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Deutschland & Welt

24. Oktober 2017 | 14:06 Uhr

Zeitumstellung : Wer hat an der Uhr gedreht?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Heute Nacht hat die Sommerzeit begonnen. Für uns Deutsche ein ungeliebtes Kind. Schleswig-Holstein am Sonntag hat sich auf die Spur der Zeiger begeben.

shz.de von
erstellt am 27.Mär.2016 | 09:15 Uhr

Kiel/Brüssel | Der Wahnsinn hat einen Namen und er hat Methode: Die „Richtlinie 2000/84/EG zur Regelung der Sommerzeit“ verdonnert alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union dazu, zeitgleich die Uhren an jedem dritten Märzwochenende vor- und an jedem dritten Oktoberwochenende zurückzustellen. Letzte Nacht war es wieder soweit. Ein faules Osterei: Kaum einer will es, keinem nützt es, vielen ist es Last. Geklagt wird über Schlaf- und Konzentrationsstörungen und Produktivitätseinbußen, Statistiken weisen vermehrte Herzinfarkte und Verkehrsunfälle aus. Da scheint es vernünftig, einfach auf die Zeitumstellung zu verzichten. Doch genau das geht nicht. „Richtlinie 2000/84/ EG“ schreibt die Sommerzeit für alle EU-Mitgliedstaaten auf Dauer und auf unbegrenzte Zeit fest.

Die Deutschen wollen keine Sommerzeit. 74 Prozent der Deutschen halten sie für überflüssig, hat gerade das Meinungsforschungsinstitut Forsa ermittelt und festgestellt, dass die Zahl der Ablehner seit 2013 um fünf Prozentpunkte gewachsen ist. Kein Wunder. 62 Prozent klagen laut einer DAK-Studie über wachsende Ein- und Durchschlafprobleme nach der Umstellung auf Sommerzeit, und das in einem Land, in dem das Meinungsforschungsinstitut Forsa bei 53 Prozent der Befragten eine ohnehin schlechte Schlafqualität ausgemacht hat. Mit Blick auf Herzinfarkte hat die DAK drei Tage nach Einführung der Sommerzeit einen 20prozentigen Anstieg festgestellt. Der Auto Club Europa (ACE) sieht in der Kombination aus Schlafdefizit, Temperaturanstieg und zunehmendem Freizeitverkehr den Anstieg des Verkehrsunfallrisikos.

Dass das jährliche Procedere der Zeitumstellung bestenfalls EU-Folklore ist, geht auch aus einer vor wenigen Tagen veröffentlichen Untersuchung des Büros für Technologiefolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, TAB, hervor, das auf 207 Seiten akribisch eine „Bilanz der Sommerzeit“ zieht und damit eine Lücke zur vorangegangenen Untersuchung dieser Art von 2007 schließt.

Akribisch nimmt die TAB-Studie die Aspekte Energie, Wirtschaft und Gesundheit in den Fokus. Bekanntlich war es die Aussicht, mit besserer Ausnutzung des Tageslichts Energie zu sparen, die die von der Ölkrise der 1970er Jahre verschreckten Europäer zur Sommerzeit gebracht hatte. Schon damals gab die Bundesregierung zu bedenken, dass Energieersparnisse in so geringer Form zu erwarten seien, dass sie eine Einführung der Sommerzeit allein nicht rechtfertigten. Dass (damals noch) Bonn trotzdem mitzog, hatte den durchaus vernünftigen Grund, Zeitregelungen nachbarschaftlich zu koordinieren.

So weit, so gut. Seit Jahren allerdings wird konstatiert, dass das bisschen (TAB nennt für die Mehrzahl der Studien eine „Minderung von weniger als 0,2% des Strom- oder 0,03 Prozent des Energieverbrauchs eines Landes“), was bei der Beleuchtung eingespart wird, auf der anderen Seite für Heiz- und Raumklimakosten draufgeht. Eine Milchmädchenrechnung.

Regelrecht zur Posse gerät die TAB-Betrachtung des Wirtschaftsaspekts, der „zum einen keine positiven oder negativen Effekte der Sommerzeit auf die (deutsche) Wirtschaft zu tage förderte, zum anderen aber festhalten muss, dass die Rücklaufquote einer aufwändigen Befragung „äußerst gering“ war: „Substanzielle Antworten gingen nur von drei Organisationen ein.“

Spannender wird es da bei den gesundheitlichen Aspekten. Zwar stellt das TAB auch hier im Jahr 36 nach Einführung der Sommerzeit „eine sehr limitierte Evidenzbasis“ fest (heißt: nichts Genaues weiß man nicht), aber: „Zu konstatieren sind jedoch mittlerweile vermehrte wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die Anpassung des circadianen Systems des Menschen insbesondere an die Zeitumstellung im Frühjahr sich nicht so einfach bzw. so zügig vollzieht, wie noch in früheren Jahren angenommen worden war. Neue empirische Studien zu den Auswirkungen der Zeitumstellung auf den Schlaf-wach-Rhythmus bzw. den Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus deuten abträgliche Wirkungen auf die Schlafdauer und/oder -qualität in der Woche nach der Zeitumstellung an oder liefern Hinweise darauf, dass der Anpassungsprozess selbst binnen vier Wochen nach der Zeitumstellung möglicherweise nur unvollständig gelingt.“

Gefahr sieht die TAB-Studie in Sachen Zeitumstellung nicht im Verzuge, resümiert aber, „dass die vorhandene Studien- und Erfahrungslage zu möglichen Auswirkungen der Sommerzeit auf den Energieverbrauch, die Wirtschaft oder die Gesundheit limitiert, unvollständig und teils widersprüchlich ist. Der bis dato vorliegende Erkenntnisstand liefert jedoch keine belastbaren Hinweise darauf, dass die Anwendung der Sommerzeit ernsthafte positive oder negative energetische, wirtschaftliche oder gesundheitliche Effekte nach sich zieht“.

Während der Laie angesichts dieser Ergebnisse sich noch staunend fragt, wozu denn dann das ganze Theater mit der Zeitumstellung, machen die Experten unter dem Item „Rechtliche Rahmenbedingungen“ darauf aufmerksam, dass Nonsens in der EU so einfach nicht abzuschaffen ist. Möglich wäre das nämlich nur per Änderung des Monstrums „Richtlinie 2000/84/EG“ und für die wiederum sind vier Wege gangbar: auf Initiative der EU-Kommission, nach Aufforderung des Europäischen Parlaments, nach Aufforderung des Rates oder als Reaktion auf eine europäische Bürgerinitiative. Ein Weg ist dabei so steinig und lang wie der andere. Weil belastbare Erkenntnisse fehlen, weil sich Energietechnik, Wirtschaftswelt und medizinische Erkenntnisse fortwährend wandeln, wird sich das Thema Zeitumstellung Meinungsforschern, Statistikern und Medizinern zufolge weiterhin als eierlegende Wollmilchsau erweisen.

Und es wird jedes Jahr wieder zwei Mal die Frage auftauchen, was man denn nun tun muss mit seinen Uhren, wann sie vor- und wann zurückstellen. Immerhin dafür gibt es die eine oder andere Eselsbrücke, die Licht in die sinnbefreite Prozedur bringt. Einer dieser Merksätze schlägt direkt den Bogen zur wärmeren Jahreszeit: Im Frühling stellt man die Gartenstühle vor die Tür, im Herbst kommen sie zurück in den Keller. Termin für die Umstellung war übrigens heute früh um 2 Uhr. Die Sommerzeit 2016 endet am 30. Oktober, dann werden die Zeiger von 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt und wir bekommen die uns heute gestohlene Stunde zurück. „Zeit macht nur vor dem Teufel halt“, sang Barry Ryan 1972. Die Sommerzeit nicht einmal vor dem. Und vor der Vernunft schon gar nicht.

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