Nach Amoklauf : Winnenden: Fünf Jahre danach

Trauernde  aus Winnenden stehen am 12. März 2009 nahe der Albertville-Realschule vor  Kerzen und  Blumen. Foto: dpa
Trauernde aus Winnenden stehen am 12. März 2009 nahe der Albertville-Realschule vor Kerzen und Blumen. Foto: dpa

Nach einem Gewaltdrama ist der politische Aktionismus oft groß. Das Fazit des Aktionsbündnisses Winnenden fällt durchwachsen aus.

shz.de von
06. März 2014, 08:44 Uhr

Winnenden | Der Tod ihrer Kinder beim Amoklauf von Winnenden sollte wenigstens zum besseren Schutz für andere führen – deshalb sind Hardy Schober und Gisela Mayer mit dem Aktionsbündnis Amoklauf in die politische Offensive gegangen. Fünf Jahre nach der Bluttat mit 16 Toten hat sich ein bisschen bewegt. Doch nach Ansicht des Aktionsbündnisses, das sich inzwischen „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ nennt, liegt immer noch eine ganze Menge im Argen.

„Wären unsere Forderungen nach dem Verbot großkalibriger Waffen und einer zentralen Lagerung von Schusswaffen damals umgesetzt worden, könnten 45 Menschen noch am Leben sein“, sagt Vorstandsvorsitzender Schober. Denn so viele Menschen seien seit dem März 2009 in Deutschland mit Schusswaffen aus legalem Besitz getötet worden. Die Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“ zählt sogar mehr als 50 Opfer. Zwar war im Juli 2009 das Waffenrecht verschärft worden, doch nach Ansicht Schobers nicht weitreichend genug.

Damals wurde die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Kurzwaffen von 14 auf 18 Jahre heraufgesetzt. Waffenkontrollen wurden erleichtert, die Strafen erhöht. Seit 2013 gibt es ein zentrales deutsches Waffenregister. Laut Landesinnenministerium sind derzeit allein in Baden-Württemberg rund 150.000 Waffenbesitzer und 700.000 Waffen registriert. Zur Zeit des Amoklaufs waren es noch rund 900000 Waffen. Allein in den ersten drei Jahren nach der Bluttat wurden laut  Regierungspräsidium Stuttgart 135.000 Waffen abgegeben. „Die Kampfmittelbeseitigungsdienste sind nicht mehr hinterhergekommen mit dem Verschrotten“, bilanziert Christoph Palm, Vorsitzender des damaligen Landtags-Sonderausschusses Amoklauf.

Großkalibrige Waffen seien fürs Militär und nicht für Sportschützen gemacht, betont Schober. Durch sie erhöhe sich die Zahl der Opfer bei Gewalttaten. Tim K. hatte am 11. März 2009 mit der großkalibrigen Pistole, die sein Vater illegal im Kleiderschrank aufbewahrt hatte, in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen. Im nordrhein-westfälischen Emsdetten, wo der Schütze im November 2006 ein abgesägtes Kleinkalibergewehr verwendet habe, hätten alle Angeschossenen überlebt, macht Schober deutlich.

Zahlreiche Schulen haben ihre Sicherheit verbessert. Doch eine zentrale Forderung von VBE und Aktionsbündnis lief bislang ins Leere: Flächendeckende Vorgaben für die Schulsicherheit gibt es zumindest in Baden-Württemberg nicht. „Die Sicherungsmaßnahmen stehen bis heute nicht in der Landesbauverordnung“, sagt Schober. Seiner Ansicht nach müssten sie den gleichen Status bekommen wie der Brandschutz. Gut seien die Kurzmitteilungs-„Pager“ zur Frühwarnung, die jede Schule bekommen habe, sagt Schober. Einige Träger hätten ihre Einrichtungen zudem etwa mit Fluchttreppen, speziellen Türknäufen und Raumplänen ausgestattet. Gomolzig beklagt jedoch, dass an den Schulen oft ein zweites Alarmsystem fehle. Der Feueralarm helfe nicht, weil die Schüler beim Amoklauf gerade in der Klasse bleiben sollten. Die Landesregierung gebe Empfehlungen, aber kein Geld, beklagt Gomolzig. „Viele Schulen fühlen sich da im Stich gelassen.“

Stillstand herrscht laut Schober bei den Computerspielen. Tim K. und andere Amokläufer haben vor ihren Taten brutale Gewaltspiele, sogenannte Ego-Shooter, gespielt. Das Aktionsbündnis fordert schärfere Vorgaben für solche Spiele. Aber: „Da haben wir so gut wie keine Erfolge. Die Lobby ist zu stark.“ Diesen Eindruck bestätigt Michael Gomolzig, Sprecher der Erziehergewerkschaft VBE (Verband Bildung und Erziehung): „Wenn man etwas gegen die Spiele sagt, gibt es gleich einen Aufschrei.“

„Bei der Gewaltprävention hat sich eine ganze Menge getan“, bilanziert Gisela Mayer. Grün-Rot in Baden-Württemberg habe die Zahl der Schulsozialarbeiter im Land deutlich erhöht. In diesem Jahr soll sie auf 1500 ansteigen. Auch Schulpsychologen gebe es  mehr, als zur Zeit vor dem Amoklauf. „Wir wollen starke Schulgemeinschaften“, betont Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Wichtig sei, die Gewaltprävention jetzt in die Fläche zu bringen. Noch hänge sie stark vom Einsatz der jeweiligen Schulleitung ab.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen