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Wirtschaft

19. August 2017 | 20:59 Uhr

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ausgefallene Ampeln, stecken gebliebene Lifte, kein Bargeld aus dem Automaten – das sind die gängigen Probleme beim Stromausfall. Dass die Klospülung schon nach wenigen Minuten nicht mehr funktioniert, weil Stadtwerke das Wasser nicht mehr in den fünften Stock pumpen können und dass das Handynetz nach zwei Stunden in die Knie geht – ist für die meisten unvorstellbar. Dabei sollten sich die Deutschen beizeiten auf solche Situationen einstellen. Experten gehen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit eines Blackouts steigt und großflächige Stromausfälle zunehmen . Erst im Juni saßen Zehntausende Kieler Haushalte im Dunkeln.

Ausschlaggebend dafür ist nicht allein, dass in Atommeilern das Licht ausgeknipst wird, sondern auch die Vorrangstellung für die erneuerbaren Energien. Investitionen in konventionelle Kraftwerke rentieren sich nicht mehr, weil Strom aus Kohle und Gas nur noch als Lückenbüßer nachgefragt wird, wenn es mal nicht genug Ökostrom gibt – etwa bei Windstille oder wenn die Sonne nicht scheint. Pläne für neue Kohlekraftwerke in Brunsbüttel sind deshalb längst im Schredder gelandet.


Früher fünf Eingriffe im Jahr, heute fünf am Tag


Wie brenzlich die Situation ist, zeigt eine neue Tennet-Statistik. Der Netzbetreiber, der auch für Schleswig-Holstein zuständig ist, musste wegen des steigenden Anteils erneuerbarer Energien im ersten Halbjahr 2013 an 177 von 181 Tagen in das Netz eingreifen, um es vor Ausfällen und Überlastung zu schützen. Insgesamt gab es 502 Eingriffe: Kraftwerke wurden heruntergefahren und Windräder gestoppt. Sinn und Zweck der Übung: Die Netzfrequenz muss stabil um die 50 Hertz gehalten werden . Fällt sie unter 47 oder steigt bis 53 Hertz, schalten sich Kraftwerke automatisch ab, weil die Leitungen das nicht aushalten. Wie eine Kaskade kollabiert das System dann immer weiter. Da Elektrizität im Netz nicht zu speichern ist, muss also stets genau so viel Strom eingespeist werden, wie zum selben Zeitpunkt verbraucht wird. „Früher waren Eingriffe fünfmal im Jahr nötig, heute fünfmal am Tag“, erklärte gestern ein schleswig-holsteinischer Branchenkenner. Es vergleicht die Situation mit einem Schnellfahrer auf der Autobahn, der ständig Gas gibt und abbremst und immer dicht auf der Stoßstange des Vordermanns hängt. „Das mag lange gut gehen, wenn – wie bei Tennet – geübte Leute am Steuer sitzen. Doch irgendwann kracht es.“

Womöglich schon in diesem Winter: Bei strengstem Frost müssen die noch übrigen Kernkraftwerke, die auf die Kühlung durch Flüsse angewiesen sind, Kapazitäten herunterfahren, Braunkohle friert ein oder die Russen drosseln die Gaszufuhr – alles schon da gewesen. Hinzu kommt das Risiko von Sabotage, Hacking und der hohe Koordinationsbedarf, weil plötzlich statt der einst gescholtenen großen vier Energiekonzerne Tausende kleine Anbieter auf dem Markt mitmischen und RWE, Eon & Co ihre Stromautobahnen verkaufen mussten. Allmählich bekommen auch die Bundesregierung und die Netzagentur kalte Füße: Sie verpflichten die Energieunternehmen, alte Kohledreckschleudern in Reserve zu halten. Schon erteilte Abrissgenehmigungen wurden kürzlich widerrufen, damit die Lichter nicht alle ausgehen.

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erstellt am 04.Sep.2013 | 07:03 Uhr

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