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Velbekomme! : Weihnachten in Dänemark – Marathon für Galle und Magen

vom
Aus der Onlineredaktion

Erst Schwarzbrot mit Curry-Hering, danach fettige Wurst und wenig später den Braten – Dänen lieben Weihnachten mit Körper und Seele.

Seit Wochen leuchten die Straßen, die Julenisser (Wichtel) färben die Butter grün, braune Plätzchen liegen in riesigen Dosen vergraben, und die Menschen pendeln von Julefrokost zu Julefrokost. Hand in Hand singen sie: „Nu er det jul igen“. So wird auch die dunkle Zeit des Jahres zum Genuss.

Traditionell sind die Dänen in der gewöhnlich kalten Zeit auf Kalorien aus, was sie in dieser Hinsicht kaum von den hiesigen Gepflogenheiten unterscheidet. Nur nehmen sie es mit ihren Bräuchen etwas genauer. Dänemark und Weihnachten – das gehört zusammen wie Fett und Galle.

So richtig los mit dem alljährlichen Ess-Marathon geht es meist schon am 23. Dezember, dem sogenannten Lillejuleaften (kleiner Heiligabend). Rund eine halbe Millionen Fahrgäste sind an diesem Tag per Bahn unterwegs, um im Kreise der Familie gemeinsame Stunden der Geselligkeit und Genüsse erleben zu können. Die Geschenke wollen dann schon besorgt sein.

Möglichst am Morgen geht es schon auf die Reise. Es schickt sich nämlich, schon mittags am Ort der familiären Mitte angekommen zu sein. Hier beginnt zunächst gemächlich das, was den Ablauf der nächsten Tage prägen wird: Essen bis zum Anschlag und immer noch eine Schippe obendrauf.

Nachmittags werden braune Kuchen (Plätzchen), Æbleskiver (Krapfen, Futjes) und Kaffee serviert. Irgendwann wird ein zimtzuckerbeladener Milchreis aufgetischt, von dem in der Regel Reste übrig bleiben. Diese werden am nächsten Tag noch eine Rolle spielen. Wichtigstes Ereignis an jenem Abend ist das Rot-Weiß-Schmücken des Tannenbaumes, was für Omas, Eltern und den Benjamin ein gemeinschaftliches (!) Projekt ist, sofern die Fliehkräfte des prallen Bauches und des Alkoholpegels es noch zulassen.

Am 24. geht es dann in die Vollen, wobei manch obligatorisch angebotene Disziplin des folgend beschriebenen kulinarischen Zehnkampfes auch übersprungen werden darf. Der geübte Weihnachtsgast weiß, dass er sich zurückhalten sollte, sofern er Teile des Abendessens noch genussvoll an den Gaumen lassen möchte. Das Frühstück geht über ins Julefrokost – ein über Stunden ausgedehntes Mittagessen. Marinierte Heringsvarianten, Räucheraal und Leberpastete mit Rotkohl landen großzügig auf möglichst dünn geschnittenem Schwarzbrot, gern auch Remoulade obendrauf. Dazu gibt es wie am Vortag Schnaps (immer wenn jemand „Skål“ ruft), Gløgg und schwindelerregendes Weihnachtsbier. Nachmittags dazu Plätzchen mit Kaffe.

Wenig später, wenn es draußen dunkel wird, setzt sich die kulinarische Reise mit teils warmem Buffet fort. Bei den vorabendlichen Würstchen hinter der nun beendeten Gebäck-Disziplin handelt es sich bestenfalls um Medisterpølser. Diese grobe und eher trockene Spezialität aus Fleisch und Innereien landet roh im Ofen, wo sie nach bester Machart vom langsam abtropfenden Fett einer oberhalb garenden Ente genährt wird. Wer will, darf darf seinen Magen jetzt mit der Käseplatte schließen.

Beladen von der Wucht dieser Mahlzeiten schleppt sich immerhin ein Drittel der Bevölkerung nun auf die Kirchenbank. Auch die Julenisser kriegen an diesem Nachmittag in vielen Häusern etwas zu Essen - damit sie nicht neidisch werden. Mit Milchreis und Milch wollen die Kinder die Weihnachtsdiener, die in Zeiten vor der Etablierung des Weihnachtsmannes die Geschenke brachten, gut stimmen für die Bescherung am Abend.

Kommen wir schnell zum Hauptgericht: Dieses ist am Heiligabend meist Gans, Ente oder Schweinebraten mit Rotkohl und braun-karamellisierten, winzigen Kartoffeln. Nah hinterher gibt es verpflichtend den mit viel Schlagsahne und gehackten Mandeln veredelten Vortags-Milchreis als kaltes Dessert („ris à l'amande“) mit angedickten Kirschen. Darin befindet sich immer eine ganze Mandel. Wer diese beim Verzehr in seinem Mund findet, hatte Glück. Er bekommt jetzt schon ein Geschenk, das hoffentlich nicht essbar ist.

„Gammel Dansk“ – ein obligatorischer Magenbitter – sorgt währenddessen dafür, dass alles im Bauch Aufgestaute seinen richtigen Platz findet.

Die Einleitung zum zweiten Höhepunkt des Abends bildet das Entzünden der Lichter am Weihnachtsbaum. Danach wird in Dänemark Hand in Hand singend um den Baum getanzt –  wie sich gemeinhin herumgesprochen hat. Die Weihnachtsgeschenke, die unter dem Weihnachtsbaum liegen, werden verteilt. Auf dem Tisch stehen Teller mit Plätzchen. Zu Kaffee und Käseplatte wird so laut gesungen wie noch Luft da ist.

Wenn irgendwann nach Mitternacht die Augen zufallen oder die Galle mahnend zwickt, geht es ins Bett. Jetzt ist offiziell Weihnachten. Beim Besuch des Restes der Familie an den kommenden Tagen wird für Essen gesorgt sein – auf zum nächsten Frokost. Aber nicht unbedingt: In der Regel speist man in etwas bescheidenerer Manier zu Mittag. Es gibt häufig Grünkohl mit Wurst, später Plätzchen, dann Brot, Süßigkeiten zum Kaffee und schließlich Käseplatte. Das hält die Familie zusammen. Wie ähnlich wir uns doch sind…

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erstellt am 23.Dez.2015 | 17:26 Uhr

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