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Hintergrund und Definition : Was ist eigentlich eine Minderheit – wer gehört dazu?

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BDN-Sekretariatsleiter Jan Diedrichsen berichtet für über die Minoritäten in Europa. Hier geht es um die Klärung des Begriffes und die Zugehörigkeit.

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2015 | 17:59 Uhr

In Europa gehören rund 100 Millionen Menschen einer Minderheit an. Doch wer sind diese Personen? Wer gehört dazu und wer nicht? Im Selbstverständnis der europäischen Minderheiten gibt es eine wichtige Unterscheidung zwischen den „neuen“ Minderheiten, die als Immigranten ins Land kommen und den autochthonen (alteingesessenen) Minderheiten, die schon immer im „Siedlungsgebiet“ gelebt haben. Diese auf den ersten Blick einleuchtende Unterscheidung birgt Tücken. Einige Minderheiten, die wie selbstverständlich als autochthone Minderheiten anerkannt sind, kamen als Arbeitsimmigranten ins Land, wie die Banater Schwaben und die Siebenbürger Sachsen – die deutsche Minderheit in Rumänien.

Die Begrifflichkeit ist komplex: Es wird von nationalen, ethnischen, autochthonen Minderheiten oder Volksgruppen gesprochen. Gängig sind die Begriffe Regional- und Minderheitensprache, Nationalität, Volk, Nation etc. Dahinter verbergen sich zum Teil philosophische Überlegungen zum Verständnis von Volk, Nation, und unterschiedliche geisteswissenschaftliche Schulen prallen aufeinander. Das hat in der Praxis wenig Bedeutung. Der ehemalige Hohe Kommissar für Minderheiten der OSZE, Max van der Stoel, hatte recht: „Sie werden eine nationale Minderheit schon erkennen, wenn sie einer begegnen.“

Seit 60 Jahren wird im Völkerrecht darüber gestritten, wie man eine Minderheit definiert. Es ist nicht gelungen, sich auf eine Formel zu einigen. Es haben sich fünf Punkte herauskristallisiert:

Eine autochthone Minderheit/ Volksgruppe ist demnach eine Gruppe,

1. die im Gebiet eines Staates geschlossen oder in Streulage siedelt;

2. die zahlenmäßiger kleiner ist als die übrige Bevölkerung des Staates;

3. deren Angehörige Bürger dieses Staates sind;

4. deren Angehörige über Generationen und beständig in dem betreffenden Gebiet ansässig sind;

5. die durch ethnische, sprachliche oder kulturelle Merkmale von den übrigen Staatsbürgern unterschieden werden können und gewillt sind, diese Eigenarten zu bewahren;

Um etwas deutlicher zu werden, habe ich die europäischen Minderheiten in sechs Hauptgruppen untergliedert:

1) Beginnen wir mit der deutschen Minderheit in Dänemark: eine klassische nationale Minderheit. Ein Produkt des Nationalstaates im 19. Jahrhundert und des Ersten  Weltkrieges. Neben den deutschen Nordschleswigern gehören auch die Ungarn in Rumänien und viele andere Minderheiten in diese Gruppe.

2) Nationalitäten, die im Staat eine Minderheit ausmachen, die jedoch in der Region, in der sie leben, die Mehrheit bilden; zum Beispiel die deutschsprachigen Südtiroler in Italien oder die Ungarn im Szeklerland in Rumänien. In diese Hauptkategorie gehören ebenfalls die sogenannten Ko-Nationen, wie die Finnlandschweden oder Katalanen in Spanien.

3) Minderheiten, die zwar nie einen eigenen Staat gegründet haben, aber wie die Rätoromanen, Sorben oder Friesen bereits vor den Schweizern, Deutschen, Niederländern in ihrer Heimat gesiedelt haben.

4) Die Urbevölkerungen, wie die Inuit und die Sami.

5) In einigen Ländern definieren sich die Juden als nationale Minderheit; wohingegen sie in anderen Staaten allein als religiöse Gemeinschaft anerkannt werden möchten.

6) Die größte „Hauptkategorie“ in Europa sind die Roma und Sinti - mit rund 14 Millionen Angehörigen. Diese Gemeinschaft ist keine homogene Gruppe. Die Sinti in Deutschland unterscheiden sich z. B. in Sprache und Kultur deutlich von den Roma in Ungarn.

Summa summarum: Das Bild der Minderheiten in Europa ist äußerst vielfältig und nicht so ohne Weiteres zu „definieren“.

Der Autor wurde in Sonderburg geboren und war bis 2014 Leiter des Sekretariats der Deutschen Volksgruppe in Kopenhagen und Direktor der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen. Er ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Minderheiten.

Die bisherigen Teile der Serie finden sie in den aufgeführten Links.

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Minderheitenrechte in Frankreich: Der „Bad Boy“ bewegt sich

Stellung der Minderheiten in Österreich: Zweisprachige Ortsschilder und die Kärntner Urangst

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