wieder bergauf geht“, sagt André Heim, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Seaports of Niedersachsen, die die neun Seehäfen vertritt. Die Corona-Pandemie habe die Schwerpunkte der Seehäfen verändert. So wurden in Nordenham und Brake vermehrt Holz verschifft, über alle Standorte hinweg insgesamt 500.000 Tonnen Rund- und Schnitthölzer. „Und durch den Ausfall von Produktionsstätten und unterbrochene Lieferketten sanken die Zahlen im Automobilbereich“, erläutert Heim. „Der Containerumschlag dagegen zieht jetzt wieder an und im Bereich der Stückgüter, inklusive rollender Ladung, haben wir ein Wachstum von 12 Prozent verzeichnet.“ Für die zweite Jahreshälfte 2021 erwartet der Seaports-Geschäftsführer ein ähnlich stabiles Umschlagsniveau. Die landeseigenen Häfen, darunter die Seehäfen Brake, Cuxhaven, Emden, Stade und Wilhelmshaven, betreibt das Unternehmen Niedersachsen Ports mit Sitz in Oldenburg. Für diese fünf ergibt sich im ersten Halbjahr 2021 ein gemischtes Bild. Geschäftsführer Holger Banik zeigt sich „verhalten optimistisch“. Normalisierung auf niedrigem Niveau Zweistellige Zuwächse beim seeseitigen Umschlag melden Emden und Cuxhaven. Nachdem der Umschlag von Neuwagen im Zuge der Corona-Pandemie fast vollständig eingebrochen ist, normalisiere sich die Situation, allerdings auf niedrigem Niveau, sagt Banik. In Emden wurden mit 554.736 Automobilen im ersten Halbjahr dieses Jahres 32 Prozent mehr umgeschlagen als im Vergleichszeitraum 2020 (421.807 Fahrzeuge). Damit liegt das Ergebnis zwar noch weit unter dem Vorkrisenniveau (715.772 Neuwagen im ersten Halbjahr 2019), allerdings mache sich auch der weltweite Chipmangel in dieser Branche bemerkbar. In Cuxhaven lag der Fahrzeugumschlag im ersten Halbjahr immerhin 18 Prozent über dem Vorjahreswert (2021: 160.458 Neuwagen, 2020: 135.684). Zum Umschlagszuwachs von 23 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2020 haben aber vor allem die Werte bei den Stückgütern beigetragen, besonders der Umschlag von Holz, sagt Banik. Jade-Weser-Port profitiert von Gelegenheitsverkehr Als Profiteur der Pandemie-Auswirkungen wertet der Niedersachsen-Ports-Chef nach einem schwierigen Jahr 2020 den Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven. Nachdem der internationale Warenverkehr durch die Blockade des Suez-Kanals und die zeitweise Schließung chinesischer Häfen infolge der Pandemie aus dem Rhythmus geraten sei, erreiche den Jade-Weser-Port nun mehr Gelegenheitsverkehr, erläutert Banik. „Die anderen Häfen sind voll.“ Zwar verzeichnet der Seehafen insgesamt nur ein kleines Umschlagsplus von 3 Prozent im ersten Halbjahr. Am bundesweit einzigen Tiefwasserhafen ist der Containerumschlag allerdings um 36,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen (2021: 303.000 TEU, 2020: 222.000 TEU). Zudem erhoffe man sich positive Effekte durch die Beteiligung der Hapag-Lloyd AG am Eurogate-Containerterminal. Im September hatte die größte Reederei Deutschlands angekündigt, den Anteil des dänischen Konkurrenten Maersk von 30 Prozent am Terminal zu erwerben. Einen Rückgang des Seegüterumschlags um jeweils 9 Prozent verzeichnen dagegen die Häfen Brake und Stade. An beiden Standorten sei dieses Ergebnis aber zumindest zum Teil mit guten Vorjahreszahlen zu erklären, sagt Banik: In Brake sei 2020 besonders viel Getreide umgeschlagen worden, als Nachwirkung der schlechteren deutschen Ernte im Hitzesommer 2019. In diesem Jahr machten sich die geringeren Getreideimporte nun bemerkbar. Der Seehafen Stade habe 2020 ein „unglaublich gutes Jahr“ gehabt, zudem seien dort zum Teil für Januar angekündigte Schiffe schon im Dezember gekommen. Bei den flüssigen Massengütern meldet Stadt allerdings ein Plus von 12 Prozent für das erste Halbjahr 2021. Mehr zum Thema: Hafenwirtschaft sieht Hamburger Hafen zunehmend unter Druck Dümmer statt Abu Dhabi: Wie ein Ferienpark eine Region aufwertet Den deutlichsten Rückgang im Seeschiffsverkehr verzeichnet man in Papenburg, Standort von Niedersachsens südlichstem Seehafen. Um 19 Prozent ist der Umschlag des von der Stadt betriebenen Hafens im Vergleich zum ersten Halbjahr 220 eingebrochen, von 415.000 auf rund 338.000 t. „Wir glauben nicht, dass das ein Trend ist“, versichert Bürgermeister Jan-Peter Bechtluft. Er macht neben den Auswirkungen der Pandemie zwei Faktoren für den starken Rückgang verantwortlich: Zum einen die geringe Auslastung der Meyer-Werft, die deshalb deutlich weniger Anlieferungen von Bauteilen über den Seeweg bekommen habe. Zum anderen die Sperrzeiten der Seeschleuse im Zuge ihres Umbaus. Schon 2020 sei die Schleuse deshalb an 99 Tagen geschlossen gewesen. Schleusenneubau löst private Investitionen aus Die Modernisierung des mehr als 100 Jahre alten Bauwerkes ist für Bechtluft gleichzeitig aber ein positives Zeichen. Immer wieder traten in den vergangenen Jahren technische Probleme auf, die eine Sperrung der Schleuse nach sich zogen. Nun investieren das Land Niedersachsen, der Landkreis Emsland und die Stadt Papenburg 21,5 Millionen Euro allein in das Außenhaupt, das im Mai 2022 fertig gestellt sein soll. Zwei weitere Bauabschnitte sollen folgen. Zudem steuert das Land mehr als 9 Millionen Euro zu den Kosten der Baggerarbeiten im Hafenbecken bei, mit denen die Stadt alljährlich gegen den tidebedingten Schlickeintrag aus der Ems kämpft. „Die öffentliche Hand hat die Weichen auf Zukunft gestellt“, bewertet der Stadtvorsteher die Investitionen. Und die Unternehmen legen nach: Klasmann-Deilmann aus Geeste hat den Neubau einer Substratfabrik am Hafen für rund zehn Millionen Euro angekündigt, die Firma Arnold Lammering nimmt für einen Neubau eine ähnliche Summe in die Hand. Und auf dem Bera-Hafenterminal entsteht ebenfalls für einen zweistelligen Millionenbetrag eine neue Anlage für die Kunststoffverwertung. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen rechnet Bechtluft damit, dass sich der Gesamtumschlag in den nächsten fünf Jahren einem Wert von 1,5 Millionen Tonnen annähern und sich auf diesem Niveau dauerhaft einpendeln wird. „Das muss die Zielsetzung sein“, betont der Bürgermeister. Besonders bei den Schüttgütern, etwa Torf und Blumenerde, sei schon jetzt eine positive Entwicklung zu erkennen. In den vergangenen Jahren ist der Gesamtumschlag im Hafen kontinuierlich gestiegen – von 617.000 Tonnen im Jahr 2014 auf 983.000 Tonnen im Corona-Jahr 2020. Weiterlesen: Mammutprojekt Hafen-Ost: Kann der Wirtschaftshafen rechtzeitig umziehen? Auch in Oldenburg wird in die Hafeninfrastruktur investiert: Im Frühjahr wurde die neue Wendestelle mit einem Durchmesser von 165 Metern fertiggestellt – das entspricht dem Anderthalbfachen der maximalen Länge von Seeschiffen, die den Hafen über die Hunte erreichen können. Durch den Neubau können nun Seeschiffe von bis zu 110 Metern Länger und Binnenschiffe von bis zu 135 Metern den Hafen anfahren. Wendemanöver seien zudem deutlich sicherer und komfortabler geworden, sagt Norbert Plaggenborg, Geschäftsführer der Oldenburger Hafenwirtschaftsgemeinschaft. Unternehmen rüstet sich für größere Schiffe Und wie in Papenburg ergeben sich auch hier Folgeeffekte: Das Umschlagsunternehmen Rhein-Umschlag hat bereits im vergangenen Jahr drei Millionen Euro in zwei vollelektrische, schienengebundene Bagger gesteckt, die rund 600 Tonnen pro Stunde umschlagen können. Eine Zunahme des seeseitigen Güterverkehrs allein durch die Wendestelle sei für diesen Zeitraum allerdings noch nicht zu sehen, sagt Kersten Mittwollen von der Wirtschaftsförderung der Stadt Oldenburg. Im ersten Halbjahr 2021 erzielte der Seehafen ein Umschlagsplus von 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (2021: 47.000 t, 2020: 37.000 t). Da gleichzeitig deutlich weniger Binnengüter umgeschlagen wurden, ergibt sich allerdings ein Minus von 12 Prozent beim Gesamtumschlag. Ob langfristig größere Schiffe den Hafen anlaufen werden, müsse sich noch zeigen – nach der Inbetriebnahme der Wendestelle im Mai liefen die Verhandlungen mit den Reedereien noch. Nach der Corona-Pandemie haben die niedersächsischen Häfen den Weg zurück zur Normalität eingeschlagen. Doch wie sieht ihre langfristige Perspektive aus? Einen Wettbewerbsvorteil der niedersächsischen Seehäfen sieht Niedersachsen-Ports-Geschäftsführer Holger Banik in deren Spezialisierung: In Emden die Neufahrzeuge, in Brake Getreide, Rohöl und Kohle in Wilhelmshaven, die Möglichkeit zum Umschlag chemischer Produkte in Stade. „Das gibt es eben nirgendwo anders“, sagt Banik. „Nicht jeder hat so eine Nische“. Gleichzeitig müssten sich die Hafenbetreiber auf die Entwicklungen der kommenden Jahre einstellen. Durch die Energiewende verliere Kohle immer mehr an Bedeutung. Der Seehafen Wilhelmshaven als „Energiedrehscheibe Deutschlands“ richte den Fokus von dem fossilen Brennstoff auf einen Energieträger der Zukunft: Mehrere Großprojekte rund um grünen Wasserstoff sind in Planung, unter anderem der Anschluss an das geplante deutsche Wasserstoffstartnetz. Erst im Juli lud der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies die beteiligten Unternehmen zu einem „Runden Tisch Wasserstoff“ nach Wilhelmshaven. Gesamtumschlag 2021 über dem Vorjahresniveau? In Stade will die Hanseatic Energy Hub GmbH ihre Pläne für ein LNG-Terminal in diesem Jahr zur Genehmigung vorlegen. Vor diesem Hintergrund sieht Niedersachsen-Ports-Geschäftsführer Holger Banik die landeseigenen Seehäfen „auf einem guten Pfad“. Er geht davon aus, dass die Umschlagzahlen gegen Ende des Jahres über dem Vorjahresniveau landen werden. Seaports-Chef André Heim betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Infrastrukturanpassungen. Nicht nur die Wasserstraßen müssten den Anforderungen entsprechen, wie etwa Außenems und Unterweser, deren geplante Vertiefungen in Planfeststellungsverfahren stecken, sondern auch die Hinterlandanbindungen über Schiene und Straße. Nur so könnten die niedersächsischen Häfen „im internationalen Wettbewerb weiterhin optimal bestehen und so ihre Rolle für die deutsche Wirtschaft erfüllen“. Auch die vermeintlich kleineren Häfen werden langfristig eine wichtige Rolle in der Hafengruppe spielen, sagt Heim. Die Investitionen in den Seehäfen Papenburg und Oldenburg, sowohl von Unternehmen als auch der öffentlichen Hand, untermauerten dies. „Unsere zahlreichen Umschlagunternehmen mit überregional aktiven Logistik-Netzwerken sowie Experten für zahlreiche Hafendienstleistungen bieten individuelle Lösungen für nahezu jedes Umschlaggut an. Das macht unsere Hafengruppe so stark und sehr konkurrenzfähig“, betont Heim. „Und dies europaweit.“ ...

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