Zwiegespaltenes Dänemark : Wie die Dänen mit dem Wolf umgehen

Vor kurzem wurden in Dänemark vier Wolfsweibchen nachgewiesen.
Vor kurzem wurden in Dänemark vier Wolfsweibchen nachgewiesen.

Immer mehr Wölfe kommen nach Dänemark. Bald wird es sogar Rudel geben. Die Faszination ist ähnlich groß wie die Ablehnung und die Angst vor Konsequenzen. Manche fordern gar den Abschuss.

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01. Juni 2015, 20:04 Uhr

Aarhus | In Dänemark tauchen zur Freude der Naturschützer und Tierliebhaber immer mehr Wölfe auf. Doch Fotos von gerissenen Rehen und Schafen machen in sozialen Netzwerken die Runde und trüben das Bild. Einigen gefällt die Wiederkehr des Isegrim überhaupt nicht, das Land ist zwiegespalten. Die Wiederkehr des großen Raubtieres wird das Land verändern. 200 Jahre lang hatten die Menschen ihr Leben, ihr Denken und ihre Wirtschaft ohne Gedanken an den Wolf ausgerichtet. Das ist nun anders.

Vor allem die Schäfer haben berechtigte Sorgen. Auf dem Deichvorland an der Westküste liefen die Schafe bis vor kurzem ungeschützt und ohne Furcht des Schäfers umher. Die Wiederkehr des Wolfes macht es bei zunehmender Wolfspopulation beinahe unmöglich, die Tiere in Ruhe grasen zu lassen, klagen die Landwirte. 18 Schafe wurden 2013 und 2014 eindeutig vom Wolf getötet, 2015 kamen bisher elf bestätigte Fälle dazu. Keine großen Zahlen, aber doch ein schwieriger Einschnitt in gewachsene Strukturen des Menschen.

„Die Schäfer macht die Wiederkehr des Wolfes nervös, denn einzäunen lassen sich Gebiete dieser Größe nicht“, meint Uwe Iversen, Redakteur bei „Jydske Vestkysten“. Seiner Meinung nach sorgen sich die Menschen in Dänemark am wenigsten um eine Gefährdung ihrer eigenen körperlichen Unversehrtheit. Es sei vielmehr die Sorge um die Nutztiere und wirtschaftliche Gesichtspunkte, die unruhig stimmten. Sofern eine DNA-Probe den Nachweis bringt, dass ein Wolf das Schaf gerissen hat, gibt es immerhin eine Entschädigung. Für ein Mutterschaf sind es 1100 Kronen. Für den Bau von Zäunen zum Schutze der Herden zahlt der dänische Staat einen Zuschuss.

Im Herbst 2012 war die Aufregung groß, als zum ersten Mal seit 199 Jahren ein Wolf in Dänemark auftauchte. Der aus dem sächsischen Milkeler-Rudel stammende Neuankömmling wurde im Thy Nationalpark im Norden Jütlands fotografiert. Die Behörden zögerten seinerzeit nicht lange und ließen eine Lebensraumanalyse und einen Leitfaden für den Umgang mit Wölfen erstellen – wohl auch um einer unsachlichen Panik-Diskussion mit Sachlichkeit entgegenzuwirken. Kurze Zeit später fand man den Wolf verendet auf und stellte fest: Es hatte den in Bad Segeberg gesichteten Wolf dorthin verschlagen.

Die Wolfspopulation entwickelt sich dynamisch: 17 verschiedene Wölfe registrierte man in Dänemark bis Februar 2015 – das veranlasste zu einigen Spekulationen. Wie konnten sie sich so vermehren? Wie über den eisfreien Nord-Ostsee-Kanal kommen? Wurden sie ausgesetzt? Warum waren es ausschließlich Rüden?

Das Rätsel der nicht vorhandenen Wolfsdamen lockerte sich im April etwas auf. Trine Fugmann von der Dänischen Naturschutzbehörde gab preis: „Wir wissen jetzt, dass es in Jütland mindestens einen weiblichen Wolf gibt. Anfang Mai korrigierte die Universität Aarhus nach DNA-Analysen von Wolfsproben das Ergebnis nach oben: Vier Wolfsdamen seien nachweislich auf dem dänischen Festland in den Gegenden Thy, Mittel- und Südjütland unterwegs.

Was Wolfsforscherin Liselotte Wesley Andersen dieser Erkenntnis hinzufügte, ließ Fachkreise und Öffentlichkeit umso mehr die Ohren spitzen: An den Orten, wo man auf den untersuchten Kot der Wolfsdamen gestoßen war, waren ebenfalls Wolfsrüden nachgewiesen worden. Demnach sei Paarung und Fortpflanzung sehr wahrscheinlich. Die Wissenschaft rechnet für Mitteleuropa mit etwa 40 Prozent Zuwachsrate pro Jahr, allerdings mit starker Sterblichkeit in den ersten Lebensjahren.

Schon 2013 hatte die Internetgruppe „Ulvetracking Danmark“ mit mehreren Tonaufnahmen von Wolfsgeheul für Furore gesorgt: Ein britischer Forscher bescheinigte den Wolfs-Enthusiasten auf der Wissenschaftsseite „videnskab.dk“, dass es sich um ein Wolfspaar und ihre beiden Welpen handelte – das erste dänische Wolfsrudel seit 200 Jahren?

Das Naturhistorische Museum/Institut für Biowissenschaften der Universität Aarhus zeigt anhand einer Wolfsverbreitungskarte die per Wildkamera verifizierten Sichtungen, sowie die Standorte, an denen analysierte Gewebefunde oder Losungen einen Wolf nachgewiesen hatten.
Aarhus Universitetet
Das Naturhistorische Museum/Institut für Biowissenschaften der Universität Aarhus zeigt anhand einer Wolfsverbreitungskarte die per Wildkamera verifizierten Sichtungen, sowie die Standorte, an denen analysierte Gewebefunde oder Losungen einen Wolf nachgewiesen hatten.

Zu Gute kommt der Population, dass es in Jütland eine Menge größerer bewaldeter Areale gibt, die Deckung bieten und ein Nahrungsangebot an Rehen, Wildschweinen und Hirschen beherbergen. Bis zu zehn Gebiete gibt es laut dänischem Umweltministerium, in denen der Wolf sich dauerhaft niederlassen könnte. Durch seinen großen Aktionsradius würde man ihn in Zukunft überall im Land zu Gesicht bekommen. Bisher hat sich nur in Mitteljütland nachweislich ein Wolf fest niedergelassen. Isegrim kann auch auf längeren Strecken 40 Kilometer pro Stunde zurücklegen (bis zu 50 Kilometer in einer Nacht) und es wird angenommen, dass die Population als „Streifwölfe“ zwischen Schleswig-Holstein und Jütland pendelt.

Die Kontroverse in Dänemark ist groß, der Wolf polarisiert und spaltet. In den Städten ist die Stimmung euphorisch, doch viele Landbewohner klagen ihr Leid. Ablehnende Meinungen fallen umso drastischer aus. So halten sich die Gerüchte derzeit stark, dass es bereits in mehreren Fällen zu illegalen Wolfs-Abschüssen gekommen sein könnte. Bewiesen werden konnten diese latenten Gerüchte allerdings nicht. Doch die Haltung zum Wolf innerhalb der Jägerschaft fällt eindeutig aus. Der Abschuss ist im EU-Recht und national allerdings verboten. Auf ihn stehen bis zu zwei Jahre Gefängnis, in andern Ländern Skandinaviens allerdings deutlich mehr.

Und auch in politischen Kreisen gibt es vereinzelte Stimmen, die den Wolf weghaben wollen. Nachdem Ende April in Nähe eines Kindergartens in Viborg ein Wolf beim umherspazieren beobachtet wurde, forderte der dortige Bürgermeister Torsten Nielsen in mehreren Interviews gar die erneute Ausrottung der Wölfe in Dänemark. Niemand könne sagen, wozu so ein Tier in der Lage sei, wenn es erst mal hungrig genug wäre, sagte er „Jyllands-Posten“ entgegen der etablierten Meinung der Wissenschaftler, wonach der Mensch nicht auf dem Speiseplan des gesunden Wolfes steht. Vor zwei Jahren hätte man einen Wolf gehabt, nur wären es 17. Das sei einfach zu viel für ein so kleines Land. Doch bisher trat dieser Wolf nicht weiter in Erscheinung.

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