Angst vor blauem Licht : Wie eine Hautcreme gegen Handystrahlung helfen soll

Einige Kosmetikfirmen schüren die Angst vor dem blauen Licht von Smartphone-Displays.
Einige Kosmetikfirmen schüren die Angst vor dem blauen Licht von Smartphone-Displays.

"Hautkrebsgefahr – Wie Selfies die Haut zerstören" – mit solchen Sätzen schüren Kosmetikfirmen Angst vor Handystrahlung.

shz.de von
21. Juni 2018, 16:38 Uhr

Hamburg | "HEV-Licht aus dem Handy zerstört die Haut", so heißt es in einer Pressemitteilung, die eine Marketing-Agentur pünktlich zum in den USA ins Leben gerufenen "Nationalen Selfie-Tag" an Redaktionen verschickte. Weiter steht dort: "Täglich werden Millionen Selfies gemacht und im Netz verbreitet. Dabei geht von Selfies eine bisher kaum bekannte Gefahr aus."

Das von den Smartphones abgestrahlte HEV-Licht dringe tief in die Haut ein und erzeuge "immensen oxidativen Stress". Von vorzeitiger Hautalterung über Hautunreinheiten bis hin zur Hautkrebsgefahr wird im folgenden Text allerlei Ungutes mit dem bösen Licht aus dem Handy in Verbindung gebracht. Vermeintlich untermauert wird das Ganze durch den Verweis auf zwei Studien. Ein genauerer Blick auf die Untersuchungen zeigt: eine ist von einem Kosmetik-Hersteller, der an einer Creme forscht, die gegen das Licht aus dem Handy schützen soll.

Doch noch einmal von vorn: Was ist eigentlich diese HEV-Strahlung, die all diese negativen Effekte auf die Haut nichtsahnender Smartphone-Nutzer haben soll? HEV steht für High Energy Visible, also für hochenergetisches sichtbares Licht. Diese Art von Licht kommt auch im Spektrum des Sonnenlichts vor. Hochenergetisch heißt es deshalb, weil es Licht mit kurzen Wellenlängen (von 400 bis 450 Nanometer) bezeichnet, das Menschen als blau-lila wahrnehmen. Solche Wellenlängen werden auch von Smartphone-, Computer- und TV-Displays abgestrahlt.

Langzeitstudien fehlen

Ob und wenn ja wie sehr dieses Licht der menschlichen Haut schadet, ist jedoch völlig unklar, sagt Uta Schlossberger, Dermatologin und Sprecherin des "Berufsverbands der Deutschen Dermatologen". "Es gibt zu den Einflüssen von HEV-Licht auf die menschliche Haut keinerlei Langzeitstudien. Dazu bräuchte man Beobachtungszeiträume von 20 Jahren oder mehr", so Schlossberger. "So lange sind Smartphones aber noch gar nicht weit verbreitet." Bislang gebe es zu dem Thema nur zwei Studien, eine davon sei jene von dem Kosmetikhersteller. Diese sei aber nicht ernst zu nehmen, sagt Schlossberger. "Die sind voreingenommen, da sie natürlich einen großen Markt für entsprechende Cremes wittern, die sie am liebsten allen Handybesitzern verkaufen wollen." Zudem bezieht die Studie sich auf Experimente an Zellen in der Petrischale: Wie das blaue Licht auf die Haut von Menschen im Alltag wirkt, darüber kann die Studie nichts aussagen.

Die andere Studie haben mexikanische Wissenschaftler im Jahr 2014 durchgeführt. Sie hätten herausgefunden, dass das HEV-Licht bei sehr dunklen Hauttypen zu Pigmentschädigungen führen kann, so die Dermatologin Schlossberger. Aber auch hier fehle eine Langzeitbeobachtung und es bleibe die Frage, wie groß der Einfluss durch das HEV-Licht von Bildschirmen etwa im Vergleich zum normalen Sonnenlicht sei, das die Wellenlängen ebenfalls enthält.

Unbegründete Angst vorm Selfie

"Dass Selfies im Zusammenhang mit HEV-Licht besonders gefährlich sein sollen, ist natürlich Blödsinn. Die sind ja innerhalb weniger Sekunden geschossen", sagt Schlossberger. Zwar gebe es Menschen, die übermäßig lange vorm Rechner säßen und deren Haut dann nicht gut aussehe. Das liege dann aber eher an Faktoren wie fehlender Bewegung, zu wenig frischer Luft oder falscher Ernährung.

"Blaues Licht wurde und wird bei einigen Hautkrankheiten auch als Therapie benutzt, etwa bei Akne oder Neurodermitis", merkt die Dermatologin an. "Es nun als grundsätzlich schädlich zu verteufeln, wäre vorschnell."

Ob das blaue Bildschirmlicht für die Haut gänzlich unschädlich ist, lässt sich aufgrund der aktuellen Studienlage ebenfalls nicht mit Sicherheit sagen. Auch dafür bräuchte es entsprechende Langzeitstudien. Sicher ist jedoch, dass eine Panikmache, wie manche Firmen sie betreiben, um ihre Produkte zu vertreiben, ebenfalls nicht angebracht ist.

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