Arbeitsmarkt im Norden : 19.000 Stellen in SH unbesetzt – so viele wie seit Jahren nicht mehr

Niedrige Zinsen treiben die Konjunktur an. Tausende sozialversicherungspflichtige Jobs sind in Schleswig-Holstein unbesetzt.

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31. Juli 2015, 06:17 Uhr

Kiel | Das Öl ist derzeit billig, das Geld ebenfalls und die Währung schwach – wie lange das so noch bleibt, kann niemand sagen. Doch in der Zwischenzeit gehört der norddeutsche Arbeitsmarkt zu den Profiteuren. Zwar zählte die Bundesagentur für Arbeit im Juli dieses Jahres 96.532 Menschen ohne Job im Land – was einem Plus von 3,5 Prozent gegenüber dem Vormonat entspricht. Doch im Vergleich zum Vorjahr steht ein Minus von vier Prozent.

Für den Kieler Wissenschaftler Jens Boysen-Hogrefe kommen eine ganze Reihe von Faktoren zusammen, die die Konjunktur weiterhin so robust erscheinen lassen – und damit die Nachfrage nach Arbeitskräften auf hohem Niveau verharren lassen. „Die niedrigen Zinsen dürften in Deutschland einiges auslösen“, sagt er und denkt dabei vor allem an die Bauwirtschaft. Häuslebauer hätten aufgrund günstiger Finanzierungen Projekte vorgezogen. Zudem seien auch die Öl-Preise zuletzt im Vergleich günstig gewesen. „Was auch sehr stark hilft, ist die Erholung im Euroraum.“ Das komme dann auch der deutschen Export-Wirtschaft zu Gute – die aufgrund eines schwachen Euros günstiger in die Welt exportieren kann.

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Obendrein kann die Wirtschaft noch immer aus einem großen Pool an Arbeitskräften schöpfen. Doch auch die Nachfrage ist gewaltig. 40.557 sozialversicherungspflichtige Stellen wurden seit Anfang des Jahres gemeldet – 1031 mehr als im Vorjahreszeitraum. Fast 5000 mehr als in den ersten sieben Monaten 2013. Mehr als 19.000 Stellen sind derzeit unbesetzt – so viele wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr. Dass dem Markt die Arbeitskräfte ausgehen könnten, sieht Boysen-Hogrefe aber nicht. „Bis der Punkt erreicht ist, müssten wir noch kräftige Lohnsteigerungen sehen.“ Bislang sei dies nicht der Fall.

Womöglich auch, weil Betriebe verstärkt Ressourcen nutzen, die ihnen ganz ohne Aufpreis zur Verfügung stehen – nämlich ihre selbst ausgebildeten Fachkräfte. So ist die Zahl der 15- bis 25-Jährigen, die nach Schule und Lehre auf den Arbeitsmarkt drängen, zwar auch in diesem Jahr um 22,4 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen. 11.279 junge Arbeitnehmer waren so im Juli arbeitslos. Doch das sind 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Zudem schnellte die Zahl im vergangenen Jahr mit 27 Prozent noch deutlich stärker in die Höhe. Aus Sicht der Chefin der Direktion Nord der Bundesagentur für Arbeit, Margit Haupt-Koopmann, ist dies ein Beleg dafür, dass die Betriebe dazu gelernt haben. Zumal Unternehmen zunehmend mit Universitäten um Schulabgänger kämpfen. Vor allem das Handwerk bekommt dies zu spüren. Allein die Lehrstellenbörse der beiden Handwerkskammern im Land verzeichnen 700 freie Lehrstellen. Mit Projekten wie Kurswechsel oder Change-It werben Handwerks- und Industrie- und Handelskammern um Studienabbrecher. Die Kreishandwerkerschaft Flensburg kooperiert neuerdings mit der dortigen Fachhochschule. Schulabgängern soll so verstärkt der Weg von der Lehre ins Studium und zum eigenen Betrieb aufgezeigt werden. „Ich denke, das Erfolgsmodell in Deutschland besteht darin, dass wir eine gute Ingenieurs- und eine gute Facharbeiterausbildung haben“, so FH-Präsident Holger Watter. Die Kombination von beidem sei das Erfolgsgeheimnis, sagt er.

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