Skandal in Dänemark : Wie ein Klatschmagazin Stars und Politiker überwachte

Spionage per Kreditkarte: Mindestens 86 dänische Prominente bis ins Königshaus wurden beim Bezahlen ausgespäht.

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29. Dezember 2014, 19:00 Uhr

Kopenhagen | Man stelle sich einmal vor, dass in Deutschland die Bundeskanzlerin nicht nur von einem ausländischen Geheimdienst abgehört wird, sondern dass gleichzeitig auch eine deutsche Zeitung die EC-Karten von Angela Merkel nicht nur bei Einkäufen in Berliner Aldi-Läden kontrollieren würde. Eine Enthüllung würde die Republik erschüttern.

Undenkbar, dachte man auch im „hyggeligen“, beschaulichen Dänemark, bis die Wirklichkeit das Königreich aus seinen süßen Träumen riss. Bei einem Jahresrückblick über die wichtigsten Ereignisse in Dänemark 2014 fallen einem zwei Namen ein, die für Streit und Wirbel im Lande gesorgt haben: Ole Bornedal als umstrittener Regisseur der Fernseh-Serie „1864“ und Ken B. Rasmussen. Aber wer ist das? Längst ist sein Name in Vergessenheit geraten, doch der aus Nordschleswig stammende Journalist war es, der die Dänen am meisten schockierte. Er brachte durch sein Buch den Skandal um das Boulevard-Magazin „Se og Hør“ („Sehen & Hören“) ins Rollen und zwang die Verantwortlichen der Kopenhagener Illustrierten zu einem Rückzug – noch ehrenloser als einst General de Mezas Flucht vor den Preußen beim deutsch-dänischen Krieg 1864 auf dem Dannewerk.

In gewisser Weise war Ken B. Rasmussen der „dänische Snowden“ in diesem Jahr, denn er enthüllte Details, die den Glauben an den guten, sauberen Journalismus im Königreich schwer erschütterten. Nicht ganz vergleichbar mit dem Skandal um das britische Massenblatt „News oft the World“, das sogar geschlossen wurde. Die Geschichten, dass insgesamt 84 namhafte Dänen, darunter nicht zuletzt auch Royals und führende Politiker, von einem IT-Mitarbeiter des elektronischen Bankdienstproviders „Nets“ gegen Honorar anhand ihrer vertraulichen Kreditkarten überall verfolgt wurden, führten zur Entlassung zahlreicher Journalisten im Pressekonzern Aller, der die Illustrierte „Se og Hør“ herausgibt.

Die Familie Aller entschuldigte sich zwar, ließ aber „Se og Hør“ weiter erscheinen. Über die „Se og Hør“-Affäre stolperte einer der mächtigsten politischen Journalisten im Lande, Henrik Qvortrup, der als TV2-Kommentator ein kleiner König im Königreich war und nun von seiner Vergangenheit als Chefredakteur von „Se og Hør“ eingeholt wurde. Inzwischen hat er als Journalist einen neuen Arbeitgeber gefunden.

Scham über das moralische Versagen? Keine Spur! Er wäscht seine Hände in Unschuld und wirft nun seinerseits den arg entrüsteten Chefredakteuren dänischer Medien Heuchelei und Doppelmoral vor. Sie bedienen sich doch grundsätzlich gleicher zwielichtiger Mittel, um vertrauliche Quellen anzuzapfen, behauptet Qvortrup.

Die polizeilichen Ermittlungen in diesem Medienskandal sind zwar noch nicht abgeschlossen, aber die Glaubwürdigkeit der dänischen Presse hat insgesamt schwer gelitten. Nur die Politiker werden im Vertrauen der Bevölkerung noch negativer beurteilt.

Zwei Eckpfeiler unserer Demokratie, Politik und Presse, sind zur Zeit schwer beschädigt. Wenn von einer Krise der gedruckten Presse die Rede ist, dann sollten wir Journalisten mit dem Finger nicht nur auf enttäuschte Leser zeigen.

Hintergrund:

Das dänische Boulevardmagazin „Se og Hør“ überwachte von 2008 bis 2012 mindestens 86 prominente Dänen, darunter Prinz Joachim und Prinzessin Marie, Politiker wie den früheren Premierminister Lars Løkke Rasmussen und die Vorsitzende von Dansk Folkeparti, Pia Kjærsgaard, sowie Stars aus der Unterhaltung und dem Sport.

Das nordische Zahl- und Kreditkartenunternehmen Nets überließ 2007 den Betrieb seiner IT-Systeme IBM in Dänemark. Hier legte ein Mitarbeiter ein Überwachungssystem an und konnte so die Zahlkarten-Transaktionen diverser Personen verfolgen. Sobald die Promis ihre Zahlkarte zückten, bekam der IBM-Mitarbeiter Bescheid und schickte anschließend die Informationen gegen Bares weiter an „Se og Hør“.

Deshalb war das Boulevardmagazin zum Beispiel als einziges Medium vor Ort, als Prinz Joachim und Prinzessin Marie im Mai 2008 auf eine „heimliche“ Hochzeitsreise nach Kanada flogen. „Se og Hør“ wusste über Hotelrechnungen, Einkäufe und Privathospital-Abrechnungen der Prominenz Bescheid. 2014 flog der Schwindel auf, als ein früherer Mitarbeiter den Skandal in einem Buch beschrieb. Mehrere Mitarbeiter bei „Se og Hør“ und im Aller-Konzern, der das Magazin verlegt, sind seitdem entlassen worden.

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