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Margrethe II. in Christiansfeld : Weltkulturerbe in Süddänemark: Wir. Sind. Unesco!

vom
Aus der Onlineredaktion

Christiansfeld feiert die Unesco-Anerkennung mit Königin Margrethe, einem mysteriösen Aquarell – und mit einem bürgermeisterlichen Tritt ins Fettnäpfchen.

shz.de von
erstellt am 02.Sep.2015 | 13:08 Uhr

Christiansfeld | Seit Jahren haben die Christiansfelder auf den Tag gewartet und sich zielgerichtet darauf vorbereitet. Am 1. September 2015 war es soweit. In dem beschaulichen Städtchen bei Hadersleben ist man stolz wie ein Pfau: Wir. Sind. Unesco! Das wird gebührend gefeiert und endet mit einem: „Wie peinlich!“

Ein Tuch verhüllt die Tafel, die vom neuen Status der alten Stadt der Herrnhuter als Weltkulturerbe zeugt. Verziert ist das Tuch aus hauchzartem Gewebe, ganz in Weiß gehalten, mit einem Aquarell aus königlicher Hand. Genauer gesagt: aus der Hand Ihrer Majestät Königin Margrethe II. – so zumindest will es die Legende, die sich seit vielen Jahren um jenes Bild rankt, das im Hotel der Brüdergemeine einen Ehrenplatz hat. Das ist ganz gewiss.

Hintergrund Herrnhuter und Christiansfeld

Die Gründung der Stadt Christiansfeld geht auf die Herrnhuter Brüdergemeine zurück. Die Vereinten Nationen haben Christiansfeld ausgezeichnet, weil es weltweit als das am vollständigsten erhaltene Beispiel einer Herrnhuter-Siedlung gilt. Diese christliche Glaubensrichtung ging aus der Anhängerschaft des vor 600 Jahren verbrannten böhmischen Reformators Jan Hus hervor. Herrnhuter-Gemeinden legten auch in Deutschland, Holland, Polen, England, den USA, der Karibik und Südafrika idealtypische Siedlungen aus einem Guss an, 27 insgesamt. Dass es in diesem Zug zum Standort Christiansfeld kam, ist gemeinsame deutsch-dänische Geschichte: Unterzeichnet wurde das Dekret zum Bau von niemand Geringerem als Johann Struensee, dem aus Altona stammenden Leibarzt des dänischen Königs Christian VII., der – bis zu einer blutigen Palast-Revolution – de facto zum Regierungschef geworden war. Gemeinsam mit Struensee hatte der Monarch zuvor die holländische Herrnhuter-Siedlung Zeist besucht und beschlossen, dass es auch in seinem Herrschaftsbereich eine Dependance der für ihre außerordentliche handwerkliche Tüchtigkeit bekannten Herrnhuter geben sollte. Da lag es nahe, dass der neue Ort ganz im Norden des einstigen Herzogtums Schleswig auf den König getauft wurde. Die Ortsendung „-feld“ weist darauf hin, dass zahlreiche Siedler aus dem deutschen Sprachraum zuzogen. Sonst wäre es zum Ortsnamen Christiansmark genommen. „Mark“ heißt auf dänisch „Feld“ und ist sonst sowohl im historischen Königreich Dänemark als auch im nördlichen Schleswig häufig als Orts-Endung anzutreffen. Zwar mag es dem deutschen Autofahrer wegen seiner Vertrautheit mit dem Wort „Feld“ nicht auffallen, wenn er auf der Autobahn Richtung Kolding an der Abfahrt Christiansfeld vorbeikommt – aber für Dänen deutete dieser Ortsname schon immer auf etwas Ungewöhnliches hin.

Königin Margrethe ist extra nach Christiansfeld gekommen, um die Unesco-Tafel zu entschleiern. Im Beisein von Koldings Bürgermeister Jørn Pedersen und dem Pastor der Brüdergemeine, Jørgen Bøytler. Etwa 2.000 Schaulustige sind gekommen, das entspricht beinahe der Gesamtbevölkerung des Ortes, der sich fortan in allen Dänemark-Reisführern der Welt wiederfinden wird. Den Dannebrog schwenkend, harren sie aus. Geduldig der Dinge, die da kommen mögen. Was dann kommt, hat wohl niemand ahnen können. Der Bürgermeister wird sich später an diesen Augenblick als einen der peinlichsten Momente seiner politischen Karriere erinnern.

Als wenn man öffentlich die Hosen runterlässt, so beschreibt Koldings Stadtoberhaupt nachfolgend die Episode, die ihn am Wochenende in die landesweiten Schlagzeilen bringt: Aus Jørn P. wird Storm P.! – noch ehe er so recht weiß, wie ihm geschieht. Doch was geschieht eigentlich genau? Nun, eigentlich nicht viel, nur dass der Bürgermeister im wahrsten Sinne des Wortes nicht so recht im Bilde ist, als er Ihre Majestät in seiner Festansprache stolz daran erinnert, dass sie ja besagtes Aquarell im zarten Alter von 14 Jahren, am Anfang ihrer künstlerischen Ambitionen stehend, gemalt habe.

Die dänische Monarchin, bekannt dafür, nie die Contenance zu verlieren, ist baff! Schüttelt energisch den Kopf und bringt damit den Bürgermeister vollends aus dem so wohl vorbereiteten Konzept. Anders als geplant, freundlich, aber resolut ergreift sie das Wort und stellt klar: Auch wenn sie schöne Erinnerungen an Christiansfeld von Besuchen mit ihren Eltern verbinde: „Christiansfeld habe ich nicht gemalt!“

„Wie? DU bist das nicht gewesen?“ – Der Bürgermeister mag seinen Ohren kaum trauen. Nur eine Frage! Wenig später aber wird Pedersen in den sozialen Medien auf die harte Tour lernen, welch ein Minenfeld die höfische Etikette ist. Viel Schelte bringt ihm der kleine Ausrutscher ein. Unverdient, denn er kennt sie doch aus dem Effeff, die Etikette – und weiß wohl, warum man die Regentin nicht duzt:  „Deine Majestät – das klingt nicht gut.“ Mahnende Worte von Victor Borge. Letztendlich ist dann alles halb so schlimm. Die Königin reagiert mit huldvollem Humor –  und der Bürgermeister mit einer bei Politikern selten gewordenen Selbsterkenntnis: „Wie peinlich!“

Christiansfeld wird nun ein kleines Kapitel seiner Stadtgeschichte umschreiben müssen, sich auf die Suche nach dem wahren Urheber des stadt- und nunmehr in Dänemark weltbekannten Aquarells machen. Hauptsache: Christiansfeld. Ist. Unesco! Das zumindest ist ganz gewiss.

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